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In einem Flüchtlingslager im Südsudan stehen und sitzen Männer und männliche Jugendliche an einem Marktstand.
© REUTERS

Sozialwissenschaft und Globalisierung: Der Westen hat ausgedient

Sozialwissenschaftler müssen alte Weltbilder überwinden, um globale Machtverhältnisse zu verstehen. Wohlstand ist keineswegs immer eine Voraussetzung von Demokratie und Föderalismus kein Allheilmittel.

Die Ukraine-Krise spaltet – nicht nur die Weltöffentlichkeit. Auch in der Wissenschaft streiten sich die Lager über Auswirkungen und Handlungsoptionen. So fordern die einen pauschal harte Sanktionen gegen Russland aus geostrategischen oder völkerrechtlichen Gründen, die anderen argumentieren, Sanktionen träfen immer die Falschen. Doch gibt es nicht nur Schwarz oder Weiß, Wirkung oder Fehlwirkung, links oder rechts. Richtiger wäre die Frage, welche Sanktionen wirken wie, wo und in welchem Kontext.

Klar ist: Sanktionen ganz unterschiedlicher Art finden weltweit Anwendung, aber ihre Wirkung ist nicht überall gleich. Ob Russland, Iran oder gar Nordkorea und Zimbabwe – bevor pauschale Aussagen getroffen werden können, sollte auch innerhalb der Sozialwissenschaften ein Blick über den Tellerrand der eigenen Disziplin und der nationalen oder regionalen Grenzen geworfen werden. Warum nicht andere Perspektiven einbeziehen? Warum nicht weltweit vergleichen?

"Je reicher, desto demokratischer" - für China stimmt das nicht

Viele Sozialwissenschaftler messen und bewerten immer noch nach europäischen Maßstäben, erklären die Welt mit Theorien, die im Wesentlichen auf europäischer Erfahrung und Geschichte gründen. Sie schauen meist auf die USA und auf Westeuropa – andere Weltregionen bleiben außen vor. Das zementiert ihr Weltbild: „The West and the Rest.“ So lässt sich die verbreitete und auf westlichen Erfahrungen basierende Annahme, dass Wohlstand Voraussetzung für Demokratie sei – „Je reicher, desto demokratischer“ –, längst nicht mehr halten. China zum Beispiel hat in den vergangenen 20 Jahren ein sensationelles Wirtschaftswachstum erlebt, aber keinen nennenswerten Demokratieschub.

In Afrika gehören Länder wie Ghana, Senegal oder Benin zu den demokratischsten Staaten, ökonomisch aber liegen sie bestenfalls im afrikanischen Mittelfeld. Stattdessen tummeln sich ganz oben in den Wirtschaftsrankings das autoritäre Angola, die altertümliche Monarchie Swasiland und ganz an der Spitze mit Äquatorialguinea die wohl härteste Diktatur auf dem Kontinent.

Was gilt wirklich global, was nur unter bestimmten Voraussetzungen?

Die These des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Seymour Martin Lipset zu Wohlstand und Demokratie von 1959 wird bis heute von vielen geglaubt. Der Zusammenhang zwischen Ökonomie und Politik ist aber doch komplexer, wenn man erst mal die Empirie über den ganzen Globus an sich herankommen lässt. Es gilt, sich regionale Spezifika stärker anzusehen: Was gilt wirklich global, was nur unter bestimmten Voraussetzungen?

So ist es sicherlich kein Zufall, dass ein Professor der Internationalen Beziehungen aus Indien seinen Kollegen gerade die Leviten gelesen hat: Amitav Acharya, der neue Präsident der bedeutenden politikwissenschaftlichen Vereinigung International Studies Association (ISA). Er verlangte Ende März auf dem ISA-Kongress im kanadischen Toronto eine radikale Umorientierung der gesamten Disziplin: Die Dominanz des „Westens gegenüber dem Rest“ müsse ein Ende haben. Er forderte eine Öffnung zu dem, was er Globale Internationale Beziehungen nennt.

Lateinamerika bastelt an neuen Formen von Demokratie

Viele vorwärtsweisende Ideen stammen ohnehin aus dem sogenannten globalen Süden wie Südasien, Lateinamerika oder Afrika. Das zeigt der australische Forscher Ben Reilly in einer aktuellen Untersuchung an Innovationen des Wahlrechts. Dort wird experimentiert und an neuen Formen von Demokratie gebastelt, während Europa und die USA mit wachsender Politikverdrossenheit zu kämpfen haben und mit einer Elite, die kaum gewillt ist, althergebrachte Verfahren zu ändern.

Thesen wie die von Acharya erzeugen Widerstand. Denn eine Relativierung des westlichen Standpunkts dürfte zumindest zu einer anderen Reihenfolge weltpolitischer Prioritäten führen: Wie sieht die Welt eigentlich aus, wenn man sie von Bangladesch aus betrachtet? Anders als in Berlin, so viel ist sicher.

Doch immer mehr Sozialwissenschaftler begehren gegen die bisherige Weltsicht innerhalb ihrer Disziplin auf. In den vergangenen Jahren hat sich beispielsweise eine neue, innovative Forschungsrichtung etabliert: Die Vergleichende Regionenforschung (Comparative Area Studies). Sie reißt disziplinäre wie auch regionale Grenzen ein. Der Anspruch: Sensibel sein für die unterschiedlichen Bedingungen in den jeweiligen Ländern und Regionen und daher offen sein für Abweichungen, aber doch stets auf der Suche nach der Essenz, nach der Möglichkeit, allgemeine Aussagen treffen zu können.

Studenten der Politikwissenschaften etwa lernen klassischerweise Staatsformen wie das Präsidialsystem oder den Parlamentarismus meist am Beispiel der USA, Großbritannien und Deutschland. Beide Regierungsformen aber haben sich über den ganzen Globus ausgebreitet und funktionieren in der Praxis teilweise ganz anders als „im Original“.

Für Präsidenten etwa in Afrika sind oft informelle Machtmittel entscheidend

In einem jüngst veröffentlichten im Fachjournal „Democratization“ finden die Oxforder Regionalspezialisten Paul Chaisty, Nicolas Cheeseman und Timothy Power signifikante Unterschiede in den Funktionsweisen zwischen Präsidialsystemen – weil sie in Lateinamerika, Afrika und Russland recherchiert haben. Sie zeigen, dass für Präsidenten auch oft informelle Machtmittel entscheidend sind, um an der Macht zu bleiben und nicht nur der verfassungsrechtliche Einfluss auf die Gesetzgebung, wie es in der klassischen Lehre meist dargestellt wird. Mit informellen Machtmitteln ist etwa die Patronage gemeint, also die gezielte Beförderung von Schützlingen in wichtige staatliche Positionen.

Föderalismus ist ein von Friedensforschern beschworenes Standardrezept

Die drei Forscher decken die klaren Unterschiede auf zwischen lateinamerikanischen Staatsformen, wo die Rolle des Präsidenten in der Haushaltsaufstellung besonders groß ist, gegenüber solchen in Afrika, wo Präsidenten gerne über häufige Kabinettsänderungen Loyalität erzwingen. Damit erledigen sich endgültig pauschale Aussagen zu Sinn und Unsinn von Präsidialsystemen. Europäisch-amerikanische Wahrheiten sind nur partielle Wahrheiten.

Ein anderes Beispiel: In Europa ist die regionale Autonomie, bisweilen auch der gerade in Deutschland so ausgeprägte Föderalismus, ein unter Friedensforschern viel beschworenes Standardrezept zur Lösung ethnischer, sprachlicher oder religiöser Konflikte. Im Baskenland mit dessen begrenzter Autonomie innerhalb Spaniens hat das schließlich auch schon halbwegs geklappt. Sehr gut funktionierten die umfassenden Selbstverwaltungsrechte für die Provinz Südtirol innerhalb der autonomen Region Trentino.

Viele ethnische Gruppen leben nicht in einem abgegrenzten Gebiet

Doch in anderen Weltregionen ist dieses Konzept der territorialen Machtteilung hoch problematisch oder gar schnell gescheitert, wie das aktuelle Beispiel Sudan zeigt. Der 2005 zuerkannte Autonomiestatus für den Südsudan mündete nach einem Referendum 2011 in der Unabhängigkeit. Der Bürgerkrieg im jüngsten UN-Mitgliedsland zeigt aber, dass damit kaum Frieden erreicht wurde. Gleichzeitig bleibt auch der nun deutlich geschrumpfte Sudan in seinen zahlreichen lokalen Gewaltkonflikten gefangen, trotz formal föderalistischer Ordnung. Auch in anderen Ländern Afrikas gibt es Vorbehalte gegen eine starke Dezentralisierung.

Viele ethnische Gruppen leben nicht in einem abgrenzbaren geografischen Gebiet. Wenn Verwaltungsbereiche neu zugeschnitten werden, können selbst große ethnische Gruppen zu neuen Minderheiten werden, die befürchten, unter das Joch einer neuen Mehrheit zu gelangen. Diese Angst ist beispielsweise in der Bevölkerung Kenias weit verbreitet.

Dort, wo Minderheiten im Wesentlichen in einem bestimmten geografischen Gebiet leben, kann eine territoriale Lösung gelingen. Das mag erklären, warum die Autonomieregelung für die Inselprovinz Aceh als Teil Indonesiens erfolgreich war. Es sind aber nicht alle aufbegehrenden Minderheiten Bewohner von Inseln, Bergregionen oder Küstenstreifen.

Der westliche Maßstab ist illegitim aus der Sicht der bislang Dominierten

Den Westen als Maßstab für die Welt zu sehen, hat aus vielen Gründen in den Sozialwissenschaften ausgedient. Diese Herangehensweise entspricht nicht mehr den globalen Machtverhältnissen. Es ist zutiefst illegitim aus Sicht der bislang Dominierten - und könnte sogar systematisch Fehlschlüsse über diese Welt produzieren. Denn ob etwas universal gilt oder doch stark regional variiert, bedarf des globalen Vergleichs. Es ist Zeit umzudenken.

Andreas Mehler ist Direktor für Afrika-Studien am Hamburger GIGA German Institute for Global and Area Studies (hier). Das GIGA feiert in diesen Tagen sein 50-jähriges Jubiläum. Es forscht zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Afrika, Asien, Lateinamerika und Nahost.

Andreas Mehler

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