Bedrohte Biodiversität : So verändert der Eingriff des Menschen die Natur

Die Natur verändert sich radikal, Ursache ist der Mensch. Nicht nur drohen viele Arten auszusterben. Die Zusammensetzung wechselt in vielen Gebieten dramatisch.

Bewaldet. In manchen Wäldern in Europa gibt es nur wenige Baumarten, dennoch ist das Ökosystem stabil.
Bewaldet. In manchen Wäldern in Europa gibt es nur wenige Baumarten, dennoch ist das Ökosystem stabil.Foto: picture alliance / ZB

Von rund acht Millionen Tier- und Pflanzenarten könnten etwa eine Million aussterben – aufgrund intensiver Landwirtschaft, Industrie und Verkehr, über Jagd und Fischerei bis hin zum Klimawandel. Diese Zahlen des Weltbiodiversitätsrat IPBES erregten im Sommer Aufsehen. Doch hinter den verschwindenden Arten versteckt sich ein noch viel größeres Problem. In der Zeitschrift „Science“ warnen Wissenschaftler jetzt vor einem gefährlichen Wandel in der Natur.

Demnach hat sich die Zahl der Arten in einigen der von verschiedenen Forschern unter die Lupe genommenen 51.932 Gebiete im Laufe der Untersuchungen zwar verringert. Gleichzeitig aber veränderte sich die Zusammensetzung der Arten in allen diesen Gebieten zum Teil in einem enormen Tempo.

Während dieser Wandel in den Wäldern der gemäßigten Breiten, wie zum Beispiel in Mitteleuropa, eher gering ausfällt, ist er in den warmen Gewässern vor Australiens Nordwestküste und im Westatlantik besonders stark. Die Studie stammt von Shane Blowes vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Halle, Jena und Leipzig, der Uni Halle-Wittenberg sowie Kollegen aus Europa und Nordamerika.

Solche Veränderungen können erheblichen Einfluss auf das jeweilige Ökosystem haben. „Viel stärker als der Verlust von Arten schürt dieser schnelle Wandel daher die weltweite Krise der Biodiversität“, erklären Britas Klemens Eriksson (Uni Groningen) und Helmut Hillebrand (Uni Oldenburg), ebenfalls in „Science“.

Die Zahl der Arten sagt wenig über den Zustand der Natur aus

„Für diese äußerst komplexe Analyse haben die Forscher am iDiv und ihre Kollegen zum ersten Mal mit riesigen Datensätzen Ökosysteme im Meer, an Land und im Süßwasser gemeinsam untersucht“, sagt Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. Sie konnten nicht nur den Verlust an Arten, sondern auch die teils heftigen Veränderungen erfassen, die einigen Regionen bereits heute erheblich zu schaffen machen.

Die Zahl der Arten allein sagt dagegen häufig nur wenig über den Zustand der Natur aus. „In den Buchenwäldern, die in Mitteleuropa auf sauren Böden wachsen, leben zum Beispiel nur sehr wenige Arten“, erklärt UFZ-Forscher Ingolf Kühn. „Trotzdem sind solche Ökosysteme nicht nur sehr stabil, sondern auch sehr produktiv.“

Genau deshalb haben iDiv-Forscher Shane Blowes und seine Kollegen die Veränderungen untersucht. Dafür wurden 239 bereits vorhandene Studien analysiert, einzelne Datensätze gehen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurück.

[Mehr zum Thema: Keine Zeit zur Anpassung - Der Klimawandel ist für viele Tierarten zu rasant.]

In 23 Meeresregionen nahm die Zahl der Arten wie befürchtet tatsächlich um bis zu 20 Prozent im Jahr ab, an Land gab es Rückgänge bis zu zehn Prozent. In anderen Gebieten aber veränderte die Artenvielfalt sich kaum – oder nahm in 31 Meeresregionen sogar um bis zu 20 Prozent zu. Während weltweit die Artenvielfalt durch den Einfluss der Menschheit abnimmt, scheint sie in einigen Regionen also ganz umgekehrt sogar zu wachsen.

Eine leichte Zunahme der Arten - klingt wie ein Widerspruch

Mehr noch: Als die Forscher um Shane Blowes alle Ökosysteme gemeinsam anschauten, fanden sie sogar insgesamt eine leichte Zunahme der Arten. Das steht zwar auf den ersten Blick völlig im Widerspruch zum weltweit beobachteten Schwund der Arten, lässt sich aber beim genauen Hinschauen gut erklären.

So bringen Bauern vor allem seit den 1960er Jahren bisweilen mehr Dünger wie Jauche und Gülle oder synthetische Produkte auf ihren Äckern aus, als die Nutzpflanzen aufnehmen. Dieser Überschuss erreicht über das Wasser oder die Luft schließlich Wälder, Moore und andere Ökosysteme, denen bisher viel weniger Stickstoff zur Verfügung stand. Ähnlich liefern Verbrennungsmotoren in ihren Abgasen solche Stickstoffverbindungen an die Luft, die am Ende zum Beispiel Wälder oder Magerrasen überdüngen.

Dort halten sich zwar erst einmal die auf solche Standorte spezialisierten Pflanzen, die an wenig Stickstoff angepasst sind. Aus der Umgebung siedeln sich aber auch Pflanzen an, die deutlich mehr Stickstoff benötigen und deshalb auf dem Magerrasen oder im Wald bisher nicht vorkamen. In diesem Gebiet steigt daher die Zahl der Arten zunächst einmal. Mit der Zeit aber überwuchern diese an viel Stickstoffdünger angepassten Gewächse die typischen Magerrasen- oder Waldpflanzen, die am Ende ganz aussterben können.

Was auf den Gipfeln der Berge passiert

„Einen ähnlichen Vorgang löst der Klimawandel auf den Gipfeln der Berge in verschiedenen europäischen Gebirgen aus“, sagt UFZ-Forscher Ingolf Kühn. Dort steigen die Temperaturen, und es machen sich Pflanzen breit, die bisher nur in tieferen Lagen mit höheren Temperaturen wuchsen. Auch auf den Gipfeln halten sich bisher die Spezialisten der Hochlagen noch. In den kommenden Jahrzehnten aber dürften etliche von ihnen aussterben. „Insgesamt gleicht sich die Zusammensetzung in verschiedenen Regionen immer mehr an, und diese Homogenisierung geht zulasten von spezialisierten Arten, die langsam verschwinden“, erklärt Helmut Hillebrand.

Auch in vielen Städten nimmt die Zahl der Arten seit vielen Jahrzehnten zu, sagen die Forscher. Erneut handelt es sich um Alleskönner wie Wildschweine, Füchse oder Haustauben, die vielerorts Probleme hervorrufen. Wenn iDiv-Forscher Shane Blowes und seine Kollegen daher durch den Einfluss menschlichen Wirtschaftens praktisch überall einen Wandel der Zusammensetzung der Arten feststellen, halten sie das keinesfalls für beruhigend. Vielmehr müsse man den Verlust von Diversität angepasst an Kontext und Ort begreifen. Und genau das müssten auch künftige Maßnahmen berücksichtigen, die sich gegen den Wandel richten sollen.

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