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Überlebenskampf eines - und für einen - Covid-19-Patienten auf einer Intensivstation. (Archivbild aus dem April, San Sebastián De Los Reyes, Spanien)
© Eduardo Parra/Europa Press/dpa

Zahl der Intensivpatienten steigt: „Covid-19 ist jetzt genauso ernst wie in der ersten Welle auch“

Die Intensivstationen füllen sich wieder. Ist die Lage anders als im Frühjahr? Ein Interview mit dem Lungenarzt und Intensivmediziner Christian Karagiannidis.

Von Richard Friebe

Christian Karagiannidis leitet das ECMO-Zentrum der Lungenklinik Köln-Merheim. Er war federführend bei der bislang größten Auswertung zu Covid-Intensivpatienten in Deutschland, die unter anderem von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin und der Technischen Universität Berlin vorgelegt wurde.

Herr Professor Karagiannidis, in den letzten Tagen sind die Zahlen der Menschen, die wegen Covid-19 auf Intensiv-Stationen behandelt werden, wieder gestiegen. Was weiß man über die Patienten? Gibt es Unterschiede zum Frühjahr bezüglich Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen? Und wie hoch ist der Anteil der Infizierten, die dann auch schwer erkranken?
Diese Fragen können wir noch nicht beantworten, weil es diese Daten noch nicht gibt. 
 
Wann wird es konkrete Daten geben?
Epidemiologische Daten dazu gibt es frühestens im Dezember, wenn die jetzt aufgenommen Patienten entlassen und die Daten dann auch übermittelt sind. 
 
Was kann man auch ohne umfassende Statistik derzeit vielleicht trotzdem schon sagen?
Wir haben derzeit ein sehr niedriges Durchschnittsalter der Infizierten. Dadurch gibt es - relativ - weniger Intensivfälle, da dies vor allem die Generationen mit Personen, die älter als 50 Jahre sind, betrifft. Das ist klar und mit unseren Daten aus der ersten Welle gut belegt. Wir wissen wenig über den Schweregrad aktuell. Ich kann nur aus unserer Kölner Erfahrung sagen, dass Covid-19 jetzt genauso ernst ist wie in der ersten Welle auch. Wir sehen hier keine Unterschiede bezüglich der Symptome der Patienten oder dem Schweregrad der Erkrankung.

Und die Zahl der Intensivpatienten steigt derzeit weiter?
Im Moment steigen die Zahlen der Intensivpatienten an. Man muss jetzt schauen, wie hoch der Anteil der Beatmeten ausfällt. In der Spitze lag er bei 80 Prozent, aktuell etwa bei 50 bis 60 Prozent. Schauen wir mal, wie es in zwei Wochen aussieht.
 
Was hat sich in Deutschland auf Intensivstationen hinsichtlich der Therapie geändert?
Tatsächlich hat sich unser Management durch die neue Evidenz der Medikamente etwas verändert. Remdesivir ist in der Frühphase der Erkrankung und Dexamethason bei schweren Fällen in der späteren Phase zum Standard geworden. Auch ist das Management jetzt wesentlich routinierter als zu Beginn der Pandemie. Routine bei Ärzten und Pflegenden trägt insbesondere in der Intensivmedizin viel zum Erfolg bei.

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Christian Karagiannidis leitet das ECMO-Zentrum der Lungenklinik Köln-Merheim. Er war federführend bei der bislang größten Auswertung zu Covid-Intensivpatienten in Deutschland, die unter anderem von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin und der Technischen Universität Berlin vorgelegt wurde.
Christian Karagiannidis leitet das ECMO-Zentrum der Lungenklinik Köln-Merheim. Er war federführend bei der bislang größten Auswertung zu Covid-Intensivpatienten in Deutschland, die unter anderem von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin und der Technischen Universität Berlin vorgelegt wurde.
© Felix Schmitt

Es gibt Daten, die nahelegen, dass durch die Medikamente Sterblichkeit und Schwere der Erkrankung im Mittel massiv sinken können. Ist das so, und wenn ja, in welchem Ausmaß?
Insbesondere die Studie aus England mit Dexamethason hat gezeigt, dass die Sterblichkeit der beatmeten Patienten von aktuell 50 Prozent bei uns um einige Prozentpunkte gesenkt werden kann. Aber das Alter und Begleiterkrankungen sind die Hauptrisikofaktoren von Covid-19. Das ist unabhängig von der Therapie, und beides können wir nicht beeinflussen. Daher können wir insbesondere bei älteren Patienten über 75 Jahre keine Wunder erwarten.
 
Kann man überall in Deutschland auf Intensivstationen damit rechnen, nach dem derzeit besten Standard behandelt zur werden?
Es gibt jedenfalls viele Fachempfehlungen, etwa von der Fachgruppe COVRIIN des Robert-Koch-Instituts, und Leitlinien zu Covid, die viele wichtige Informationen enthalten. Grundsätzlich empfehle ich, gerade jüngere Patienten in großen routinierten Zentren - mit einer sehr guten Personalausstattung rund um die Uhr - zu behandeln.

Was raten Sie denen, die gar nicht erst bei Ihnen oder Kollegen anderswo auf der Intensivstation landen wollen?
Wichtig für die kommenden Monate wird es sein, die Grundregeln des Coronaschutzes einzuhalten: Abstand, Masken, Vermeidung größerer Menschenansammlungen. Und bitte schützen Sie ältere Menschen!

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