Empfehlung von Bildungsexperten : Drei Szenarien für das neue Schuljahr

Alle zurück in die Schule? Experten der Friedrich-Ebert-Stiftung empfehlen ein differenziertes Vorgehen. Und schlankere Lehrpläne sowie weniger Klassenarbeiten.

Schüler einer 10. Klasse in Baden-Württember sitzen an Einzeltischen in ihrer Klasse.
Bleibt die Zahl der Infektionen niedrig, kann in festen Lerngruppen auf den Abstand von 1,5 Metern verzichtet werden, lautet eine...Foto: Christoph Schmidt/dpa

Eine Gruppe führender Bildungsexperten hat sich für den "Präsenzunterricht als Regelfall" ausgesprochen - also für die Rückkehr aller Schülerinnen und Schüler in ihre Klassenräume, vorrangig in den Grundschulen. Voraussetzung dafür sei eine weiterhin "geringe Infektionstätigkeit" in der Gesamtbevölkerung, bei der Kontakte von Covid-19-Infizierten effektiv nachverfolgt werden könnten.

Erscheine dadurch ein verlangsamtes Ansteigen von Neuinfektionszahlen "vertretbar", sollte auch "auf eine Klassenteilung verzichtet werden", heißt es in den am Donnerstag veröffentlichten "Empfehlungen für die Gestaltung des Schuljahres 2020/21".

Keinesfalls aber sollten die Planungen von einer Wiederkehr des gewohnten "schulischen Regelbetriebs" ausgehen, betont eine Expertenkommission der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung unter dem Vorsitz von Kai Maaz, dem Direktor des DIPF (Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation) mit Sitz in Frankfurt am Main und Berlin.

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So müssten die Lehrpläne und die "erwarteten Leistungsziele" aller Fächer gekürzt beziehungsweise verringert werden. Das würde den Lehrkräften Freiräume geben, verpassten Stoff nachzuholen und mit weiter bestehenden Einschränkungen des Unterrichts "pädagogisch-konstruktiv" umzugehen.

Gleichzeitig fordern die Experten bundesweite Standards für den Fernunterricht, der vor allem für ältere Schüler teilweise beibehalten werden solle. Sie müssten eine feste Ansprechperson in der Schule haben, mindestens einmal in der Woche persönlichen Kontakt - und verbindliche Stunden- und Wochenpläne für den Unterricht.

Sicherstellen, dass alle am Fernunterricht teilnehmen

So soll sichergestellt werden, dass alle Schülerinnen und Schüler tatsächlich am Fernunterricht teilnehmen. Spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres müssten in den Schulen zudem genügend digitale Endgeräte zur Ausleihe für Schüler ohne eigenes Equipment bereitstehen.

An der Expertise beteiligt sind 22 Wissenschaftlerinnen und Schulpraktiker, darunter Birgit Eickelmann, Professorin für Schulpädagogik an der Uni Paderborn, Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache an der Uni Köln, sowie Miriam Pech, Leiterin der Heinz-Brandt-Schule Berlin-Weißensee und Vorsitzende der Vereinigung der Berliner ISS Schulleiterinnen und Schulleiter (zur vollständigen Empfehlung geht es hier).

Bei dem Appell, die Schulen bei einer niedrigen Infektionsrate wieder für alle Schüler zu öffnen, bezieht sich die Gruppe vorrangig auf die Grundschulen, unter anderem, weil dort in der Regel feste Lerngruppen bestehen. Für die Sekundarstufe sei der Präsenzunterricht als Regelfall zu empfehlen, wenn auch dort "weitestgehend feste Lerngruppen gebildet werden können".

Abstand nur für Lehrkräfte und bei Schülervorträgen

In den Gruppen solle dann das Abstandsgebot von 1,5 bis zwei Metern nicht mehr gelten - außer für Lehrkräfte beim frontalen Unterrichtsgespräch und bei Schülervorträgen vor der Klasse.

Die allgemeinen Hygienemaßnahmen von Händewaschen und Niesetikette, gründlichem Lüften der Klassenräume müssten dabei selbstverständlich weiterhin gelten, heißt es. Die Lerngruppen sollten in den Pausen und nach dem Unterricht möglichst getrennt bleiben und außerhalb der eigenen Gruppe die allgemeinen Abstandsgebote und das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung einhalten.

Doch diese bereits sehr vorsichtige Empfehlung, die eine hohe Selbstdisziplin vor allem der jüngeren Schülerinnen und Schüler voraussetzt, ist nur eines von drei Szenarien, die von der Expertengruppe um Kai Maaz entworfen werden.

Berichte zu Schulschließungen und Homeschooling

Szenario 2 sieht - "bei höherer Infektionstätigkeit" - einen Mix aus Präsenz- und Fernunterricht, geteilte Lerngruppen mit 1,5 Metern Abstand im Klassenzimmer vor.

Nach Szenario 3 wäre Fernunterricht der Regelfall, und zwar dann, wenn es zu einer zweiten Welle von der Intensität der ersten Welle käme, die im März zur vollständigen Schließung der Schulen führte. Näher ausgeführt wird diese Variante nicht. Flächendeckende Schulschließungen seien für die Zukunft sehr unwahrscheinlich, begründet Kai Maaz auf Nachfrage.

Eher käme es bei erneuten Ausbrüchen zu lokalen Schließungen, für die dann die Empfehlungen zur Reduzierung der Fächer zutreffen würden, um Ungleichheiten zwischen Schulen und Regionen vorzubeugen. Ob aber Präsenzbetrieb, ein Mix mit Fernunterricht oder reines Homeschooling - die Lehrpläne und auch die Prüfungen müssten in den kommenden Monaten in jedem Fall reduziert werden.

Nebenfächer nicht vernachlässigen

Dabei warnen die Experten allerdings vor einer Konzentration auf die Kernfächer, wie sie derzeit vielerorts praktiziert wird. Lehrplankürzungen dürften nicht zulasten der Nebenfächer erfolgen, man müsse am Konzept einer umfassenden Allgemeinbildung festhalten.

Wenn es darum gehe, die gesellschaftlichen Folgen der Pandemie aufzuarbeiten, dürfe gerade die Demokratiebildung nicht zu kurz kommen, so Maaz. Reduziert werden solle auch die Zahl der Klassenarbeiten und Tests, dazu sei die Präsenzzeit in der Schule zu kostbar. Wichtiger für die Schülerinnen und Schüler sei ein "Feedback" zu ihren Leistungen.

Für Kinder und Jugendliche, die in der Zeit des Fernunterrichts (weiter) zurückgefallen sind, fordern die Bildungsexperten eine Vielzahl von Hilfen. Sie bräuchten Ferienangebote, die attraktiv sein sollen und nicht stigmatisieren, eine Öffnung von Angeboten privater Institute für Lerntherapie, mit denen die Lehrkräfte sich intensiv austauschen.

Empfohlen wird auch, die Zeiten bis zum Schulabschluss zu flexibilisieren. So könnten die letzten zwei Jahre bis zum Mittleren Schulabschluss in drei Jahren absolviert oder die gymnasiale Oberstufe individuell um ein Jahr verlängert werden.

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