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Riesenunterschiede zeigt der Vergleich mit Knochen heutiger Vertreter.
© Pietro Valenti

Knochenfund vom Panzertier: Die letzte Riesenschildkröte von Sizilien

Ein fossiler Oberschenkelknochen zeigt, dass Riesenschildkröten deutlich länger in Europa überlebten als angenommen.

Es gibt sie noch, die Giganten. Doch um Riesenschildkröten in der Natur zu sehen, muss man heute zu abgelegenen Archipelen wie den Galapagos-Inseln im Pazifik oder dem Aldabra-Atoll im Indischen Ozean reisen. Die Panzer dieser mächtigen Tiere können über einen Meter lang werden. Bei der heute in Europa lebenden entfernten Verwandtschaft ist indes meist bei 20 Zentimetern Schluss.

Das war aber nicht immer so: Auf Sizilien hat eine riesige Schildkröten-Art mit einem Panzer von mehr als einem halben Meter Länge noch vor rund 12.500 Jahren gelebt. Das berichtete ein Forscherteam im „Zoological Journal of the Linnean Society“.

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Suche nach lebenden Verwandten

„Ausgräber berichteten mir vor einigen Jahren in Palermo vom Fund eines riesigen Oberschenkelknochens einer Schildkröte“, erinnert sich Co-Autor Uwe Fritz vom Museum für Tierkunde der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden. Das Fossil war in einer Begräbnisstätte aus der Kupfer- und Bronzezeit in der Höhle Zubbio di Cozzo San Pietro im Norden Siziliens entdeckt worden. Dort gefundene Dinge sind normalerweise etwa 4000 Jahre alt. Die jüngsten bisher auf der Balearen-Inseln Formentera gefundenen Überreste eines ähnlichen Giganten sind mit 195.000 Jahren deutlich älter.

Fritz wollte Erbgut aus dem Fossil isolieren, um die Verwandtschaftsverhältnisse zu den heute lebenden Schildkröten im Mittelmeerraum zu untersuchen. Nur fand Co-Autor Christian Kehlmaier vom Museum keine verwertbaren Überbleibsel. Dabei stehen auch im relativ warmen Klima einer Mittelmeerinsel die Chancen recht gut, dass in Knochen aus der Kupfer- und Bronzezeit noch auswertbares Erbgut steckt. Auf die Lösung dieses Rätsels stießen die Kollegen in Italien, als sie mit der sogenannten Radiokohlenstoff-Methode das Alter des Fundes ermittelten. Die Schildkröte hatte schon viel früher, wahrscheinlich vor etwa 12.500 Jahren gelebt.

Wie der Oberschenkelknochen und einige weitere, deutlich kleinere Überreste dieser Schildkröte in die Begräbnisstätte gekommen waren, bleibt ungeklärt. „Aber auch das neue, sehr zuverlässige Alter bedeutet, dass solche sehr großen Arten viel länger als bisher angenommen in Europa gelebt haben“, erklärt Fritz.

Um der Frage nach den Verwandtschaftsverhältnissen nachzugehen, verglichen mehrere Schildkröten-Spezialisten Details der Form des Oberschenkelknochens mit denen entsprechender Knochen verschiedener anderer Arten. Das Ergebnis war eine weitere Überraschung: Eine enge Verwandtschaft konnten die Morphologie-Experten mit keiner einzigen der heute lebenden Schildkröten-Arten finden. Möglicherweise war das Tier, dessen Oberschenkelknochen ausgegraben wurde, eines der letzten überlebenden seiner Linie. Nähere verwandt waren wahrscheinlich nur Schildkröten, die bis vor wenigen Hunderttausend Jahren auf verschiedenen Inseln im westlichen Mittelmeer lebten. Diese Tiere gehören zu der bisher unbekannten Gattung Solitudo, sind die Morphologen überzeugt.

Lebender Proviant für Seeleute

Ein Blick auf den Oberschenkelknochen der ausgestorbenen Solitudo-sicula-Schildkröte von Sizilien zeigt klar, dass diese Art viel größer war als die heute lebende Griechische Landschildkröte. Der Panzer von Solitudo sicula dürfte mit 50 bis 60 Zentimetern erheblich länger gewesen sein.

So große Panzerträger waren für die Steinzeitmenschen Siziliens eine lohnende Beute, die man leicht erwischen konnte. „Schildkröten leben eher gemächlich und können vielen Feinden daher kaum davonlaufen“, erklärt Fritz. Stattdessen würden sie sich auf ihre Panzer verlassen, bei Gefahr Kopf und Beine in das schützende Gehäuse einziehen und einfach abwarten, bis der Feind aufgibt, schildert der Senckenberg-Forscher die Verteidigungsstrategie.

Aber bereits Steinzeitmenschen lernten, dieses seit vielen Millionen Jahren erprobte Erfolgsrezept auszuhebeln. Bis in die Neuzeit drehten Seeleute zum Beispiel die Galapagos-Riesenschildkröten einfach auf den Rücken. Aus eigener Kraft können sich die Tiere kaum umdrehen und mussten so als lebender, aber wehrloser Proviant auf Schiffen mitreisen. Dass Schildkröten bereits in der Steinzeit wegen ihres Fleisches gejagt wurden, zeigt ein Fund in Florida. Dort wurden die Überreste einer großen Schildkröte gefunden, die vor 12.000 Jahren mit einem Speer durchbohrt und im Panzer gebraten wurde.

Ähnliches passierte wohl auch anderen Riesenschildkröten. „Sobald Menschen auftauchten, verschwanden zumindest die großen Panzerträger und damit die besonders lohnende Beute rasch“, erklärt Fritz. Nur auf abgelegenen Inseln, die Menschen erst in den vergangenen Jahrhunderten erreichten, überlebten die Giganten bis heute.

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