Empörungswellen in Sozialen Medien : Entgrenzte Kommunikation

Soziale Medien beschneiden? Das würde ihnen ihre größte Stärke nehmen: Öffentlichkeiten für Menschen herzustellen, die vorher unsichtbar waren. Ein Gastbeitrag.

Anatol Stefanowitsch
Die sozialen Medien stellen einen radikalen Bruch in unseren kommunikativen Traditionen dar.
Die sozialen Medien stellen einen radikalen Bruch in unseren kommunikativen Traditionen dar.Foto: picture alliance / Franz-Peter Tschauner

Es besteht große Einigkeit, dass der öffentliche Diskurs in den letzten Jahren rauer geworden ist. Es wird eine allgemeine „Sprachverrohung“ und eine Verschiebung der „Grenzen des Sagbaren“ beklagt. Dem Internet wird dabei oft eine ursächliche Rolle zugeschrieben, und tatsächlich lässt sich eine sprachliche Entgrenzung im Netz auch schwer bestreiten – in den sozialen Medien und in den Kommentarspalten großer Online-Medien findet sich menschenverachtende Hetze gegen Flüchtlinge, Muslime, Frauen, Homosexuelle und andere sogenannte Minderheiten in einer Menge und mit einer Regelmäßigkeit, die eigentlich nur noch durch Verdrängung und Abstumpfung erträglich ist.

Ob das Internet tatsächlich zu einer zunehmenden Verrohung des sprachlichen Miteinanders beiträgt, lässt sich kaum beurteilen: Die sozialen Medien stellen einen so radikalen Bruch in unseren kommunikativen Traditionen dar, dass sich ein Vorher und Nachher quantitativ schwer vergleichen lassen.

Bis vor wenigen Jahren hat alltägliche Kommunikation hauptsächlich mündlich stattgefunden und keine Spuren hinterlassen. Wenn wir schriftlich kommuniziert haben, geschah dies in Medien wie dem Brief, der E-Mail oder der SMS, die nur dem kleinen Kreis von Absender/innen und Empfänger/innen zugänglich waren. Erst das Internet hat einen Teil dieser alltäglichen Kommunikation sichtbar gemacht, indem es ihn an öffentlich zugänglichen Stellen und mit einer gewissen Dauerhaftigkeit dokumentiert.

Trolling, Flamewars, Cybermobbings

Was die Qualität der Kommunikation betrifft, sieht es anders aus: Mit den internetgestützten Medien – von den Usenet-Foren der 1980er Jahre bis zu den heutigen sozialen Netzwerken – haben sich eine Reihe von Kommunikationspraktiken entwickelt, die direkt an die Eigenschaften dieser Medien gebunden sind: Trolling, Flamewars, Cybermobbing, Cyberstalking und Shitstorms um nur einige zu nennen.

Der Prototyp der entgrenzten Online-Kommunikation ist dabei sicher der Shitstorm – eine Welle der Empörung, die sich in einem schnell anwachsenden und oft tagelang anhaltenden Dauerfeuer beleidigender und oft menschenfeindlicher Postings in den sozialen Netzwerken äußert. Ein Shitstorm kann sich im Sinne einer aus dem Ruder gelaufenen Verbraucherkritik gegen ein Unternehmen richten, aber häufig steht – in einem fließenden Übergang zum Mobbing – eine Privatperson im Fadenkreuz – etwa die Journalistin Nicole Diekmann, die die Selbstverständlichkeit „Nazis Raus“ twitterte, oder die Politikerin Sawsan Chebli, die nichts weiter getan hatte, als eine Uhr zu tragen. Auch als Gruppe werden vor allem sogenannte Minderheiten zum Ziel von Shitstorms.

Der Autor: Anatol Stefanowitsch ist Professor für Sprachwissenschaft an der FU Berlin.
Der Autor: Anatol Stefanowitsch ist Professor für Sprachwissenschaft an der FU Berlin.Foto:Bernd Wannenmacher/FU Berlin

Drei Eigenschaften der sozialen Medien ermöglichen das Entstehen und die starke Wirkung dieser Empörungswellen. Erstens, die Niederschwelligkeit einer kommunikativen Handlung – ich kann mich mit einem oder mehreren Beiträgen an einem Shitstorm beteiligen, ohne mich besonders anzustrengen oder mit nennenswerten Konsequenzen rechnen zu müssen. Zweitens, die Konnektivität des Netzwerks – ich kann das Ziel meiner Empörung direkt ansprechen, indem ich den Beitrag direkt auf dessen Seite hinterlasse, oder, indem ich seinen Nutzernamen verwende und auf diese Weise dafür sorge, dass der Beitrag in seinen Benachrichtigungen auftaucht.

Drittens, die allgemeine Zugänglichkeit – andere Nutzer/innen können meinen Beitrag ebenfalls sehen und sich dadurch zu eigenen Beiträgen inspirieren lassen. Diese Zugänglichkeit lässt sich noch erhöhen, zum Beispiel durch die Verwendung sogenannter Hashtags – Schlagwörter, die automatisch in Links umgewandelt werden, unter denen dann alle Beiträge mit diesem Schlagwort auffindbar sind.

Die Nutzer/innen agieren kaum miteinander

Die Forschung zeigt, dass die einzelnen Nutzer/innen innerhalb solcher Empörungswellen sich zwar gegenseitig wahrnehmen, aber kaum miteinander interagieren. Ohne ein Medium, das sie füreinander sichtbar macht, hätten sie also weder die Fähigkeit, sich ohne Weiteres zu einem Mob zusammenzuschließen, noch würden sie wohl überhaupt auf die Idee kommen. Es wäre also theoretisch durchaus denkbar, der sprachlichen Entgrenzung im öffentlichen Diskurs entgegenzuwirken, indem wir die oben genannten Eigenschaften der sozialen Medien verändern, also etwa Netzwerkbetreiber in Haftung für ihre Nutzer/innen nehmen, wie es das Netzwerkdurchsetzungsgesetz tut, oder die Öffentlichkeit der Kommunikation technisch beschneiden, wie es in der Dauerdiskussion um Privatsphäre-Einstellungen gefordert wird.

Aber damit würden wir den sozialen Medien gleichzeitig ihre größte Stärke nehmen, nämlich ihre Fähigkeit, Öffentlichkeiten für Menschen und Inhalte herzustellen, die vorher unsichtbar waren. Dieselben Eigenschaften, die die Verbreitung von verbalem Hass und Hetze in einem Shitstorm befördern, ermöglichen auch Hashtag-Kampagnen wie #aufschrei, #metoo oder #metwo, die es Betroffenen von Sexismus, sexualisierter Gewalt und Rassismus ermöglichen, für ihre Erfahrungen überhaupt erst eine Öffentlichkeit zu finden und damit gesellschaftliche Diskussionen anzustoßen.

Und das halte ich für wichtiger als eine voreilige technische oder juristische Beschneidung des Mediums „Soziales Netzwerk“. Der Hass würde damit weniger sichtbar und wahrscheinlich weniger virulent. Aber er würde nicht verschwinden, sondern im Feuilleton, in den Talkshows und in den Parlamenten weiter Verbreitung finden. Nur hätten die Betroffenen keine Möglichkeit mehr, sich zu wehren.

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