Hitze in Deutschland : Warum denn in der Ferne schwitzen?

Statt zwei Monaten Hochsommer werden in Deutschland in diesem Jahr vier Monate prognostiziert. Und in Brandenburg wird der Klimawandel langfristig für südfranzösische Wetterverhältnisse sorgen.

Martin Ballaschk
Zwei Millionen Liter Wasser täglich brauchen schon in diesem Sommer die Herrenhäuser Barockgärten in Hannover.
Zwei Millionen Liter Wasser täglich brauchen schon in diesem Sommer die Herrenhäuser Barockgärten in Hannover.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

„Seit Monaten ist es im Land deutlich zu warm und auch viel zu trocken“, sagt Meteorologe Dominik Jung vom Wetterportal wetter.net. „Unter Umständen nähern sich Hitze und Trockenheit in der kommenden Woche einem neuen Höhepunkt.“

Wer also im Urlaub die Hitze sucht, bräuchte sich eigentlich nicht auf den langen Weg nach Südeuropa zu machen, sondern könnte auch gleich daheim bleiben. Wenn nicht in diesem Jahr, dann könnte das mittelfristig durchaus eine Option sein. Denn der Klimawandel dürfte den Prognosen zufolge die branden- und mecklenburgischen Landschaft wohl dauerhaft verändern. Am Ende des 21. Jahrhunderts könnte es in Deutschland vier Grad wärmer sein als Ende der 1990er Jahre. Berlin wäre dann so warm wie Montélimar in Südfrankreich. Das sagen etwa die Modellrechnungen des Klimaforschungsverbundes „Reklies“.

Wüstenartige Vegetation im Mittelmeerraum

Heute bedeutet Sommerurlaub in Brandenburg Wandern in den Wäldern der märkischen Schweiz, Paddeln im Spreewald, Baden in den vielen Seen – Natururlaub eben, denn ein Drittel der Fläche nehmen Naturparks, Wälder, Seen und andere Wassergebiete ein.

Die noch immer so beliebten Urlaubsregionen im Mittelmeerraum hingegen werden sich in den nächsten Jahrzehnten stark verändern. Studien zufolge soll es dort noch weniger Laubwälder und mehr Landschaften mit Zwergsträuchern geben. Der für Sizilien, Südspanien, Zypern oder Kreta typische Macchia-Bewuchs könnte innerhalb der nächsten 100 Jahre sogar wüstenartiger Vegetation weichen.

Ein "Vorgeschmack" auf das Klima nächster Jahrzehnte

Verändern wird sich das Klima auch in Brandenburg – mit Konsequenzen auch für die Touristen. „Natürlich ist der Tourismus wetterabhängig“, sagt Birgit Kunkel vom Tourismusmarketing Brandenburg. Allerdings hänge es von den Vorlieben der Urlauber und des jeweiligen Tourismus-Gewerbes ab, wie sich eine langfristige Veränderung des Klimas auswirkt. „In Brandenburg haben wir ein sehr breit gefächertes Angebot.“ Je nach Wetterlage könne man sowohl draußen, als auch drinnen baden.

Auch wenn Wetter und Klima nicht dasselbe sind, der Meteorologe Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst bezeichnet die Trockenperiode als „Vorgeschmack“ auf das Klima der nächsten Jahrzehnte. Etliche Klimamodelle prognostizieren weniger Niederschläge in künftigen Sommern. Für Brandenburg-Urlauber bedeutet das weniger verregnete Tage im Ferienhaus und mehr Zeit im Freien. Auch Stadt-Touristen haben mehr Gelegenheiten, sich etwa die Schlösser Potsdams auch von außen anzusehen. Laut Landesumweltamt wird die Zahl der heißen Tage, der Tage mit Schwüle und der tropischen Nächte künftig zunehmen. In den nächsten 100 Jahren könnte die Anzahl der Hitzetage mit mehr als 30 Grad von jährlich vier bis fünf Hitzetagen auf 25 anwachsen. „Aber was für den einen gute Tage, sind für den anderen schlechte Tage“, sagt Kunkel. Hitzewellen – wie zuletzt 2003 in Deutschland – sind für viele alles andere als Erholung. Gerade älteren Menschen macht die Wärme zu schaffen und führt mitunter zu tausenden Todesfällen – 2003 gab es in Europa rund 70.000 Hitzetote.

Brandenburg ist das gewässerreichste Bundesland

Zieht sich die warme Saison in die Länge, können sich die Schwitzenden in den Seen und Flüssen Brandenburgs abkühlen. Mehr als 3000 natürliche und künstlich angelegte Teiche und 33.000 Kilometer Fließgewässer gibt es in dem Bundesland. Sie bedecken 2,3 Prozent der Fläche, was Brandenburg zum gewässerreichsten Land macht.

Einerseits gewässerreich, regnet es in Brandenburg allerdings vergleichsweise wenig. Das Land ist mit weniger als 600 Millimetern Niederschlag pro Jahr eines der trockensten und niederschlagsärmsten Bundesländer. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 800 Millimetern. Die sandigen Böden können das Wasser kaum halten, was die Region besonders anfällig macht gegenüber Dürreperioden.

Wenn die Spree rückwärts zu fließen beginnt, leidet auch der Tourismus. Eine „verringerte Wasserführung und schlechtere Wasserqualität haben schon in der Vergangenheit den Wassertourismus im Land beeinträchtigt“, schreibt das Innovationsnetzwerk Klimaanpassung Brandenburg Berlin auf seiner Website. Die Initiative soll die Land- und Wassernutzung in der Region „unter sich ändernden Klimabedingungen sichern“.

Was ist der ideale Baum für trockeneres Wetter?

Der Klimawandel trägt wohl auch dazu bei, dass der für sein klares Wasser berühmte Stechlin-See nahe Fürstenberg trüber wird. Das Oberflächenwasser des Sees hat sich in den vergangenen 50 Jahren um etwa 1,4 Grad Celsius erwärmt. Algen haben mehr Zeit zu wachsen und trüben die Sicht.

Wie der Brandenburger Wald der Zukunft aussehen wird, ist offen. Sicher ist nur, dass heute entschieden werden muss, welche Bäume gepflanzt werden sollen, damit sie den Veränderungen gewachsen sind. Andreas Bolte, Leiter des Thünen-Instituts für Waldökosysteme in Eberswalde, testet Bäume aus verschiedensten Regionen – spanische Buchen etwa. „Die sind besser an Trockenheit gewöhnt als deutsche Buchen, obwohl es die gleiche Baumart ist.“ Es sei sicher sinnvoll, einen Wald aus verschiedenen Baumarten und Herkünften anzulegen. Der ideale Baum für die künftigen Klimabedingungen ist noch nicht gefunden.

Nicht ändern wird sich, dass auch künftig die meisten Niederschläge im Winter fallen werden – allerdings seltener als Schnee. „Aber in Brandenburg sind wir nicht so stark betroffen wie etwa Regionen mit Skigebieten“, sagt Kunkel.

Wer künftig häufiger in der Region bleibt und auf Flüge verzichtet, treibt den Klimawandel wenigstens nicht weiter voran. Denn immerhin verursachen Touristen acht Prozent der Treibhausgase: 329 Millionen Tonnen jährlich.

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