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Brandschutzexperte zur Schweizer Katastrophe: 40 Tote und 115 Verletzte – wie kann ein Unglück solche Ausmaße annehmen?
Dutzende Menschen sterben bei einem Feuerunglück im Skiort Crans-Montana. Prüfingenieur Marek Buchert erklärt, wie solche Brände entstehen und wie man sich schützen kann.
Stand:
40 Tote und 115 Verletzte durch einen Brand in einer Bar – wie kann ein Unglück solche Ausmaße annehmen?
Blickt man in die Vergangenheit, auf große Brände in Diskotheken, dann gibt es grundsätzlich zwei Faktoren, die zu einer solchen Katastrophe beitragen: ein fehlender zweiter Rettungsweg und eine falsche Verkleidung und Ausstattung der Innenräume.
Laut Augenzeugenberichten führt nur eine Treppe in den Kellerraum der Bar „Le Constellation“, was allerdings noch nicht bestätigt ist. Sind zwei Rettungswege Standard?
Eigentlich schon. Aber wenn ich mit meiner Frau essen gehe, dann fragt sie mich immer wieder im Scherz, worauf ich achte – ob ich eine Abweichung vom vorgeschriebenen Standard sehe.
Und es kommt wirklich vor, gerade wenn wir in einem Restaurant im Keller sitzen, dass ich mich frage, ob dieser Raum so beantragt wurde. Ob es wirklich nur diese eine Treppe als Ausgang gibt oder ob noch ein weiterer existiert.
Sie überprüfen bei Neubauten oder geänderter Nutzung den Brandschutz. Eine Kellerbar ohne zwei Rettungswege würden Sie oder Ihre Kollegen also niemals genehmigen?
Nein, niemals. Aber dennoch kommt es vor, dass ein zweiter Rettungsweg fehlt. Manchmal ist er beispielsweise versperrt, weil man Zechprellerei verhindern will.
Grundsätzlich muss es in jedem Gebäude aus jeder Nutzungseinheit zwei Rettungswege geben. In der Privatwohnung ist das neben der normalen Treppe eine Stelle, an die sich eine Leiter anlegen lässt. Bei Schulen oder Krankenhäusern muss es zwei gebaute Rettungswege geben, also etwa zwei Treppen. Versammlungsstätten wie Theater oder große Kneipen müssen entsprechend breite Treppen haben.
Ohne zweiten Rettungsweg kann man bei einem Brand also in der Falle sitzen. Aber wie kann es überhaupt zu einem solchen gewaltigen Brand kommen wie in der Schweizer Bar?
Hier kommen wir zum zweiten Risikofaktor: falsche Baumaterialien, Innenverkleidung oder Ausstattung. Welche Materialien für welche Raumgrößen und Veranstaltungsorte verwendet werden dürfen, ist im Brandschutz genau geregelt. Wir unterscheiden zwischen nicht brennbar, schwer entflammbar, normal entflammbar oder leicht entflammbar. Dabei verhalten sich die Materialien im Verbund oft anders als einzeln. Und es ist auch ein Unterschied, ob man etwas an der Wand, an der Decke oder am Boden einsetzt.

© dpa/Kantonspolizei Wallis
In der Bar „Le Constellation“ soll es viel Holzverkleidung gegeben haben. Ist das leichtsinnig?
Nicht unbedingt. Holzverkleidung ist auch in großen Räumen erlaubt, solange sie auf einer nicht brennbaren Wand und ohne Hinterbelüftung angebracht ist, die ein Feuer anfachen könnte. Relevant sind außerdem nicht nur die Innenverkleidung, sondern auch spätere Dekorationen wie Girlanden.
Welche Rolle spielt das Verhalten der Menschen? Augenzeugen berichten, dass in der Schweizer Bar Kerzen oder Wunderkerzen angezündet wurden und es vielleicht auch Pyrotechnik in der Bar gegeben haben soll. War das grob fahrlässig?
Also, dass ich bei meinem Beruf etwas gegen Kerzen habe, ist ja klar. Aber natürlich weiß ich, dass es unrealistisch ist, so etwas zu verbieten. Dass Kerzen oder auch Wunderkerzen angezündet werden, ist einfach normal.
Dann könnten also Materialfehler in der Bar für den furchtbaren Brand verantwortlich gewesen sein?
Um ehrlich zu sein, kann ich mir das Ausmaß dieses Brandes so einfach nicht erklären. Die baulichen Vorschriften, was den Brandschutz betrifft, sind in Deutschland und der Schweiz sicherlich vergleichbar. Irgendein Faktor fehlt, um das Geschehen von einem solchen Ausmaß zu erklären, etwas ist da noch im Argen.
Es soll zu einem explosionsartigen Brand gekommen sein, zu einem sogenannten „Flashover“. Was genau passiert dabei?
Bei einem Flashover entzünden sich spontan sämtliche brennbaren Materialien in einem Raum. Zu einem solchen Durchzünden kommt es zum Beispiel, wenn zunächst ein kleinerer Brand länger gärt oder schwelt, der aber zunächst nicht genug Sauerstoff erhält. Weil moderne Fenster besser schließen als ältere, erlebt man eine solche Situation heute häufiger als früher. Unter der Hitzeentwicklung zersetzen sich organische Materialien wie Holz und Kunststoff zu brennbaren Gasen, den Pyrolysegasen. Die sammeln sich an. Und wenn dann Sauerstoff zugeführt wird, etwa weil jemand ein Fenster öffnet, kommt es zu einer spontanen Entzündung.
Kann ich als Gast erkennen, ob in einem Raum ein solcher Flashover prinzipiell entstehen könnte?
Das ist schwierig. Ich war in meinem Leben noch in keinem öffentlichen Raum, wo ich das Gefühl hatte, in ernster Gefahr zu sein.
Und wenn ein Feuer ausbricht? Löschen oder nichts wie weg?
Das kommt ganz auf die Größe des Feuers an. Wenn zum Beispiel durch eine Kerze ein Tischtuch entzündet wird, dann würde ich das löschen. Aber schon bei etwas größeren Bränden, etwa einem brennenden Papierkorb, wird es heikel. Wer wird in der Hektik wirklich einen Feuerlöscher richtig bedienen – etwa den Brand von unten löschen, nicht in die Flammen zielen? In solchen Fällen lautet die Devise: Alle raus!
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