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Humboldts designierte Präsidentin. Sabine Kunst, Wissenschaftsministerin in Brandenburg (61), hält die Humboldt-Universität für besonders unterfinanziert.

© imago/Reiner Zensen

Die designierte HU-Präsidentin Sabine Kunst im Interview: "Ich lasse mich nicht so leicht abschrecken"

Brandenburgs Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (SPD), die designierte Präsidentin der Humboldt-Universität, erklärt, warum sie sich auf ihre Aufgabe freut

Frau Kunst, der Präsident der Humboldt-Universität glaubt nicht, dass die Uni unter den jetzigen Bedingungen professionell zu leiten ist. Mit der gleichen Begründung ist vor kurzem sein potenzieller Nachfolger abgesprungen. Die HU gilt nun als "unregierbar". Warum hat Sie das nicht abgeschreckt?

Nach meiner Einschätzung war das vor allem eine mediale Diskussion. Aber ich lasse mich nicht so leicht abschrecken. Es macht mir sogar Spaß, Dinge anzugehen, die ein bisschen kompliziert erscheinen. Die Humboldt-Universität ist doch eine spannende Aufgabe. Ich halte es für falsch zu sagen, sie sei nicht regierbar. Denn als Präsident oder Präsidentin regiert man eine Hochschule, die eine demokratisch verfasste Einrichtung ist, ja nicht. Man leitet sie indirekt: Es geht ums Moderieren und Verbinden, darum, gemeinsam die Linie zu finden.

Kann die HU wirklich ohne einen Kanzler geleitet werden, in dessen Händen alle Fäden zusammenlaufen? Oder muss zumindest der Aufgabenbereich des Vizepräsidenten für Haushalt neu zugeschnitten werden?

Es muss eine Person vorhanden sein, die den Überblick über die Finanzen, Technik und Verwaltung hat und aus dem Kreis wirklicher Profis kommt. Dann kann die Humboldt-Universität ihre Gesamtstrategie weiterentwickeln. Ob die Bezeichnung nun Kanzler oder Vizepräsident für Haushalt lautet, ist nicht erheblich. Und ob Veränderungen beim Zuschnitt der Ressorts nötig sind, muss man dann sehen.

Wie können Sie sicher sein, dass Sie die Probleme der HU nicht unterschätzen und bald wie Ihr Vorgänger im Amt frustriert aufgeben?

Ich bin mir meiner selbst insofern sicher, als dass ich eine so große Aufgabe mit Geduld angehe und gemeinsam mit den Uni-Mitgliedern nach Lösungen suche. Ich war in meinem Leben schon manchmal mit meiner Kraft am Ende. Aber frustriert war ich noch nie.

Sie haben mit den Gremienvertretern gesprochen. Wie nehmen Sie die Stimmung an der HU wahr?

Ich war überrascht, wie groß das Engagement und die Identifikation mit der Humboldt-Universität sind. Die, mit denen ich gesprochen habe, sind wirkliche Humboldtianer. Sie arbeiten hart und sind voll auf die HU verpflichtet. Das ist toll.

Sind Ihnen die Gremienmitglieder im Vorfeld der Wahl sehr kritisch entgegen getreten?

Nein, ich hatte sehr schöne Gespräche, in denen sehr unterschiedliche Ideen geäußert wurden. Natürlich konnte ich aber als eine, die von außen kommt, nicht einschätzen, wie die Gruppen meine Reaktion bewertet haben. Darum war ich von dem guten Wahlergebnis doch überrascht.

Wenn die Legislaturperiode in Brandenburg zu Ende ist, sind Sie im Pensionierungsalter. Warum wollten Sie bis dahin nicht Ministerin bleiben?

Ich bin sehr gerne Ministerin in Brandenburg und an einer Reihe von wichtigen Themen dran, die noch der weiteren Bearbeitung harren. Ich habe überhaupt keine Fluchtgedanken. Aber die Anfrage der HU hat mich geehrt und gereizt. Es geht darum, an der Hochschul-Front aus den bestehenden Disziplinen heraus neue Felder und Ideen der Wissenschaft zu entwickeln. Es wohnen also zwei Herzen in meiner Brust.

Sie sind öffentlich als „Job-Hopperin“ bezeichnet worden. Muss die HU damit rechnen, dass Sie vielleicht bald Wissenschaftssenatorin in Berlin oder Bundesbildungsministerin werden?

(Lacht). Ich bleibe der HU natürlich erhalten, solche Spekulationen sind Unsinn. Als „Job-Hopperin“ würde ich mich auch nicht unbedingt bezeichnen. Ich habe die Positionen manchmal gewechselt, aber auch erst jeweils nach einem halben Jahrzehnt, so dass ich schon tief in die Materie eingedrungen war. Gelegentliche Wechsel erhalten die Kreativität. Sie waren für mich aber auch erst spät möglich, als meine Kinder groß waren. Ich finde es beglückend, spät noch bestimmte Dinge erleben zu dürfen.

Sie waren in der ersten Legislaturperiode parteilos. Dann sind Sie vor der zweiten Legislaturperiode in die SPD eingetreten – vermutlich nur, weil es Druck gab aus der SPD?

Nein, der SPD stand ich schon vorher nahe – da war es für mich ein konsequenter Schritt, dann auch einzutreten.

Wie der Amtsinhaber gehen Sie davon aus, dass die HU gegenüber den beiden anderen Berliner Unis finanziell benachteiligt ist. Woran machen Sie das fest?

Das habe ich immer wieder in den Gesprächen mit den Statusgruppen gehört. Wenn man sich die Summen anguckt und mit der Größe der Unis vergleicht, stimmt das auch. Allerdings muss man prüfen, welche Rolle die leistungsbezogene Mittelvergabe des Berliner Senats dabei spielt.

Wie Sabine Kunst sich die nächste Exzellenzinitiative vorstellt

Der Berliner Senat hofft, dass im nächsten Exzellenzwettbewerb ein gemeinsamer Antrag der Berliner Hochschulen möglich wird. Der jetzige HU-Präsident Olbertz hat aber bereits dafür plädiert, dass die HU wieder alleine einen Antrag stellt. Sehen Sie das auch so?

Es ist ja noch nicht bekannt, wie die Förderformate aussehen werden. Darüber wird bald in kompakter Zeit verhandelt, sobald der Bericht der Imboden-Kommission vorliegt. Aber ich schätze, es wird beide Elemente geben: Es wird weiter so sein, dass sich die Universitäten als herausragende Einrichtung profilieren. Und bestimmt wird es ein Element geben, das Kooperationen mit Partnern fördert, dann können auch mehrere Unis an einem Spitzenstandort in einer Region gefördert werden. Noch wird ja diskutiert, was eine Region ist – aber es wäre dann beispielsweise möglich, dass Berlin mit Brandenburg kooperiert.

Die Förderung ganzer Universitäten im Exzellenzwettbewerb ist umstritten. Fänden Sie es besser, es würden fortan nur noch Cluster oder Zentren gefördert?

In der Exzellenzinitiative geht es um exzellente Forschung, die aber alle Leistungsdimensionen einer Uni erfassen soll, so dass die Wirkung dann auf die ganze Uni ausstrahlt. Darüber, wie das am besten erreicht wird, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Nach der Änderung des Grundgesetzes darf der Bund seit einem Jahr die Hochschulen direkt fördern. Was sollte der Bund mit dieser Kompetenz anfangen?

Die Länder tragen bei den Hochschulen die größte Last. Angesichts der steigenden Anforderungen wird das aber immer schwieriger. Mit dem geänderten Artikel 91b hat der Bund die Chance, den Wissenschaftsstandort international zu positionieren und exzellente Bereiche oder ganze exzellente Unis zu fördern.

Was ist mit der Grundfinanzierung? Müsste der Bund nicht im großen Stil einsteigen?

Exzellenz umfasst ja nicht nur Forschung, sondern Lehre und Transfer sind auch wichtige Aspekte. Zusätzliche Finanzierungen des Bundes im Bereich der Exzellenz können die Möglichkeiten der Länder bei der Grundfinanzierung verbessern.

Berlin hat die dichteste Wissenschaftslandschaft in Deutschland. Könnte das Potenzial noch besser ausgeschöpft werden?

In den letzten zehn Jahren haben sich die Forschungsleistungen in Berlin noch einmal rasant entwickelt. Es läuft super bei den Ausgründungen, und Berlin ist ein hipper Standort, für den sich High Potentials leicht gewinnen lassen. Man darf sich darauf aber nicht ausruhen, zumal im Süden Deutschlands die Finanzlage der Hochschulen besser ist. Man sollte erstens die Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft in Adlershof noch mehr in den Blick nehmen. Zweitens sollte man das große Thema Digitalisierung angehen, hier ist ja schon etwas auf dem Weg. Das kann über alle Disziplinen dekliniert werden, etwa, wenn die gesellschaftlichen Folgen von Digitalisierung erforscht werden. Außerdem sollte es eine noch engere Verzahnung zwischen wissenschaftlichen Anstrengungen und der Gesellschaft geben, etwa in forschenden Museen.

Forschung und Wissenschaft sind in Berlin nach der letzten Wahl zum Abgeordnetenhaus auf zwei Verwaltungen aufgeteilt worden. Halten Sie das für ein gutes Modell?

Es steht mir nicht zu, meinen Senf zur Berliner Politik zu geben. Ich kann nur sagen, dass ich mit beiden Senatorinnen gut zusammenarbeite. Ich selbst habe als Ministerin die Verantwortung für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Und diese Verbindung gefällt mir gut.

Die Fragen stellte Anja Kühne. - Einen Kommentar zur Lage der Humboldt-Uni können Sie hier lesen. Eine Debatte zur Frage "Sind Universitäten unregierbar?" finden Sie hier.

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