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Ende eines Vorzeigeprojekts. Nach dem Tod des Infektionsmediziners Sheik Umarr Khan und seiner Kollegen war die Seuchenstation in Kenema verwaist.

© Tommy Trenchard/Polaris/laif

Ebola in Westafrika: Die verlassene Station

Inmitten der schwersten Ebola-Epidemie der Geschichte versuchte das Krankenhaus in Kenema, Sierra Leone, weiterhin zu forschen und Patienten zu pflegen. Bis nichts mehr ging.

Das scheppernde Blechdach machte keinen guten Eindruck. Die Notunterkunft, die Robert Garry und Sheik Umarr Khan an diesem Junitag inspizierten, sollte dem Regierungskrankenhaus in Kenema, Sierra Leone, als provisorische Ebola-Station dienen. Aber nur dünne, verbogene Drähte hielten das Wellblech und die fünf Meter hohe Holzkonstruktion zusammen.

Eine halbe Stunde später unterbrach ein Donnern ihre Besprechung im Hauptgebäude. Noch während das Echo über das Gelände hallte, rannten Garry und Khan nach draußen, um das Unausweichliche in Augenschein zu nehmen: Das Dach war eingestürzt.

Es war wie ein Omen für das, was kommen sollte. Knapp einen Monat danach brach die Krankenversorgung unter der Last der schwersten Ebola-Epidemie der Geschichte zusammen. Mindestens 3338 Menschen hat die Epidemie in Westafrika bisher getötet. Unter den Opfern waren der Infektionsmediziner Khan und viele seiner Mitarbeiter.

Dabei zogen sie nicht unvorbereitet in den Kampf gegen Ebola. Sie kannten ein anderes lebensbedrohliches Virus sehr gut: Lassa, das ebenfalls ein hämorrhagisches Fieber auslösen kann. Jedes Jahr sterben bis zu 20 000 Patienten daran. Zusammen mit Garry, dem Virologen von der Tulane-Universität in New Orleans, und internationalen Forschern hatten die Ärzte in den letzten zehn Jahren das Lassa-Zentrum der Klinik aufgebaut. Dazu gehört ein modernes Labor, das Lassa schnell im Blut von Patienten aufspüren kann. Und eine Station, auf der seit Jahrzehnten Kranke versorgt werden, sogar während des Bürgerkrieges.

Ein leuchtendes Beispiel für wissenschaftliche Zusammenarbeit in Afrika

Die dort gesammelte Expertise bildete den Kern des Konsortiums für virale hämorrhagische Fieber, das die Ärzte 2010 gründeten. Nicht nur Wissenschaftler aus Kenema und der Tulane-Universität waren darin vernetzt, sondern auch andere Partner aus Westafrika und den USA. Pardis Sabeti, Bioinformatikerin am Broad-Institut in Cambridge, Massachusetts, arbeitet seit 2008 mit dem Team in Kenema zusammen. Die Genetikerin möchte verstehen, wie sich Lassa in Westafrika verbreitet.

Forschung vor Ort. Das Regierungskrankenhaus in Kenema, Sierra Leone, war bisher für sein Lassa-Zentrum bekannt.

© Stephen Gire

Sabeti, Khan und Garry trafen sich im Mai in Nigeria. Sie feierten eine Einweihung: Die Weltbank und die Nationalen Gesundheitsinstitute der USA hatten ein Zentrum für Genomik von Infektionskrankheiten im Bundesstaat Ogun finanziert. Dort sollte fortan das Erbgut der Mikroben Westafrikas untersucht werden. Die Anschaffung des ersten Hochdurchsatz-Sequenzierers der Region stand bevor. Für eine besonders verlässliche Erbgutanalyse würden die Ärzte aus Kenema ihre Proben dann nicht mehr nach Übersee schicken. Das Konsortium wurde zu einem leuchtenden Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Zusammenarbeit in Afrika funktionieren kann, wie man vor Ort Infrastruktur schafft, statt alles aus dem Ausland zu importieren.

Die Neuigkeiten beflügelten alle. Auch in Sierra Leone gab es Fortschritte. Mithilfe eines Zuschusses der US-Navy errichtete Kenema eine neue Lassa-Station mit 48 Betten – doppelt so groß wie die alte. Eine Klimaanlage sollte die Arbeit in Schutzanzügen trotz sengender Hitze erträglich machen. Sie sollte sicherer sein, mit einem Fliesenfußboden, den die Mitarbeiter einfach abspritzen können. Blut, Erbrochenes, Durchfall und Schweiß von Patienten mit einem hämorrhagischen Fieber sind voller Viren. Wenn die Mitarbeiter auf der alten Station mühsam mit dem Besen die Betonfußböden reinigten, riskierten sie jedes Mal eine Infektion.

Der Tod einer Heilerin entfachte einen Flächenbrand

Trotzdem wussten sie, dass ein Problem auf sie zukam. Als Guinea die Weltgesundheitsorganisation WHO im März über einige Ebola-Fälle informierte, verschifften Garry und Sabeti Koffer mit Schutzkleidung nach Kenema. Forscher aus Sabetis Labor reisten an und brachten Proben für die Ebola-Diagnostik mit.

Im Mai erreichten die ersten Infizierten das Krankenhaus. Eine fiebernde Frau blutete stark nach einer Fehlgeburt. Gemeinsam mit 13 anderen hatte sie sich beim Begräbnis einer traditionellen Heilerin angesteckt, die Ebola-Opfer im benachbarten Guinea behandelt hatte. Am 25. Mai bestätigte Augustine Goba, die Leiterin des Lassa-Labors, dass die Trauergesellschaft das Virus nach Sierra Leone eingeschleppt hatte. Die Kranken wurden auf die Lassa-Station verlegt.

Gewissheit. Augustine Goba bestätigte den ersten Ebola-Fall in Sierra Leone.

© Stephen Gire

Garry flog sofort nach Kenema, um das Team vorzubereiten. Statt der üblichen Kittel und Schutzmasken brauchten sie nun wasserdichte Ganzkörper-Schutzanzüge. Garry achtete darauf, dass die Laborassistenten die Blutproben der Ebola-Opfer sammelten, dekontaminierten und sicher verpackten, so dass Sabeti sie am Broad-Institut analysieren konnte.

Zuerst kamen nur wenige Patienten – zu wenige. Diejenigen, die nach den Kontaktpersonen suchten, wussten bereits im Juni, dass es viel mehr Infizierte geben musste. Aber Ebola war hier unbekannt. Die Menschen verbreiteten unwissentlich das Virus, indem sie sich um die Kranken kümmerten und die Toten begruben. Ganze Dörfer wurden ausgelöscht.

"Wenn ich mich weigere, er wird dann mich behandeln?"

Khan ahnte, dass bald eine Welle über Kenema hereinbrechen würde. Er ordnete an, eine provisorische Station aufzubauen. Die Notunterkunft füllte sich ab Ende Juni. Aus dem gesamten Osten Sierra Leones fluteten Kranke herein. Es gab für sie keine andere Zuflucht.

Material und medizinisches Personal wurden Mangelware. „Ärzte ohne Grenzen“ und andere Organisationen arbeiteten ohnehin an ihrer Kapazitätsgrenze. Die WHO schickte einige Mitarbeiter, aber die Vorräte schwanden dahin. Oft war Khan der einzige Arzt für 80 Patienten. Er fühlte sich einsam, fürchtete um sein Leben. Trotzdem kümmerte er sich so gut es ging um seine Patienten. „Wenn ich mich weigere, wer wird dann mich behandeln?“, fragte er seine Schwester.

Auf der anderen Seite des Atlantiks analysierte Sabetis Team 99 Blutproben der ersten 78 Patienten in Sierra Leone. Die Forscher entzifferten das Erbgut so genau, dass sie rekonstruieren konnten, wie sich das Virus veränderte, während es von Mensch zu Mensch weitergegeben wurde. Solche Daten hatte noch niemand während eines Ausbruchs gesammelt.

Sie konnten die Epidemie auf eine einzige Übertragung vom Tier auf den Menschen zurückverfolgen. Sie sahen auch, dass das Virus hunderte Mutationen im Erbgut angehäuft hatte, seit es sich vor einem Jahrzehnt von einem zentralafrikanischen Virenstamm abgespalten hatte.

Ihr Tod kappte den Faden, der das Krankenhaus zusammenhielt

Diese Arbeit könnte in Zukunft verändern, wie Ausbrüche bekämpft werden, sagt Anthony Fauci von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA. „Normalerweise haben wir so eine Analyse zwei Jahre später“, sagt er. Sabetis Team lud die Daten so schnell wie möglich in frei zugängliche Datenbanken hoch. Unter den ersten Nutzern waren Forscher, die experimentelle Therapien und Impfstoffe gegen Ebola entwickeln.

Sabeti wusste, wie schnell sich die Lage in Kenema verschlechterte. „Khan machte sich Sorgen und war trotzdem er selbst. Obwohl er nicht die Unterstützung bekam, die er brauchte“, sagt sie.

Ende Juni wurde ein Stammesoberhaupt mit Fieber auf einer Privatstation aufgenommen. Dort achteten die Pfleger nicht so genau auf Infektionskontrolle wie die Lassa-Veteranen. Eine tödliche Kettenreaktion begann. Der Mann steckte fünf Mitarbeiter an, darunter eine schwangere Krankenschwester. Mbalu Fonnie, Hebamme und leitende Schwester auf der Lassa-Station, half der Kollegin zusammen mit drei anderen, ihr totes Baby zu gebären. Sie infizierten sich alle. Und sie starben. Ihr Tod kappte den Faden, der das Krankenhaus zusammenhielt. „Tante Mbalu“ hatte 25 Jahre lang Lassa-Patienten behandelt, selbst während des Bürgerkriegs. Nun war sie fort.

Als Sabeti am nächsten Morgen ihre E-Mails überflog, sah sie eine Nachricht zu Khan und öffnete sie sofort. Khan hatte Ebola. „Ich bin einfach zusammengebrochen und habe geheult“, sagt sie.

Khans Ärzte entschieden sich gegen eine experimentelle Therapie

Sabeti fühlte sich hilflos. Sie wollte etwas tun. Irgendwas. Also verfasste sie einen Appell: Die USA sollten mehr Material und Geld für den Kampf gegen die Seuche bereitstellen. Sie wandte sich an Eric Lander, den Direktor des Broad-Instituts, und andere wissenschaftliche Berater des US-Präsidenten. Gemeinsam mit Garry reiste sie nach Washington, um dort um Hilfe zu bitten. Garry fragte die Verantwortlichen nach experimentellen Medikamenten und Impfungen. Sie drängten Khans Ärzte dazu, ihn mit dem Antikörpercocktail ZMapp zu behandeln. Aber „Ärzte ohne Grenzen“ und die WHO fürchteten sich zu sehr davor, dass etwas schiefgehen könnte. Das würde das ohnehin fragile Vertrauen weiter untergraben. Sie entschieden sich dagegen.

Nachdem Khan schwer krank geworden war, stand das Krankenhaus am Rande des Zusammenbruchs. Es gab zu viele Patienten und zu wenige, die sie behandeln konnten. Die Vorräte waren aufgebraucht. Überfordert und in Todesangst entschieden sich die verbleibenden Pfleger und Labormitarbeiter für einen Streik. Das Krankenhaus war damit praktisch geschlossen. Bis auf Ebola.

Verstorben. Sheikh Umarr Khan versorgte unter widrigen Umständen Ebola-Kranke in Sierra Leone. Nun erlag er selbst dem Virus.

© Reuters

Zu dieser Zeit arbeitete Daniel Bausch von der Tulane-Universität auf der Ebola-Station. „Wir hatten 50 Patienten und keine Krankenpfleger oder sonstiges Personal. Meine erste Reaktion war: Wir müssen schließen. Wir können nicht behaupten, dass es hier eine Versorgung gibt“, sagt er. Trotzdem kämpften er und ein WHO-Mitarbeiter weiter. Sie wussten, dass Kenema der letzte Ausweg für die Patienten war. Die Einwohner der Stadt glaubten derweil Gerüchten, dass Ebola nicht existiert oder eine Verschwörung sei. Sie attackierten das Krankenhaus mit Steinen. Die Polizei schlug die Randalierer mit Tränengas in die Flucht.

Am 29. Juli erhielt Sabeti eine zweite E-Mail: „Dr. Khan ist von uns gegangen.“

Der Tod von Khan war für das Krankenhaus der Tiefpunkt

Die Zeit danach war der Tiefpunkt in Kenema. Der Verlust von so vielen Kollegen war verheerend. „Es hat sie auseinandergerissen“, sagt Joseph Fair, der seit 2004 als Virologe in Sierra Leone arbeitet. Auch Sabetis Team war geschockt: „Wir haben diesen Mann verehrt.“ Als ihre Studie am 28. August im Fachblatt „Science“ erschien, waren sechs der Autoren – darunter Kahn und Fonnie – tot.

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Dafür kam endlich Hilfe. WHO und „Ärzte ohne Grenzen“ lieferten Schutzanzüge. Das Rote Kreuz baute ein Behandlungszentrum. Das Krankenhaus versorgt immer noch etwa 50 Ebola-Patienten. Aber die Mitarbeiter versuchen, die anderen Stationen wieder zu eröffnen.

Denn nun machen sich die Ärzte von Kenema Sorgen wegen Lassa. November bis April ist Hochsaison für dieses Virus. Von 36 spezialisierten Mitarbeitern haben sich elf mit Ebola angesteckt. Ärzte, Schwestern, Reinigungskräfte, Fahrer, Epidemiologen und Laborassistenten haben ihr Leben verloren. Trainees und Ebola-Überlebende treten an ihre Stelle. Das Krankenhaus verzeichnet weniger Lassa-Fälle als erwartet. „Die Patienten zögern, sich an uns zu wenden“, sagt Garry. „Das ist nicht gut.“

Garry hofft noch immer, dass Kenema ein exzellentes Lassa-Zentrum wird, wo Afrikaner selbst klinische Studien durchführen, Krankheiten nachverfolgen, diagnostizieren und behandeln. Das Konsortium für hämorrhagische Fieber will die neue Lassa-Station nach Khan benennen. Das Labor soll einen Hochdurchsatz-Sequenzierer bekommen, so dass die Forscher die Viren vor Ort analysieren können und den nächsten Ausbruch erkennen, bevor er außer Kontrolle gerät. Garry vertraut den Überlebenden von Kenema. „Viele haben einen Teil ihrer Kindheit damit verbracht, sich im Busch vor Rebellen zu verstecken“, sagt er. „Das sind sehr widerstandsfähige Menschen.“

Übersetzung: Jana Schlütter. Der Artikel erschien zuerst im Fachblatt „Nature“. Weitere Informationen gibt es auf der Ebola-Themenseite des Tagesspiegels und des Scientific American. Das Video zeigt Pardis Sabeti zusammen mit Wissenschaftlerinnen aus Nigeria, sie kannten alle die Kollegen in Kenema und hatten gerade die Nachricht von deren Tod bekommen. Die Frauen sangen gemeinsam, um sich wieder Mut zu machen. So entstand das Lied.

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