Islam und Antisemitismus : Die Wurzeln des Hasses

Den Islam als antisemitisch zu bezeichnen, ist falsch. Dass Islam und Judenfeindschaft nichts miteinander zu tun haben, ebenfalls. Eine historische Analyse.

Giftige Suren. Der heutige Einfluss der antijüdischen Stellen des Korans geht auch auf Propaganda des NS-Regimes zurück.
Giftige Suren. Der heutige Einfluss der antijüdischen Stellen des Korans geht auch auf Propaganda des NS-Regimes zurück.Foto: Martin Schutt/dpa

Antisemitismus ist kein Alleinstellungsmerkmal randständiger Extremisten, sondern abgelagerte Geschichte, eine Struktur, die die Moderne im Ganzen durchwurzelt. In unterschiedlichem Ausmaß kommen antisemitische Einstellungen links und rechts und in der Mitte vor, in allen sozialen Schichten, prägen sie die Weltbilder von gläubigen genau wie von nichtgläubigen Menschen. Ganz sicher hat dieses wohl hartnäckigste unter den wahnhaften Ressentiments keinen Migrationshintergrund. Auch ohne jeden Zuzug aus dem Orient hat das Abendland ein Antisemitismusproblem.

Die oft kolportierte Erzählung von der Importgefahr islamischer Judenfeindschaft verschleiert, dass Antisemitismus in weiten Teilen der Mehrheitsgesellschaft ohnehin verankert ist. So wie konservative Hardliner im Zuge der Kölner Silvesternacht 2015 plötzlich ihren Hang zum Feminismus entdeckten, beschwört die Neue Rechte nun das „jüdisch-christliche Abendland“ und behauptet, Juden vor Muslimen beschützen zu wollen.

„Den Islam“ oder gar „die Muslime“ als grundsätzlich antisemitisch auszuweisen, ist wohlfeil und rassistisch. Und doch stellt sich die Frage, ob der Schutzreflex auf die pauschale Diffamierung nicht ebenfalls einen Kurzschluss bedeutet. Stimmt es, wie manchmal behauptet wird, dass der Antisemitismus im Islam keine nennenswerte Grundlage hat? Fußen die antisemitischen Stereotype, die heute in weiten Teilen der islamischen Welt zirkulieren, auf einer Übernahme des judenfeindlichen Arsenals aus dem Westen? Ist der muslimische Antisemitismus eine bloße Reaktion auf den Nahostkonflikt, ein reines Propagandamittel im Kampf mit dem verhassten Zionismus?

Der ältere Teil des Korans spricht respektvoll von Juden und Christen

Der Islamwissenschaftler und Leiter des Fachbereichs Islamische Theologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg Abdel-Hakim Ourghi meint, den Islam von Judenfeindschaft freizusprechen, sei genauso falsch, wie die Parole vom grundsätzlichen Antisemitismus.

Wer den Koran studiert, stößt durchaus auf Verse, die ein Ensemble jüdischer Sünden enthalten und einer antijüdischen Exegese einiges an Tinte liefern. Bei genauer Betrachtung fällt aber auf, dass die entsprechenden Passagen dem medinischen Konvolut, also jener Phase entstammen, als Mohammed in einen Konflikt mit den jüdischen Stämmen Medinas verstrickt war. Der ältere Teil des Korans, der aus jener Zeit datiert, als der Prophet noch in Mekka weilte, spricht von Juden und Christen hingegen respektvoll und anerkennend.

„Am Anfang der Offenbarung gab es keinen Hass gegen Juden. Von 610 bis 624 war Mohammed um einen interreligiösen Dialog bemüht“, sagt Ourghi. Erst später sei es zu politischen Auseinandersetzungen gekommen, die leider die antijüdischen Stellen im Koran und in einigen Hadithen motiviert hätten. Der Reformtheologe unterscheidet einen ethischen und einen politisch-juridischen Textteil, wobei sich diese Gliederung weitgehend mit der mekkanisch-medinischen deckt.

Heutige Muslime sollten den ethischen Koran stark machen

Ourghi plädiert dafür, dass heutige Muslime den ethischen Koran gegen den politischen stark machen sollten. Ersterer verkünde transhistorische Wahrheiten eines toleranten Miteinanders. Letzterer beziehe sich auf konkrete Ereignisse des 7. Jahrhunderts und sei für Handlungsanweisungen im Hinblick auf die Gegenwart ungeeignet. Aus eben jenen Suren aber, die nicht zuletzt von der teilweisen Ausrottung eines jüdischen Stammes durch den Propheten Mohammed berichten, leiten islamistische Fanatiker eine ewige Feindschaft von Juden und Muslimen ab.

Auch der Hamburger Politikwissenschaftler und Antisemitismusexperte Matthias Küntzel meint, die antijüdischen Passagen des Korans ließen sich aus der Biografie des Religionsstifters erklären. Ähnlich wie Martin Luther habe Mohammed gehofft, die Juden für seine junge Gemeinschaft gewinnen zu können. Als dieses Ansinnen scheiterte, wich der positive Bezug dann einem negativen. Dabei ist augenfällig, dass sich die christlichen Judenbilder von denen im Islam unterscheiden. Während die islamische Tradition die im Kampf mit Mohammed unterlegenen Juden als eher schwach und feige beschrieb, hat das Christentum sie dämonisiert. Schließlich wurden sie für Christi Kreuzigung verantwortlich gemacht. „Im einen Fall hat der Prophet die Juden getötet, im anderen Fall die Juden den Propheten“, sagt Küntzel.

Die paranoiden Vorwürfe des christlichen Antijudaismus, vom Ritualmord bis zur Brunnenvergiftung, waren im islamischen Raum über Jahrhunderte unbekannt. Da die Christen als jüdische Sekte reüssierten, mussten sie sich mehr am „älteren Bruder“ abarbeiten als der jüngere Islam. Hier war Antijudaismus als Abgrenzungstechnik nicht so bedeutend wie im Christentum.

Im Mittelalter hatten es Juden in der islamischen Welt besser als im Abendland

So sind die antijüdischen Passagen des Korans über weite Strecken der Geschichte wenig wirksam geworden. Schließlich haben Juden wie Christen als „Schriftbesitzer“ im Islam den Status von Schutzbefohlenen. Insgesamt hatten es die Jüdinnen und Juden des Mittelalters und der Frühen Neuzeit im islamischen Weltteil besser als im sogenannten Abendland. Eben dort, wo die Pogrome sich aneinanderreihten und die seit Jahrhunderten tradierte Judenfeindschaft in einer industrialisierten Massenvernichtung von als jüdisch markierten Menschen kulminierte. Als sich der christliche Antijudaismus im 19. Jahrhundert nämlich in den rassistisch-pseudowissenschaftlichen Antisemitismus übersetzte, wirkten die überlieferten Erzählungen und Stereotype mit neuen Vorzeichen fort. Das Narrativ von der „jüdischen Weltverschwörung“ stammt aus jener Tradition und ist das alleinige Produkt okzidentaler, also christlich geprägter Gesellschaften.

Wie aber gelangte das Konglomerat aus christlichem Antijudaismus und völkischem Antisemitismus in den Orient?

„Das begann mit der Zeit des Kolonialismus“, sagt Küntzel. „Es waren Journalisten, Botschaftsangehörige und christliche Fundamentalisten, die den Antisemitismus westlicher Provenienz in den arabischen Raum trugen.“ Im Jahr 1840 machte der Ritualmordvorwurf im osmanischen Reich erstmals die Runde und provozierte eine Reihe von Pogromen. Um die Jahrhundertwende begann die Übersetzung westlich-antisemitischer Pamphlete ins Arabische. Dennoch konnten sich antisemitische Einstellungen als relatives Massenphänomen erst sehr viel später etablieren.

Die Nazis wollten den Antisemitismus in der arabischen Welt verbreiten

„In den zwanziger und dreißiger Jahren wurden derartige Haltungen zum Beispiel in der ägyptischen Öffentlichkeit noch weitestgehend abgelehnt“, sagt Sonja Hegasy, Soziologin und Islamwissenschaftlerin am Berliner Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO). So sei der in Europa und speziell in Deutschland seinerzeit wachsende Antisemitismus in ägyptischen Zeitungen heftig kritisiert worden. Auch das Vorhaben der Nationalsozialisten, zwecks Verhinderung eines jüdischen Staates in Palästina den völkischen Antisemitismus in der arabischen Welt zu verbreiten, scheiterte zunächst auf ganzer Linie. Die Muslime standen den westlichen Biologismen ablehnend gegenüber. Daraufhin habe die NS-Propaganda erkannt, dass man für die Implementierung antijüdischen Denkens im arabischen Raum eine religiöse Grundlage brauchte, sagt Küntzel.

Vom brandenburgischen Zeesen aus sendeten die Nazis seit den späten Dreißigern jahrelang antisemitische Rundfunkpropaganda unter anderem auf Arabisch, Persisch und Türkisch in Teile der islamischen Welt. Die vom amerikanischen Historiker Jeffrey Herf ausgewerteten Sendeprotokolle zeugen von einer Verschmelzung der antijüdischen Quellen des Islam mit den antijudaistisch-antisemitischen Stereotypen des Westens. Eine zentrale Rolle bei der Verbreitung des Antisemitismus in der arabischen Welt spielte der Nazikollaborateur und Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der am Programm von Radio Zeesen aktiv beteiligt war.

Mit Hilfe von Leuten wie Husseini und dem Gründer der Muslimbruderschaft Hassan al-Banna, lancierten die Nationalsozialisten sukzessive einen theologisch angepassten Antisemitismus, der von den realen politischen Verwerfungen im späteren Nahostkonflikt verstärkt wurde. Nicht zuletzt ob dieses Engagements prägt ein solcher in Teilen der islamischen Welt, speziell im arabischen Raum, bis heute den Diskurs und stellt in vielen Gesellschaften ein veritables Grundrauschen dar.

Altislamische Bilder verschmelzen mit westlicher Verschwörungsparanoia

Besonders aber kennzeichnet dieser ideengeschichtliche Eklektizismus den eliminatorischen Antisemitismus des politischen Islam. Von Sayyid Qutbs 1950 veröffentlichter Hetzschrift „Unser Kampf mit den Juden“ bis zur Charta der Hamas von 1988 zeichnet sich die islamistisch-antisemitische Literatur durch jene ideologische Symbiose aus. Die altislamischen Bilder von jüdischer Schwäche und Feigheit verschmelzen mit der westlichen Verschwörungsparanoia vom Juden, der heimlich die Fäden zieht. Nicht von ungefähr zitiert die Charta der Hamas die gefälschte Propagandaschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“ auf Augenhöhe mit dem Koran und mohammedanischen Spruchbändern und beschwört einen muslimischen Kampf gegen die Juden bis zur völligen Vernichtung – auch jenseits der Palästinafrage.

Den Antisemitismus in der islamischen Welt als bloßen Reflex auf israelische Politik oder als alleiniges Produkt eines politisch motivierten Antizionismus zu beschreiben, greift entschieden zu kurz. Dass der Vorschlag der Peel-Kommission von 1937, der erstmals die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorsah, von arabischer Seite ebenso abgelehnt wurde wie der UN-Teilungsplan von 1947, habe nicht bloß mit dem Anspruch auf Land, sondern auch mit Antisemitismus zu tun, erklärt Küntzel. Später dann instrumentalisierte der arabische Nationalismus wiederum antisemitische Stereotype, um dem politischen Kampf gegen Israel mehr Schubkraft zu verleihen.

Der Nahost-Konflikt befeuert den Hass

Ein weiterer Multiplikator antisemitischer Einstellungsdimensionen waren freilich die Niederlagen der arabischen Armeen in den Kriegen 1948, 1956 und 1967. Die militärische Stärke des kleinen Israel konterkarierte das altislamische Judenbild. Das eigene Scheitern wurde durch die im kulturellen Fundus inzwischen verfügbaren verschwörungstheoretischen Muster kompensiert. Natürlich haben Flucht und Vertreibung von 700.000 Palästinensern und die bis heute andauernde Annektierung der Westbank und Ost-Jerusalems den Hass ebenfalls befeuert.

Da sich rassistische Strukturen als kollektive Wahrnehmungsschemata verdichten, ist es unwahrscheinlich, dass es mit dem Antisemitismus in der islamischen Welt vorbei wäre, sollte der Nahost-Konflikt jemals beendet sein. Dass die Lösung des Konfliktes eine Basis für den allmählichen Abbau von Ressentiments schaffen könnte, ist jedoch mehr als wahrscheinlich. Dass umgekehrt der Abbau von Antisemitismus – neben zahlreichen anderen Faktoren – zum Frieden beitragen könnte, gilt aber genauso.

Bis dahin sind im doppelten Kampf gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit auch muslimische Gelehrte wie Abdel-Hakim Ourghi gefragt. Denn eine genaue Betrachtung verdeutlicht vor allem eines: Zwar gibt es im Islam Quelltexte, die sich antijüdisch auslegen lassen. Diese aber spielten lange Zeit eine untergeordnete Rolle und kamen erst in der Verkettung mit dem kompletten Arsenal westlicher Antisemitismen umfänglich zum Tragen.

Theologisch sind diese histo-politischen Splitter – einer progressiven Exegese gemäß – zu vernachlässigen. Ourghi zufolge haben sie mit der toleranten Botschaft des ethischen Korans nicht das Mindeste zu tun. Wer sich auf jene Zeilen kapriziert, um den Islam zu diffamieren, macht den gleichen Fehler wie radikale Islamisten: eben die Versatzstücke herauszustellen, die den eigenen Irrtum bestätigen und in bornierter Texthörigkeit alles wörtlich zu nehmen, was da und dort geschrieben steht.

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