Digitale Medizin : Wertvolleres Wissen

Besseres Management, mehr Reproduzierbarkeit – das Quest-Center will Forschung ergiebiger machen.

Das Quest-Center will mit digitalen Laborbüchern das tägliche Forschen an den Instituten der Charité und des Max-Delbrück-Centrums modernisieren.
Das Quest-Center will mit digitalen Laborbüchern das tägliche Forschen an den Instituten der Charité und des Max-Delbrück-Centrums...Foto: Labfolder

Als Schlaganfallforscher weiß Ulrich Dirnagl, wie schwierig es ist, Forschungsergebnisse in „klinischen Mehrwert für Patienten“ umzusetzen. „Das liegt natürlich daran, dass das nun mal schwierig ist, aber eben auch, weil wir es nicht optimal machen.“ Diese Selbstkritik ist nicht neu in der Wissenschaft. Schon oft haben Studien darauf hingewiesen, dass die Resultate biomedizinischer Forschung weder ausreichend umgesetzt noch ausreichend reproduzierbar sind oder transparent gemacht werden. Die Forderung des britischen Arztes Ben Goldacre, so lange keine Patienten mehr mit klinischen Studien zu traktieren, bis die existierenden Daten ordentlich ausgewertet und veröffentlicht seien, hält Dirnagl allerdings für „unrealistisch und nicht vernünftig.“ Aber das Argument mache klar, dass die biomedizinische Forschung ein Qualitätsproblem hat.

Den Nutzen von Forschung optimieren

Zwar gebe es viele Ideen, wie man es besser machen könnte. Mit dem Berlin Institute of Health (BIH) habe man nun die Möglichkeit, sie auch umzusetzen und zu überprüfen, sagt Dirnagl. „Gut ausgestattet“ aus dem BIH-Budget will das Quest-Center (die Abkürzung steht für Qualität, Ethik, Offene Forschung und Translation) die „Werthaftigkeit und den Nutzen der biomedizinischen Forschung am BIH und darüber hinaus zu erhöhen.“

Das nur mit mehr Qualitätskontrolle und strengerem Forschungsmanagement zu übersetzen, greift zu kurz. „Wir wollen keine Wissenschaftspolizei sein“, sagt Dirnagl. „Forscher möchten ihre Sache gut machen, aber es werden im System Dinge belohnt, die entkoppelt sind vom Interesse der Gesellschaft oder des Patienten.“ Wenn behauptet wird, dass Wissen produziert wird, dass dem Patienten zugute kommt, dann solle die Qualität dieses Wissens auch daran gemessen werden und nicht daran, wie oft in einem hochrangigen Fachmagazin veröffentlicht wird.

Neue Anreize jenseits von Publikationen

Das Quest-Center allein wird das klassische Belohnungssystem nicht aushebeln können, will aber neue Anreize setzen. Beispielsweise winkt Wissenschaftlern des BIH ein Preisgeld von 1000 Euro (für Forschungszwecke), wenn sie auch „negative“ Daten produzieren – die also belegen, dass eine Therapieidee oder ein Verfahren nicht funktioniert. Vergleichbares gibt es auch für Forscher, die ihre Rohdaten auf öffentlichen Datenbanken zugänglich machen oder Studien anderer wiederholen und dadurch die Aussagekraft und den Wert des Wissens erhöhen. „Wir haben die Belohnungen seit einem Monat ausgeschrieben und etwa zehn Preise vergeben“, sagt Dirnagl.

„Wir haben begonnen, auch in den Bewerbungsbögen für neue Professuren an der Charité solche Anforderungen abzufragen“, sagt Dirnagl. Begleitforschung werde ermitteln, ob die neuen Anreize und Änderungen im System die Qualität und klinische Relevanz der Forschung verbessern können. Dazu gehören ganz pragmatische Werkzeuge. So hat das Quest-Center 1000 Lizenzen für digitale Laborbücher des Berliner Start-ups Labfolder eingekauft . Das soll die Entstehung von Wissen nachvollziehbarer machen und den Verlust von Daten verhindern.

Warum solche Instrumente im Zeitalter von Smartphones und Tablets nicht längst etabliert sind? „Das System ist nun mal träge“, sagt Dirnagl. „Beim Laborbuch ist das tatsächlich völlig unverständlich. Wir verwenden immer noch Laborbücher, wie sie Otto Hahn benutzt hat.“

Geburtshelfer für gute Ideen

Allerdings fehlt Instituten der Anreiz, sich die Mühe zu machen, solche Systeme zu etablieren. Ein Server muss installiert werden, Forscher müssen den Umgang lernen, das Programm bezahlt werden. Belohnungen gibt es dafür nicht. „Die Rolle von Quest ist die des Geburtshelfers“, sagt Dirnagl. Zwar wird sich Dirnagls Hebammentätigkeit zunächst auf den Forschungsraum des BIH, also Charité und Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin beschränken, internationales Aufsehen erregt die Initiative aber schon jetzt. Die US-amerikanischen Arzneimittel- und Gesundheitsbehörden FDA und CDC haben bereits angefragt und wollen kooperieren.

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