Bildungsforscher über benachteiligte Schüler : "Alle wieder in die Schule"

Der Bildungsforscher Rolf Strietholt bezweifelt, dass zurückgefallene Schüler mit Homeschooling aufholen können. Sie bräuchten umgehend individuelle Förderung.

Eine Grundschullehrerin und eine angehende Lehrkraft erklären einer Grundschulklasse die Abstandsregeln.
Auf Lücke lernen: Wegen der Abstandsregeln können nur wenige Schüler gleichzeitig im Präsenzunterricht erreicht werden.Foto: Christian Charisius/dpa

Alle reden über den Innovationsschub, den die Digitalisierung des Unterrichts in der Corona-Krise erzwungen hat. Der Hamburger Bildungsforscher Rolf Strietholt erinnert in unserem Interview an die "abgehängten" Schülerinnen und Schüler, die davon bislang nicht profitieren können. Er fordert, die Schulen schnellstmöglich - für alle Kinder und Jugendlichen - wieder zu öffnen.

Ansonsten drohten eine verstärkte Bildungsungleichheit und volkswirtschaftliche Folgen. Strietholt leitet die Forschungsabteilung der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) in Hamburg, die internationale Schulleistungsstudien wie IGLU, TIMSS und ICILS durchführt. Zu seinen Schwerpunkten gehören Bildungsungleichheit und internationale Vergleichsstudien.

Herr Strietholt, müssen Schülerinnen und Schüler, die nicht erfolgreich am Homeschooling teilnehmen können, in den großen Ferien nachsitzen?
Wer fordert, dass alle oder diejenigen mit dem größten Nachholbedarf in den  Ferien in der Schule nacharbeiten sollten, geht davon aus, dass die Zeit der Schulschließungen eine Art Urlaubszeit war und ist. Das ist aber nicht der Fall, weder für die Schüler noch für die Eltern. Sie haben zwischen Homeschooling und Homeoffice, Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit und in der Isolation eher mehr Stress. Familien brauchen im Sommer die Zeit, um sich zu entspannen.

Was macht eigentlich die Benachteiligung von Schülern in der Corona-Krise genau aus?
Fehlende Ressourcen, durch die Kinder und Jugendliche schon im normalen Schulalltag benachteiligt sind, wirken sich im Fernunterricht noch nachteiliger aus. Ein ruhiger Arbeitsplatz, ein eigenes Zimmer mit Schreibtisch, Bücher, Nachschlagewerke, Papier, Stifte: Über Sachen, die selbstverständlich erscheinen, verfügen Kinder aus bildungsfernen Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Standard häufig nicht. Ganz zu schweigen von einem eigenen Computer oder Laptop.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Online-Umfragen zum Homeschooling zufolge liegt die Computer-Ausstattung in den Familien bei weit über 90, nahe 100 Prozent. Wobei diese Umfragen wohl eher bildungsbürgerliche Haushalte erreichen …
Genau, bildungsferne Familien und solche in prekären Verhältnissen sind darin zumindest krass unterrepräsentiert. Wenn ein Laptop im Haushalt ist, heißt das ja auch nicht, dass es funktioniert und die Kinder dazu Zugang haben, vor allem nicht, wenn sie zu mehreren sind. Wichtig ist auch, ob die Eltern sie dabei unterstützen können, die Aufgaben, die per E-Mail aus der Schule kommen, zu öffnen, auszudrucken, zu bearbeiten. Auch das ist nicht in allen Familien selbstverständlich, vor allem dann, wenn sprachliche Schwierigkeiten hinzukommen. Kann die Schule ein anregungsarmes Elternhaus mit wenig Deutsch und Unterstützung idealerweise ausgleichen, ist dies jetzt über viele Woche weggefallen.

Ein Porträtbild von Rolf Strietholt.
Der Hamburger Bildungsforscher Rolf Strietholt. Er erforschte unter anderem die Wirksamkeit von Sommercamps für die...Foto: Promo

[Lesen Sie auch den von Rolf Strietholt herausgegebenen sechssprachigen (Deutsch, Englisch, Niederländisch, Spanisch, Russisch und Chinesisch) Blog mit Fokus auf internationalen Leistungsstudien wie PISA, TIMSS, PIRLS, TALIS und ICCS.]

Wie lassen sich diese Nachteile im gegenwärtigen Distanzunterricht ausgleichen?
Wir wissen aus internationalen Vergleichsstudien wie ICILS, dass das Lernen mit dem Computer in Deutschland nur mittelmäßig ist und generell hinter Dänemark oder der Tschechischen Republik zurückfällt. Das hat sicher auch Konsequenzen für den Distanzunterricht. Mein Eindruck: Dass Lehrkräfte bei der Versorgung der Schülerinnen und Schüler mit Material für zu Hause nach Kompetenzniveau differenzieren, indem sie unterschiedliche Aufgaben verteilen, ist wohl eher die Ausnahme. Aus Umfragen wissen wir bereits, dass es daran hapert, die Arbeitsergebnisse zurückzumelden. Es gibt zwar einige Lehrkräfte, die Videokonferenzen abhalten, aber da ist es undenkbar, dass sich jemand meldet und sagt, „Ich bin abgehängt“. Ein Konzept, mit dem explizit auf schwächere Schüler eingegangen wird, ist für mich nicht zu erkennen.

Was empfehlen sie? Denn es bleibt wohl vorerst beim Fernunterricht, weil die Schulen wegen der Abstandsregeln nur ein, zwei Tage pro Woche besucht werden können.
Dass man mit Distanzlernen den Präsenzunterricht ersetzen kann, ist eine komplette Illusion. Ein Tag oder zwei Tage Schule ist besser als keiner, aber fünf Tage werden weiter hin das Beste sein. Die Empfehlung der Leopoldina, zuerst die Abschlussjahrgänge in die Schulen zu lassen, sehe ich nicht ganz unkritisch. Wir müssen sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche Lerngelegenheiten bekommen und nicht nur, dass sie einen Abschluss machen und ein Studium aufnehmen oder in die Ausbildung gehen. Ebenso gefährlich ist der Fokus auf die Kernfächer. Politische Bildung, Sport – unwichtig oder zur Zeit unmöglich? Nein, gerade benachteiligte Kinder müssen jetzt lernen, relevante von falschen Nachrichten zu unterscheiden – und sich bewegen.

Berichte zu Schulschließungen und Homeschooling

Wie wäre es mit Summerschools, wie Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sie vorgeschlagen hat? Dort könnten Schüler mit einem Mix aus Lernangeboten, Theater, Kunst und Sport in drei Wochen erstaunlich viel Versäumtes nachholen, etwa ein halbes Lernjahr bei der Lesefähigkeit. Das bestätigt eine Studie, an der Sie beteiligt waren.
Abgesehen davon, dass Sommercamps für größere Gruppen den Abstandsregeln widersprechen: Man darf trotz positiver Evaluationsergebnisse nicht zu viel von ihnen erwarten. Ferienangebote durch Sozialpädagogen und engagierte Studierende sind begrüßenswert, können einen systematischen Unterricht durch erfahrene Lehrkräfte aber nicht ersetzen. Zudem decken Sommercamps nicht in der Breite alle Schulfächer ab, sondern nur einzelne Fächer.

Was also muss geschehen, um die schwachen Schüler aufzufangen?
Alle in die Schule, das ist der Zustand, den wir wiederherstellen müssen. Der Pandemieschutz muss dann darin bestehen, die Risikogruppen weiterhin zu isolieren. Die Aufgabe im neuen Schuljahr wird es sein, die Lücken durch den ausgefallenen Unterricht, durch die anregungsarme Umgebung mancher zu Hause und durch den üblichen Leistungsabfall in den sechswöchigen Ferien auszugleichen. Das könnte die große Chance der Ganztagsschulen werden: Vom Morgen bis zum Nachmittag gezielt und individuell fördern, mit pädagogischen Angeboten von der Sprachförderung bis zum Theaterspielen. Davon sind die meisten Schulen aber leider weit entfernt, auch weil sie nicht die nötigen Mittel für mehr Lehrkräfte haben und nachmittags mit Laien arbeiten.

Warum sollte es jetzt plötzlich klappen, dass auch in Köpfe investiert wird?
Vielleicht können wir Corona gerade dafür nutzen, dass Bildungsungleichheit geringer wird. Indem sich jede einzelne Lehrkraft fragt, was eigentlich ihr Auftrag ist: Wie viel Zeit investiere ich in die schwächeren Lerner? Welche Lernmaterialien kann ich zusätzlich für sie vorbereiten?

Und wenn nicht gelingt, dass die sozial benachteiligten Schüler ihren Rückstand aufholen?
Auf zehn Schuljahre gerechnet ist ein halbes Jahr Totalausfall schon gravierend. Wenn es jetzt keine Bildungsoffensive für die Abgehängten gibt, müssen Wirtschaft und Gesellschaft die Konsequenzen tragen: niedrigere Wissensstände, noch größere Nachteile im Wettbewerb um Ausbildungsplätze, höhere Kosten für soziale Transferleistungen, volkswirtschaftliche Einbußen.

Angebote speziell an Bildungsbenachteiligte können stigmatisierend wirken. Wie müssen sie aussehen, damit sie für die Zielgruppe wirklich attraktiv sind?
Stigmatisierend ist es, auf eine Schule zu gehen, die man sehr wahrscheinlich mit dem Hauptschulabschluss verlässt. Das jemand innerhalb einer Schule an einem Sprachförderkurs teilnimmt, ist nicht stigmatisierend. Solange Deutschland nicht damit aufhört, Kinder auszusortieren, und das sehr früh nach der vierten oder sechsten Klasse, wird die Ungleichheit groß bleiben. Es ist das System, das unsere Realität abbildet. Aber andere Länder machen es anders – mit Erfolg.

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