Covid-19 breitete sich unbemerkt aus : Deshalb trifft das Coronavirus Italien so hart

Hochrechnungen legen nahe, dass das Coronavirus schon Anfang Januar zirkulierte – und damit einen Monat, bevor es in Italien erstmals diagnostiziert wurde.

Italiens Regierung verschärfte die Maßnahmen nochmal deutlich.
Italiens Regierung verschärfte die Maßnahmen nochmal deutlich.Foto: Claudio Furlan/La Presse via Zuma Press/dpa

Der erste an Covid-19 erkrankte Patient in Italien ist "Mattia": Der 38-jährige Mann hatte sich am 20. Februar mit Fieber, Grippesymptomen und Atembeschwerden in der Notaufnahme des Spitals von Codogno in der Lombardei gemeldet. Er befindet sich nach wie vor in Intensivbehandlung. Am Sonntag, also nur 18 Tage später, lag die Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten in Italien bei mehr als 6000. Und die Italiener fragen sich: Warum hat es gerade unser Land so stark getroffen?

Vermutlich nicht bei allen Coronavirus gleich erkannt

Die Experten sind sich inzwischen ziemlich einig: Der Hauptgrund liegt darin, dass sich das Virus wochenlang unbemerkt ausbreiten konnte. "Wir haben den Brand erst entdeckt, als schon fast das ganze Haus in Flammen stand", sagt der Mailänder Fachmann für Infektionskrankheiten Massimo Galli. "Mattia" sei eben nicht der "Patient 1" gewesen, wie man zunächst vermutet hatte.

Epidemiologische Hochrechnungen würden nahelegen, dass das Virus bereits Anfang oder spätestens ab Mitte Januar in Italien zu zirkulieren begonnen habe. Also einen Monat oder mehr bevor "Mattia" krank wurde.

Der wahre "Patient 1", sagt Galli, habe wahrscheinlich keine Krankheitssymptome gehabt und nicht im Traum daran gedacht, dass er Träger des Virus sei. Er ist bis heute unbekannt - und hat unwissend eine unbekannte Zahl von weiteren Personen angesteckt, die dann das Virus ihrerseits weiterverbreitet hätten.

Es sei auch gut möglich, dass die ersten Corona-Patienten mit Symptomen, die sich in den Spitälern gemeldet hätten, nicht als solche erkannt wurden: Er war Grippe-Saison, und die für Covid-19 typischen Probleme der Atemwege und Lungen seien von den Ärzten wohl als normale Grippe-Komplikationen interpretiert worden. "Dass das bei uns in Italien passierte, ist eher zufällig. Das hätte in jedem anderen Land auch passieren können."

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Experten weisen außerdem darauf hin, dass zu dem Zeitpunkt, als das Virus vermutlich nach Italien kam, aus dem Corona-Epizentrum Wuhan erst ziemlich vage Informationen vorgelegen hätten. Die Epidemie in China sei für alle Regierungen noch "weit weg" gewesen, und niemand, weder in Europa noch in der USA, habe damals Maßnahmen in Betracht gezogen. Italien war Ende Januar europaweit sogar das erste Land, das seine Flughäfen für Flüge aus China gesperrt hat. Heute weiß man: Da war das Virus längst im Land. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO hat Italien bisher fast alles richtig gemacht.

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15 Millionen Italiener unter Quarantäne
15 Millionen Italiener unter Quarantäne

In Italien wurde zunächst die große Chinesen-Comunity im eigenen Land für die Epidemie verantwortlich gemacht; es kam zu Diskriminierungen und Beleidigungen. In Italien leben rund 300.000 Chinesen; die Vermutung, dass einer von ihnen das Virus nach Italien gebracht haben könnte, tönte durchaus plausibel.

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Nur: In den bisherigen "roten Zonen" von Codogno und Vo' ist bisher kein einziger Chinese positiv auf das Virus getestet worden. Das gilt auch für die toskanische Stadt Prato, wo rund 45.000 Chinesen unter erbärmlichen Bedingungen in Textilfabriken ihrer eigenen Landsleute arbeiten. Auch auf dem Römer Esquilin-Hügel, der zu einer regelrechten Chinatown mit hunderten von China-Imbissen und Ramschläden geworden ist, ist bisher kein einziger Corona-Fall bekannt.

Am wahrscheinlichsten ist deshalb im Moment, dass das Virus als eine Art Kollateralschaden der Globalisierung nach Italien und Europa gekommen ist: Vor allem in Norditalien es gibt zahlreiche international tätige Firmen, die rege mit China Handel treiben und – zumindest bis zum Ausbruch der Epidemie – ihre Vertreter regelmäßig auf Geschäftsreise nach China schickten und chinesische Geschäftspartner empfingen. Genauso, wie es auch alle anderen europäischen Unternehmen taten, die Geschäfte mit China machen.

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Paolo Bonanni, Hygiene-Professor in Florenz, ist denn auch überzeugt, dass Italien den Nachbarländern bei der Zahl der Corona-Fälle einfach eine oder zwei Wochen voraus sei. "Wahrscheinlich wird die Entwicklung in den anderen Ländern ähnlich verlaufen wie bei uns", sagt Bonanni. Die Nachbarn könnten aber von den Erfahrungen in Italien profitieren: "Wenn unsere Maßnahmen greifen, können sie von den anderen Ländern etwas früher eingeführt werden." Italien sei "ein Labor für andere Länder" geworden.

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