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Zwei Studentinnen sitzen im Hörsaal und sprechen miteinander.
© imago/JOKER
Update

Energiekrise in Deutschland: Im Hörsaal kann es kälter werden

Notfallpläne und der Ruf nach Landeshilfen: Wie sich Berliner Hochschulen auf die kalte Jahreszeit vorbereiten. Jetzt gaben sie auch dem Senat Auskunft.

Auf die Corona Task Force folgt die Task Force Energie. Beide stehen für eine Ausnahmesituation. Und beide zeigen: Die Krisen der Zeit gehen auch an Berliner Hochschulen nicht spurlos vorbei. So auch die Energiekrise nicht, die nun den Unialltag trifft. Um ihr bestmöglich entgegenzusteuern, ist schnelles Handeln gefragt.

Zwar stehen die Hochschulen jetzt, zu Beginn der vorlesungsfreien Zeit am Ende des Sommersemesters, noch ganz am Anfang konkreter neuer Aktivitäten, um auf drastisch steigende Energiekosten aufgrund der Drosselung russischer Gaslieferungen im Krieg gegen die Ukraine zu reagieren.

Doch eine Tagesspiegel-Umfrage und jetzt auch die Beantwortung einer Anfrage des CDU-Abgeordneten und hochschulpolitischen Sprechers seiner Fraktion, Adrian Grasse, an die Wissenschaftsverwaltung machen deutlich, wie sie auf die neue Krise vorbereitet sind.

So hat die Leitung der Technischen Universität Berlin (TU) bereits „Sofortmaßnahmen zum Energiesparen“ verkündet. Schon 2021 sei ein großer Teil des TU-Haushalts in die rund 19 Millionen Euro Heizkosten geflossen, heißt es auf Anfrage.

Konkret waren es mit rund 15,6 Millionen Euro 2,8 Prozent des TU-Haushalts, etwa 400.000 mehr als 2020, aber deutlich weniger als in den Vorjahren (2019: 17,8 Millionen Euro; 2018: 16,2 Millionen Euro). Die Zahlen gehen aus der Grasse-Anfrage hervor, die dem Tagesspiegel exklusiv vorliegt.

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Frieren in der Vorlesung? Temperaturreduzierung "denkbar"

Die Uni stelle sich auf weitere „drastische Preissteigerungen“ ein, sagt die TU-Sprecherin. Zu den Maßnahmen, die in der vor wenigen Tagen gegründeten Task Force besprochen werden, gehört folgerichtig die Senkung der Energiekosten.

Also frieren während der Vorlesung? Eine „Reduktion der Raumtemperatur“ sei denkbar. Zudem sollen etwa durch die Schließung der Gebäude in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr Heizkosten gespart werden – eine Maßnahme, die die FU schon vor Jahren eingeführt hat.

Aber nicht nur kurzfristige Maßnahmen seien entscheidend, so die TU-Sprecherin. Vielmehr sehe sich die Universität insgesamt in der Pflicht, „den Klimawandel zu stoppen“.

Die Wissenschaftsverwaltung sieht bei der TU jedenfalls "aufgrund des baulichen Zustandes der Gebäude" noch ein "sehr hohes Entwicklungspotenzial" hinsichtlich der Energieeffizienz. Zu den bereits laufenden Planungen der Uni zählen indes vier neue Photovoltaikanlagen und eine "kontinuierliche Verbesserung der Anlagentechnik".

Vom Senat wird ein Heizkostenzuschuss erwartet

Auch an der Humboldt-Universität (HU) wurde eine Task Force eingerichtet, die Entwicklungen zur Energie- und Gasversorgung beobachten soll. Gegenüber der Wissenschaftsverwaltung nannte die HU Beispiele: Man wolle weitere Photovoltaik-Anlagen errichten und die Heizungs- und Raumlufttechnik optimieren.

Die HU befürchtet, dass sich die Auswirkungen der steigenden Energiekosten auf den Lehrbetrieb nicht verhindern lassen. „Wir gehen jedoch in diesem Fall von einer Sonderzuweisung des Landes aus“, erklärt eine Sprecherin der HU gegenüber dem Tagesspiegel.

Die Energiekosten der HU lagen 2021 bei 9,1 Millionen Euro (2020: 10 Millionen Euro; 2019: 11,4 Millionen) und zwei Prozent des Gesamthaushalts. Eine leichte Absenkung des Stromverbrauchs seit 2014 "durch den Einsatz effizienterer Technik" sei durch Flächenzuwachs und komplexere Technik "oftmals wieder ausgeglichen" worden, heißt es im Senatsbericht, der auf Angaben der Hochschulen beruht.

Eine Solaranlage auf dem Dach der HTW Berlin.
Die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin produziert mit Photovoltaikanlagen ihre eigene Energie.
© HTW Berlin

Die Wissenschaftsverwaltung wird etwas deutlicher, wenn es um die berlinweiten Auswirkungen der Energiekrise auf das Wintersemester geht: "Die gegenwärtig zur Diskussion stehenden Einsparmaßnahmen, wie zum Beispiel eine Drosselung der Raumtemperaturen in der Heizperiode, können zu Komforteinschränkungen bei Studierenden und Beschäftigten führen."

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Die FU sparte seit 2001 ein Drittel Energie ein

Die Freie Universität (FU), die bereits 2019 intern einen Klimanotstand ausgerufen und sich der Klimaneutralität und der Nachhaltigkeit verschrieben hat, sieht sich auf die aktuelle Energiekrise gut vorbereitet. Der Energieverbrauch habe 2021 trotz gestiegener Studierendenzahlen und wachsender Ausgaben 30 Prozent unter dem von 2000/2001 gelegen, erklärte ein Sprecher.

Laut Senatsumfrage betrugen die Energiekosten der FU 2021 knapp 9,2 Millionen Euro und 1,6 Prozent des Haushalts (2020: 12,2 Millionen Euro; 2019: 13,2 Millionen). Der Wärmeverbrauch sei durch die gestiegene Energieeffizienz der Gebäude seit 2017 um zehn Prozent zurückgegangen.

Aktuell soll eine Arbeitsgruppe zur Energieeffizienz und Energiesicherheit in Absprache mit dem FU-Präsidium wegen der Krise rund um die Gasversorgung aus Russland einen Notfallplan erarbeiten.

Auch an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) hat man vorgesorgt: Die FH schaut mit Blick auf die eigenen Dächer zuversichtlich auf die kommenden Monate. „In den letzten zwei Jahren haben wir massiv Photovoltaik auf den Dächern installiert“, erklärt HTW-Präsident Carsten Busch. Zudem sei die Hochschule bereits auf dem besten Weg zur Klimaneutralität.

"Klimaretter" auf dem Campus - nicht erst jetzt

Die HTW lehrt und forscht seit Jahrzehnten zu Themen wie Umweltmanagement und erneuerbarer Energie, betont der Präsident. Und auch immer mehr neue Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich auf Nachhaltigkeit, wie etwa „Sustainable Smart Cities“ mit 17 Professuren.

Aus den vergangenen Corona-Semestern habe man außerdem gelernt, mit Krisen umzugehen, so Busch. Heute wie damals stehe dabei ein möglichst reibungsloser Lehrbetrieb im Fokus.

[Gestiegene Energiekosten: Einen Überblick über die Entlastungspakete der Bundesregierung finden Sie hier]

Reibungslose Abläufe will auch die Charité gewährleisten, der Lehrbetrieb sei durch die Energiekrise kurzfristig nicht gefährdet, heißt es auf Anfrage. Der bestehende Hochschulvertrag berücksichtige jedoch nicht die gestiegenen Kosten. Damit die Charité keine „einschränkenden Maßnahmen“ ergreifen müsse, hoffe sie auf eine Kompensation durch das Land, teilt ein Sprecher mit.

Im Kampf gegen die Energiekrise werde aber auch auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter:innen gesetzt, um die Energiekosten nachhaltig zu senken. Daher hat die Charité die Kampagne „Klimaretter - Lebensretter“ mitinitiiert, an der Uniklinika bundesweit teilnehmen.

[Lesen Sie zur Entwicklung der Charité auch einen aktuellen Bericht von Hannes Heine bei Tagesspiegel Plus: Die Charité will klimagerecht werden]

Motiviert wird das Personal damit unter anderem, Treppe zu steigen, statt den Aufzug zu benutzen, Standby zu vermeiden oder richtig zu lüften. Derzeit würden die Gebäude auf ihren energetischen Zustand geprüft und wenn nötig optimiert, erklärt die Pressestelle. Auch für eine entsprechende umfangreiche Gebäudesanierung sei die Charité auf zusätzliche Landesgelder angewiesen, erklärt ein Pressesprecher.

Für den Bereich der Fakultät hat die Charité der Wissenschaftsverwaltung für 2021 12,5 Millionen Euro Energiekosten mit einem Anteil von 3,3 Prozent des Haushalts gemeldet (2020: 13,6 Millionen Euro; 2019: 13,2 Millionen).

Mehr Geld für Energie? Das Land Berlin ist gefordert

Der Querschnitt durch die Berliner Hochschullandschaft zeigt, dass die Energiekrise die Einrichtungen treffen und weiter verändern wird. Wie dick die Pullover an der Uni im Herbst und Winter sein müssen, bleibt aber noch abzuwarten.

"Die Energieknappheit stellt die Hochschulen vor enorme Herausforderungen", resümiert der CDU-Abgeordnete Adrian Grasse die Antworten auf seine Anfrage. Klar sei: Die Infrastruktur der Hochschulen und damit Forschung und Lehre müssten abgesichert werden.

"Die Mehrkosten können die Hochschulen jedoch keinesfalls allein tragen", so Grasse gegenüber dem Tagesspiegel. Der Senat sei vielmehr gefordert, "hier eine tragfähige Lösung zu erarbeiten und entsprechend nachzusteuern". In der Antwort der Wissenschaftsverwaltung heißt es dazu, die Entwicklung der Energiepreise werde bei den anstehenden Hochschulvertragsverhandlungen über die Landeszuschüsse zu beachten sein.

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