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Über einem modernen Bibliotheksraum schwebt ein Kunstwerk, das an zusammengeknülltes Papier erinnert.

© Mike Wolff

Forschungsdaten von Akademien: Europas digitales Gedächtnis ist löchrig

Europas Akademien, Unis und Forschungsinstitute sammeln ihr Wissen jeweils in eigenen Datenbanken. Die angestrebte Fusion wird ein Kraftakt, für den vor allem Geisteswissenschaftler grundsätzlich umdenken müssen.

Die Forschungslandschaft in Europa kann sich wahrlich sehen lassen: Die Dichte an Hochschulen, Akademien und Institutionen ist weltweit einzigartig. Allein acht Wissenschaftsakademien wie die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) gibt es in Deutschland, europaweit sind es über 50. Die Akademien verstehen sich vor allem als Bewahrerinnen des kulturellen Erbes. Viele der dort angesiedelten geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekte widmen sich der Grundlagenforschung – wie etwa Wörterbüchern, kritischen Editionen oder Sammlungen. Die Projekte sind oft auf Jahrzehnte, manchmal sogar auf Jahrhunderte angelegt.

Nur wie passt dieser Anspruch zum digitalen Zeitalter? Wie kann diese wichtige Forschungsarbeit im Internet für andere Wissenschaftler zugänglich gemacht werden? Und wie kann man die von den zahlreichen europäischen Einrichtungen erarbeiteten Daten und Ergebnisse sinnvoll miteinander verknüpfen? Vor einiger Zeit hat die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften gemeinsam mit dem Verband All European Academies (Allea) beschlossen, diesen drängenden Zukunftsfragen endlich nachzugehen – und dafür zunächst überhaupt einmal eine Bestandsaufnahme durchzuführen: Wer forscht in Europa im Bereich Geistes- und Sozialwissenschaften eigentlich seit wann an welchen Themen, mit welchen Mitteln und basierend auf welcher digitalen Infrastruktur?

Hunderte Großprojekte, aber man weiß nicht voneinander

Eine daraus resultierende Umfrage brachte unerfreuliche Fakten ans Tageslicht. Der Fragebogen ging nicht nur an die 59 Allea-Mitglieder, sondern an rund 750 Akademien, Universitäten, Gelehrtengesellschaften und andere außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Ergänzend wurde auch im Internet recherchiert. Am Ende konnten über 600 einzelne Forschungsprojekte identifiziert werden, viele davon mit ähnlichen Ansätzen und Fragestellungen.

„Es gab zahlreiche Überschneidungen“, berichtet Camilla Leathem, eine der Autorinnen der Studie. Oft allerdings wussten die Wissenschaftler gar nicht von der Arbeit ihrer europäischen Kollegen. Dabei ist der Wunsch nach länderübergreifender Zusammenarbeit überall groß. „90 Prozent gaben an, dass sie sich internationale Kooperationen wünschen.“ Und fast alle Wissenschaftler klagten über mangelnde Möglichkeiten des Austauschs.

Viele archivieren mit Bürosoftware

Nach ihren digitalen Arbeitsmitteln befragt, gaben die meisten europäischen Forscher an, mit Bürosoftware und Datenbanken zu arbeiten. Oft werden Projektdaten bereits elektronisch erfasst, allerdings fehlen dabei meist institutionelle Richtlinien. So entstehen projektspezifische IT-Architekturen und -Standards, sogenannte Insellösungen, die anschließend nicht unbedingt mit anderen Datenbanken kompatibel sind, selbst wenn die Themen oder die methodischen Ansätze sich ähneln. Meist bleiben die Daten ohnehin nur lokal gespeichert und werden überhaupt nicht öffentlich zugänglich gemacht. Nur rund 40 Prozent der Befragten gaben an, Forschungsdaten Open Access zu publizieren.

Was nützt exzellente Forschung, die versteckt ist?

Für Günter Stock, Vorstandsvorsitzender der Berliner Einstein-Stiftung und Präsident von Allea, ist das alles ein unhaltbarer Zustand. „Die Digitalisierung und Harmonisierung der Herangehensweise sind von großer Bedeutung“, sagt er. Gerade für die Wissenschaftsakademien ist der Anspruch der langfristigen Zugänglichkeit extrem wichtig. Denn was nützt exzellente Grundlagenforschung, wenn sie auf lokalen Servern in veralteten und nicht mehr anschlussfähigen Datenbanken versteckt ist? „Wir müssen gemeinsame Strategien und Standards entwickeln, um Daten langfristig und operational zugänglich zu halten“, sagt Stock.

Das klingt komplizierter, als es ist. Denn eigentlich muss das Rad dafür gar nicht neu erfunden werden. Sammeln, katalogisieren, archivieren – das beherrschen die Geistes- und Sozialwissenschaften schon lange. In Museen, Bibliotheken und Archiven wird das seit Jahrhunderten praktiziert. „Die Geisteswissenschaften haben diese Forschungsinfrastrukturen sogar erfunden“, betont Claudine Moulin, Professorin für Sprachgeschichte an der Universität Trier und wissenschaftliche Leiterin des „Kompetenzzentrums für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften“. Nun müssten diese analogen Kompetenzen lediglich ins Digitale überführt werden. „Da befinden wir uns aber noch in der Aufbauphase“, sagt Moulin.

"Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts"

Aufbauphase – das klingt nach mehr Fördergeldern, die benötigt werden, nach mehr Investitionen in technische Infrastrukturen. Aus Sicht von Gerhard Lauer, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Göttingen und Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften, ist aber weder Geld noch Technik das entscheidende Problem. Zunächst müsse ein Umdenken stattfinden: „Es gibt Daten, es gibt neue Methoden, es gibt statistische Werkzeuge und Praktiken – jetzt braucht es kollaborative Zusammenarbeit!“ Schuld an dem aktuellen Dilemma sind für ihn fehlende Anreize und falsche Belohnungssysteme im Wissenschaftsbetrieb. „Es rechnet sich für Geisteswissenschaftler nicht, mit anderen zusammenzuarbeiten.“ Noch immer bringen Printpublikationen deutlich mehr Renommee als der Aufbau von Datenbanken.

Die digitale Vernetzung, die sich alle wünschen, wird nicht ausreichend gefördert und gefordert – vor allem aber wird sie nicht akademisch belohnt. So bleiben die Datenschätze über ganz Europa verstreut, oft nicht einsehbar und nicht anschlussfähig. Das wiederum behindert am Ende alle Forschenden. Dabei ist Literaturwissenschaftler Lauer überzeugt, dass auch die Geistes- und Sozialwissenschaften sich angesichts der größer werdenden Datenmengen verändern müssen, dass neue Fragestellungen und neue Methoden relevant werden: „Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts.“

Eine Lösung: Ein gemeinsames Portal der Akademien

Um zumindest ein bisschen Goldgräberstimmung in den eigenen Reihen aufkommen zu lassen und mehr Licht in den Projektdschungel der europäischen Forschungseinrichtungen zu bringen, schlagen die Autoren der Studie vor, ein zentrales Akademien-Portal zu entwickeln. Das Portal soll mehrere Funktionen erfüllen: Wissenschaftler sollen hier die Möglichkeit erhalten, sich über Datenstandards in ihren Disziplinen zu informieren und Hinweise auf bereits vorhandene Softwaretools zu bekommen. Und natürlich sollen über das Portal auch die lokalen Forschungsprojekte sichtbar und ihre Ergebnisse öffentlich frei zugänglich gemacht werden. „Es gibt die Basis für einen großen Datenpool, nur bedarf es noch einer zentralen digitalen Infrastruktur, um dieses Potenzial ausschöpfen zu können“, heißt es in der Studie.

Projekte nur noch mit einem stichhaltigen IT-Konzept

Aber selbst wenn es das Portal in einigen Jahren tatsächlich geben sollte, bleibt die Frage, wer es mit aktuellen Inhalten füttert und wer sicherstellt, dass auch die Daten von ausgelaufenen Forschungsprojekten weiter zugänglich bleiben. Noch gibt es in diesem Bereich wenig Ehrgeiz seitens der Wissenschaftler. Das muss sich ändern. Möglicherweise auch durch „sanften Druck“, meint Stock. Der Allea-Präsident schlägt vor, die Akademien sollten künftig ausschließlich Projekte akzeptieren, die schon mit der Einreichung auch ein stichhaltiges IT-Konzept vorlegen.

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