Demokratie-Erziehung : Mehr Politik in die Schulen

Die GEW kritisiert, dass politische Bildung in der Schule vernachlässigt wird. In Bayern etwa werden dem Thema nur 0,5 Prozent des Unterrichts gewidmet.

Demokratieerziehung. Zum Unterricht gehören Kontroversen.
Demokratieerziehung. Zum Unterricht gehören Kontroversen.oto: Bernd Weißbrod/dpa

Selbstbestimmt denken und handeln, Verantwortung übernehmen, politische Probleme beurteilen können. All diese Fähigkeiten machen Demokraten und Demokratinnen aus. Und sie müssen gelernt sein, gerade in Zeiten zunehmender politischer Polarisierung und gezielter Falschnachrichten, die im Internet verbreitet werden. Demokratieerziehung ist auch in der Schule ein wichtiges Thema, da sind sich alle Expertinnen und Experten einig. Doch wie steht es um das Fach, das je nach Bundesland Gemeinschaftskunde, Sozialkunde oder Politik genannt wird?

„Politische Bildung an Schulen wurde jahrelang vernachlässigt“, sagt Marlis Tepe. Sie ist die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die am Mittwochabend zum Pressegespräch geladen hat. Seit Pisa liege der Fokus auf Lesen, Schreiben und den MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, führt Tepe aus. Auf der Strecke geblieben seien dabei die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer, die interkulturelle Bildung, Kunst und Musik. Das müsse jetzt ein Ende haben. „Gesellschaftswissenschaftliche Themen sind genauso wichtig wie MINT“, sagt die Gewerkschaftsvorsitzende.

Hohe Anteile fachfremden Unterrichts

Wozu diese Vernachlässigung geführt habe, präsentiert die GEW in Zahlen. Lediglich 4,4 Prozent des Gesamtunterrichts am Gymnasium werden in Hessen der politischen Bildung gewidmet, in Bayern sogar nur 0,5 Prozent. An nicht gymnasialen Schulformen liegen die Zahlen zwischen 1,1 Prozent in Berlin und 3,5 Prozent in Nordrhein-Westfalen. Hinzu kommen besonders hohe Anteile fachfremden Unterrichts. Insbesondere an Haupt- und Realschulen wird in keinem anderen Fach in so hohem Umfang fachfremd unterrichtet, mit Spitzenwerten von über 80 Prozent.

Es bestehe dringender Handlungsbedarf, um politische Bildung an den Schulen zu stärken, so Marlis Tepes Fazit. Die GEW fordert mehr zeitliche Ressourcen und mehr ausgebildete Lehrkräfte in dem Gebiet. Dies betreffe bereits die frühkindliche Bildung und die Grundschule, aber auch alle Sekundarstufen. Als ehemalige Hauptschullehrerin liege es ihr besonders am Herzen, dass die politische Bildung an Haupt- und Förderschulen nicht weiter vernachlässigt werde, sagt Tepe.

Wie geht man mit extremistischen Schülern um?

Ein wichtiges Thema sei auch der Umgang mit extremistisch eingestellten Schülerinnen und Schülern. „Alle Fachkräfte sind sich einig, dass politische Bildung nie neutral ist“, sagt Marlis Tepe mit Blick auf das Meldeportal der AfD, mit dem die Partei gegen angebliche „linke Indoktrinierung“ vorgehen will. Tepe verweist auf den Beutelsbacher Konsens von 1976: Lehrkräfte dürfen Schülern nicht ihre Meinung aufzwingen (Überwältigungsverbot), kontroverse Themen müssen kontrovers dargestellt werden, Schüler sollen in die Lage versetzt werden, die Politik in ihrem Sinne zu beeinflussen. Die Lehrkräfte müssten dabei die Grenzen des Sagbaren deutlich machen, sagte Tepe. Diese seien in den Menschenrechten und dem Grundgesetz definiert.

Bernd Overwien, Professor für Politikdidaktik in Kassel, kritisiert, dass das Fach Politik in einigen Bundesländern von wirtschaftlichen Inhalten verdrängt worden sei. Overwien gehört zu den Initiatoren einer Grundsatztagung zur politischen Bildung, die im Oktober 2018 in Hofgeismar stattfand. Bei der von der GEW unterstützen Tagung, an der neben Lehrkräften und Wissenschaftlerinnen auch Politiker teilnahmen, wurden unter anderem mindestens sechs Politikstunden pro Woche in der Sekundarstufe I sowie eine längere Ausbildung der Lehrkräfte gefordert. Politische Bildung werde oft als Feuerwehr in brenzligen Zeiten verstanden. Dabei gelte es, langfristig Strukturen zu schaffen, so Overwien.

Die Politik hat zu wenig unternommen

Tepe und Overwien sind sich einig, dass die Politik bisher zu wenig unternommen hat. 2015 erklärten die Bildungsminister der EU zwar, dass sie die politische Bildung künftig stärker fördern wollen, und die Kulturministerkonferenz erneuerte im Oktober 2018 ihren Beschluss zur Demokratie- und Menschenrechtsbildung. Doch passiert sei bisher wenig. Vor einigen Tagen empfahlen die Kultusminister nun, dass alle Schülerinnen und Schüler während ihrer Schullaufbahn ein Grundgesetz erhalten sollen. Eine nette Geste, die die massiven strukturellen Probleme in dem Feld aber wohl kaum beheben wird.

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