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Nachkommen von Anubis- und Steppen-Pavianen im Amboseli-Nationalpark in Kenia haben gesunden Nachwuchs.
© Arielle S. Fogel

Pavian-Arten mit genetischen Gemeinsamkeiten: Gleich und fast gleich gesellen sich gerne

Der biologische Artbegriff als exklusive Reproduktionsgemeinschaft ist zu eng gefasst, zumindest für Paviane und wahrscheinlich auch den Menschen.

Wenn junge Paviane im Amboseli-Nationalpark in Kenia in den Bäumen spielen, sieht man ihnen nicht an, dass sich die Entwicklungslinie ihrer Vorfahren bereits vor rund 1,4 Millionen Jahren aufgespalten hat. Seither gehen Anubis-Paviane in den Savannen zwischen Mali im Westen und Äthiopien bis hinunter in den Norden Tansanias im Osten Afrikas und die Steppen-Paviane weiter im Süden auf den Grasländern zwischen Kenia und Sambia sowie Angola in der Evolution getrennte Wege – aber nicht immer.

Wenn sich Vertreter der beiden Arten zum Beispiel in Kenia begegnen, zeugen sie trotz dieser langen Trennung immer wieder Nachkommen miteinander. Paaren sich diese später mit Tieren einer der beiden Elternarten, kommen wieder gesunde Äffchen zur Welt. Bei den Nachkommen verschwindet aber mit der Zeit der größte Teil des Erbguts der anderen Elternart nach dem gleichen Muster, nach dem beim Menschen die meisten DNA-Spuren von Neandertalern abhandengekommen sind. Das berichten Jenny Tung von der Duke University im US-amerikanischen Durham und ihr Team in der Zeitschrift „Science“.

Fitte Hybride

„Dieses Ergebnis ist auch für unsere Forschung sehr interessant“, erklärt der Evolutionsgenetiker Kay Prüfer, der am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig das Erbgut von Neandertalern und anderen Menschenlinien untersucht. Neandertaler hatten vor ihrem Aussterben bisweilen ebenfalls gemeinsame Kinder mit modernen Menschen. Diese Hybridisierungen fanden aber vor einigen zehntausend Jahren statt, während Tung und Team im Amboseli-Nationalpark die weiblichen Nachkommen von Anubis- und Steppen-Pavianen beobachten können, die ihre Jungen in den Armen halten.

Ganz in der Nähe werden die Tiere auch seit 1971 wissenschaftlich beobachtet. Tung kann sich also auf mehr als ein halbes Jahrhundert Feldforschung stützen. „Sie und ihr Team konnten daher auch beobachten, was mit dem Erbgut beider Arten im Laufe der Zeit passiert“, erklärt Prüfer, der sich selbst auf einzelne Funde verlassen muss. Da das Erbgut in diesen Knochen mit den Jahren und Jahrtausenden ebenfalls langsam abgebaut wird, bleiben ihm nur wenige Funde.

Tung konnte dagegen für die Science-Studie das Erbgut von 443 Pavianen untersuchen, die zwischen 1969 und 2016 im Amboseli-Gebiet zur Welt gekommen waren. In dieser Region leben überwiegend Steppen-Paviane, denen nur ab und zu Anubis-Paviane begegnen.

Diese Treffen haben aber deutliche Spuren im Erbgut hinterlassen: In den untersuchten Tieren fand die Gruppe einen Anteil von durchschnittlich etwas über 30 Prozent Anubis-Pavian-DNA, die aus zwei unterschiedlichen Wellen von Begegnungen zwischen beiden Arten stammten. Der Anubis-Anteil stammt aus einer Begegnungswelle vor 1971 und einer zweiten, die 1982 begann und direkt beobachtet werden konnte.

Die nach Paarungen beider Arten zur Welt gekommenen Hybride hatten keine Nachteile gegenüber Steppen- oder Anubis-Pavianen und sie pflanzten sich auch ähnlich gut wie ihre Eltern fort. Diese Beobachtung war bereits von anderen Affen-Arten bekannt.

Einfluss der Partnerwahl

Ein ähnliches Verhältnis gab es einst offensichtlich auch zwischen modernen Menschen, Neandertalern und einer weiteren Linie, den Denisovanern. Warum aber vermischen sich die Pavian-Arten oder die Menschenlinien dann nicht dauerhaft und verschmelzen zu einer Art?

Tung und ihr Team fanden, dass im Erbgut der Paviane Abschnitte verschwinden, in denen sich die beiden Arten voneinander unterscheiden. Übrig blieben meist die Erbeigenschaften der Steppenpaviane, die im Amboseli-Nationalpark die Mehrheit stellen.

Das lässt sich möglicherweise mit Präferenzen bei der Partnerwahl erklären: Sollten Steppen-Paviane mit einem Anubis-Anteil sich bevorzugt mit Steppen-Pavianen paaren, schrumpft der Anubis-Anteil im Erbgut mit der Zeit. „Bei den Pavianen entstehen durch diese Mechanismen ähnliche Muster wie im Erbgut der Menschen, wo nur ein Teil des Neandertaler-Erbgutes erhalten geblieben ist“, sagt EVA-Forscher Prüfer, der an der Science-Studie von Jenny Tung nicht beteiligt war.

Allerdings weiß derzeit niemand, wie diese Mechanismen genau aussehen. Vielleicht findet Tung das am EVA in Leipzig heraus, wo sie gerade als neu ernannte Direktorin eine Forschungsgruppe aufbaut.

Ihre Untersuchungen an den noch heute in der Natur lebenden Affen, relativ nahen Verwandten des Menschen, könnten noch weitere Überraschungen liefern, etwa zu Genen, die vom selteneren Elternteil stammen und trotzdem überdauern, weil sie einen Vorteil bieten. So hat zum Beispiel von den ausgestorbenen Denisovanern, einer am EVA entdeckten Schwestergruppe der Neandertaler im Osten und Südosten Asiens, nach Hybridisierungen mit Neandertalern und modernen Menschen in Tibet eine sehr spezielle Erbeigenschaft überlebt: Sie ermöglicht es den heutigen Bewohnern des Hochlandes, auch mit dem stark verringerten Sauerstoff-Angebot leistungsfähig zu bleiben.

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