Exzellenzstrategie : Berlin erforscht Literatur in globaler Perspektive

Neuer Blick auf die "Weltliteratur": Das geisteswissenschaftliche Exzellenzcluster der FU untersucht Literatur in globalen, multimedialen Zusammenhängen.

Andrew James Johnson und Anita Traninger, leitende Forschende des Exzellenzclusters "Temporal Communities".
Perspektivwechsel. Bislang wird Literaturgeschichte entlang von Autoren und Epochen geschrieben. Andrew James Johnson und Anita...Foto: Miriam Klingl

Am Anfang war erstmal nur ein Wort: Weltliteratur. Damit sei der damalige Präsident der Freien Universität (FU) Peter-André Alt 2016 an ihn herangetreten, erinnert sich Andrew James Johnston, FU-Professor für Englische Philologie. Ob sich zu dem Thema nicht ein Exzellenzcluster, also ein großes, interdisziplinäres Forschungsprojekt entwickeln lasse? Johnston griff die Idee gemeinsam mit Kollegin Anita Traninger, Professorin am Institut für Romanische Philologie, sofort begeistert auf. „Schließlich sind die Geisteswissenschaften einer der Schwerpunktbereiche der FU“, sagt Traninger. Warum nicht eine Bewerbung wagen, bei der man an Bestehendes anknüpfen könnte? „Ausgehend vom relativ groben Begriff der Weltliteratur mussten wir ein Konzept entwickeln, das exzellenzfähig ist“, erzählt Johnston.

Das ist gelungen. Mit seinem literaturwissenschaftlichen Cluster schaffte die FU Ende September eine Punktlandung. Umso bemerkenswerter, da geisteswissenschaftliche Themen bei den 57 bewilligten Clustern eher schwach vertreten sind. Insgesamt konnte der Wissenschaftsstandort Berlin sich über sieben erfolgreiche Projekte freuen, die nun sieben Jahre lang gefördert werden. Zwischen drei und zehn Millionen sind es pro Jahr und Cluster; die jährliche Gesamtfördersumme liegt bei 385 Millionen Euro.

Gemeinschaften auf Zeit

Worum wird es im Literatur-Projekt konkret gehen? Der etwas sperrige englische Titel lautet „Temporal Communities – Doing Literature in a Global Perspective“ (www.temporal-communities.de). Obwohl das Wort Weltliteratur am Anfang stand, vermeiden die Forscher es jetzt bewusst – denn dabei denke jeder sofort an Kanon und literarische Bestenauswahl, erläutert Johnston. Betont werden sollte stattdessen der gruppendynamische Faktor von Literaturrezeption sowie das performative Element. Literarische Texte lassen sich eben nicht nur zwischen Buchdeckeln entdecken, sondern treffen viel mehr auch auf der Bühne, im Kino, in der Musik oder der mündlichen Überlieferung auf Publikum. Dabei entstehen temporäre Rezeptionsgemeinschaften, die die Literatur ihrerseits weitertragen und fortschreiben.

Diese komplexen Netzwerke in Raum und Zeit sollen nun näher untersucht werden. Methodisch ist das durchaus ambitioniert. Noch immer wird Literaturgeschichte meist entlang von Autoren und Epochen geschrieben, bestimmen die beiden Kategorien häufig die Forschungsfragen. Diese Einengung will das Cluster aufbrechen. Dabei gehe weniger darum, wie beispielsweise Schiller seinen Shakespeare las und welche Spuren der Lektüre sich im Schillerschen Werk finden, erklärt Johnston. „Wir würden eher fragen: Was für ein Shakespeare entsteht durch Schillers Rezeption?“. Und lesen die Deutschen Shakespeare seitdem durch Schillers Brille, während die Franzosen Shakespeare zu Zeiten der Aufklärung als mittelalterlich-schauerlichen Autor sahen – und die Inder ihn im kolonialistischen Englischunterricht des 19. Jahrhunderts als kulturelles Ideal vorgesetzt bekamen?

Sechs internationale Partnerunis - etwa in den USA, Japan und Indien

Autoren und ihre Texte, so eine Grundannahme des Clusters, werden ständig für ideologische, politische oder kulturelle Zwecke operationalisiert. Wie unterscheiden sich diese Kontexte regional? Internationale Kooperationen sollen helfen, literarische Communities und Netzwerke nicht nur mit einem westeuropäischen Tunnelblick zu betrachten. Traninger und Johnston haben das Cluster dafür breit aufgestellt: Zu der 25-köpfigen Kerngruppe an der FU und Forschern aus dem Raum Berlin-Brandenburg kommen weitere von sechs internationalen Partneruniversitäten, etwa in den USA, in Japan und Indien.

Ein eigenes Gebäude wird derzeit eingerichtet, gegenüber dem Botanischen Garten in der Altensteinstraße 15. Über den Zeitraum von sieben Jahren sollen dort rund 40 Doktoranden- und 30 Postdoc-Stellen besetzt werden. Johnston und Traninger rechnen außerdem mit rund 100 Gastforschern, die für ein bis sechs Monate nach Berlin kommen. Nicht nur Literaturwissenschaftlern steht die Möglichkeit offen, mit einem Forschungsprojekt an die gerade entstehenden Strukturen des Clusters anzudocken. Auch Film-, Theater-, Musikwissenschaftler und Kunsthistoriker sind willkommen. „Wir haben an der FU eine lange Tradition der interdisziplinären Zusammenarbeit. Dass man die Literatur und die Künste gemeinsam bearbeiten muss, ist für uns selbstverständlich“, sagt Traninger.

Schmerzhafte Mittelkürzung

Um Beliebigkeit zu vermeiden, wurden Leitfragen formuliert. Mindestens eine davon müssen Bewerber, die am Cluster mitarbeiten wollen, in ihren Forschungsvorhaben aufgreifen: Was ist eine Community? Wie funktionieren Medialität und Materialität? Welche Art von Zukunft wird in der Literatur entworfen? Was passiert, wenn Literatur zirkuliert? Und wie kann man das im Digitalen abbilden? Großzügig Geld verteilen kann das Cluster allerdings nicht. Empfindlich getroffen hat die „Temporal Communities“ die gleich nach der Entscheidung im Clusterwettbewerb bekannt gewordene Kürzung von 26 Prozent, die pauschal für alle Exzellenzcluster gilt. Der Grund: Ursprünglich sollte die Fördersumme auf 45 bis 50 Antragsteller verteilt werden. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) setzte in der Vergaberunde aber durch, dass 57 Projekte gefördert werden sollen – ohne dass die Mittel dafür aufgestockt werden.

„Wir haben vor allem Personalkosten, daher ist das schon schmerzhaft“, sagt Traninger. Weil sie nicht bei den Nachwuchsstellen sparen wollten, wurde eine geplante Professur komplett gestrichen, die Fellow-Aufenthalte werden verkürzt. Vor allem ärgern sich die FU-Forscher darüber, dass mit den nachträglichen Streichungen falsche wissenschaftspolitische Signale gesetzt würden. „Das fördert die Tendenzen, in Budgets immer einen Aufschlag hineinzurechnen“, sagt Traninger. Nach dem Motto: Wer anfangs künstlich aufbläht, kann am Ende Einsparungen leichter verkraften. Sie hätten sich bei ihrem Antrag bewusst für eine schlanke Kalkulation entschieden, „und ich würde das – schon aus moralischen Gründen – immer wieder tun.“

Im Januar starten die ersten vier Forschungsvorhaben. Eines davon untersucht den Petrarkismus – eine von Francesco Petrarca ausgehende Dichtungsform – als globales Phänomen; ein zweites beschäftigt sich mit der langfristigen Wirkung von Theateraufführungen auf das Publikum. Ein drittes widmet sich der Anthologie als gemeinschaftsstiftende Gattung, die für die Geschichte vieler Literaturen prägend war.

Berlin als literarischer Ort im Kalten Krieg

Das vierte Projekt ist quasi ein Heimspiel: Unter dem Schlagwort „Writing Berlin“ soll es um die Stadt als literarischen Ort zu Zeiten des Kalten Krieges gehen. Der Berlinbezug ist kein Zufall: Ausdrücklich wollen die Cluster-Wissenschaftler in den kommenden Jahren an die lebendige Berliner Literaturszene anknüpfen und in die Stadt ausstrahlen. Erste Kooperationen mit Literaturhäusern und -festivals wurden schon angeschoben. Richtig an die Öffentlichkeit treten werden die „Temporal Communities“ im Herbst 2019, dann ist eine große öffentliche Auftaktveranstaltung an der FU geplant.

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