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Kann Deutschland in der Forschung weltweit führen?: Beim Anwerben aus den USA hapert es noch
Die USA sind seit Trump für Top-Wissenschaftler immer weniger attraktiv. Schaffen wir es, sie stattdessen zu gewinnen? Erste Erfolge gibt es, aber sie zeigen: Es sind nicht hauptsächlich US-Forscher, die nun herkommen.
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Karen Christman spricht über Herzen. Genauer gesagt über Biomaterialien, die Entzündungen lindern, geschädigtes Gewebe stabilisieren und vielleicht eines Tages dabei helfen, einen Herzinfarkt besser zu überstehen. Die Professorin für Biomedizintechnik von der University of California in San Diego steht zum Jahresende in Berlin auf einer Bühne, vor Kameras und Mikrofonen, und erzählt davon, warum sie ihre Forschung für einige Jahre nach Deutschland verlagert hat.
„Berlin ist mit der Charité ein großartiger Knotenpunkt“, sagt sie, ein Ort, an dem starke Grundlagenforschung und klinische Anwendung zusammenkommen – und eine Regierung, „die Wissenschaft und Technologie finanziert“.
Christman gehört zu den ersten internationalen Wissenschaftler:innen, die Deutschland über das neue „1000-Köpfe-Plus-Programm“ ins Land geholt hat. Die Idee hinter dem Programm stammt aus dem schwarz-roten Koalitionsvertrag. „Wir erhalten Deutschland in Zeiten globaler Polarisierung als attraktives Zielland und sicheren Hafen“, hieß es da. Die „1000 Köpfe“ stehen als allererste wissenschaftspolitische Maßnahme im Koalitionsvertrag. Das Programm – das auf Englisch „Global Minds“ heißt – steht für Wissenschaftsfreiheit und ist eine Einladung an exzellente Forschende aus aller Welt, ihre wissenschaftliche Zukunft in Deutschland zu planen.
Als Bundesministerin Dorothee Bär (CSU) im Sommer dann den Programmstart verkündete, war das durchaus forsch. Denn zu dem Zeitpunkt hatte sie noch keinen Haushaltseuro sicher. Für 2025 gab es zunächst 27 Millionen, doch zuletzt sammelte sich Bär Zug um Zug die Gelder zusammen.
Erst sollten es bis 2029 227 Millionen werden, finanziert aus dem Normalhaushalt, dann kamen weitere 375 Millionen aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität dazu.
Deutschland investiere mehr als die EU
„Über 600 Millionen Euro“ werde die Bundesregierung jetzt insgesamt investieren, erklärte die Ministerin. „Mehr als jedes andere Land in Europa, auch mehr als die EU-Kommission mit ihrem Programm Choose Europe for Science.“ Über 600 Millionen, das ist nach dem programmatischen Signal des Koalitionsvertrags das realpolitische Statement, das es gebraucht hatte.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Initiative ist kein einzelnes neues Förderformat, sondern ein Dach. Es bündelt und verstärkt zum großen Teil bestehende Instrumente der Alexander-von-Humboldt-Stiftung (AvH) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – von Forschungsstipendien über Preise bis hin zu Professuren für internationale Spitzenforscher. Ein schlauer Schachzug, der zeigt, dass das Aufsetzen politischer Prestigeprojekte und förderpraktischer Kontinuitäten nicht im Widerspruch stehen müssen.
Verwaltet wird das Förderinstrument von den drei Wissenschaftsorganisationen DFG, AvH und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD).
Der DAAD entwickelt ergänzend eine neue Förderlinie für Hochschulen, die internationale Talente für Hightech-Master- und Promotionsprogramme gewinnen und halten wollen. Daher auch das „Plus“ im Namen der Initiative, die im Koalitionsvertrag nur unter „1000 Köpfe“ lief. Das „Plus“ signalisiert zugleich, dass es durch die umfangreiche Finanzierung am Ende wahrscheinlich weit mehr als 1000 Geförderte geben wird.
Forschungsministerin zufrieden mit den ersten Zahlen
Eine erste Zwischenbilanz fällt aus Sicht des Ministeriums positiv aus. 166 Forschende seien bislang gewonnen worden, sagt Bär – eine solche Zahl nach den ersten Monaten sei „sehr erfreulich“. Unter den Geförderten befänden sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unterschiedlichen Karrierephasen, ab der Promotion, aus allen Fachrichtungen.
Rund 40 Prozent der bisherigen Bewilligungen entfallen laut BMFTR auf die Lebenswissenschaften, 28 Prozent auf Naturwissenschaften und 21 Prozent auf Ingenieurwissenschaften. Etwa zehn Prozent sind Geistes- oder Sozialwissenschaftler. Für Bär ist das auch ein Beleg dafür, dass das Programm auf die strategischen Zukunftsfelder der Hightech-Agenda Deutschland einzahlt.
Auffällig ist zugleich, woher die Geförderten kommen – und woher vergleichsweise wenige. Zwar war das wissenschaftsfeindliche Vorgehen der Trump-Administration der entscheidende Grund, warum das Vorhaben im Koalitionsvertrag auftauchte.
Nur jeder sechste neue Forscher aus den USA
Die Debatte um das Programm wurde von Abwerbefantasien aus der Wissenschaftsszene begleitet, über die sich wiederum einige empörten. Nun zeigt sich, dass der Anteil derjenigen, die mit der Förderung aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland wechseln, relativ gering ist. 26 seien es, sagt die Ministerin auf Nachfrage. Nicht einmal jeder Sechste.
37 Prozent der Geförderten kommen bisher aus Europa, 29 Prozent aus Asien. Und zum Beispiel nur acht Prozent aus Afrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten.
Wie das Forschungsministerium den Pressetermin gestaltete, sendete vor diesem Hintergrund eine missverständliche Botschaft. Alle drei Geförderten, die sich auf dem Podium vorstellen dürfen, waren zuvor an US-Hochschulen. Das verstärkte genau jenes Narrativ, von dem sich Ministerium und Förderorganisationen eigentlich erkennbar lösen wollen: dass es bei den „1000 Köpfen“ vor allem um eine Reaktion auf Trump gehe.
Zum politischen Kontext des Programms sagt DFG-Präsidentin Katja Becker, Wissenschaft gerate weltweit stärker unter Druck. Der Pool an Interessenten für solche Anwerbeprogramm werde damit größer. Exzellenz bleibe der Maßstab der DFG – die Leute kämen nun aber aus einem veränderten, politisch aufgeladenen Umfeld.
Auch DAAD-Präsident Joybrato Mukherjee warnt davor, das Programm als kurzfristige Reaktion auf die US-Politik zu missverstehen. Deutschland beginne nicht bei Null. Schon heute arbeiten ihm zufolge rund 80.000 internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Land, dazu kämen über 400.000 internationale Studierende und Promovierende.
Das neue Programm solle in einer Welt wachsender Unsicherheit zusätzliche Optionen eröffnen. „Es geht nicht nur um die Anwerbung“, sagt Mukherjee, „sondern das Ankommen, das Anschließen, das Integrieren.“ Das gelte gerade für jüngere Forschende und Studierende.
AvH-Präsident Robert Schlögl weist auf die generelle Relevanz der Wissenschaft hin. Wenn sie wirklich nur „Soft Power“ wäre, sagt er, würde niemand versuchen, sie so stark zu begrenzen, wie es derzeit weltweit zu beobachten sei.
Der globale Mobilitätsstrom der Wissenschaft verändere sich gerade spürbar. „Die Wahrscheinlichkeit, dass das Wissenschaftssystem wieder dahin zurückkehrt, wo es vor Trump war, ist im Augenblick sehr gering“, sagt Schlögl.
Ein Fragezeichen bleibt. Kurz vor der Pressekonferenz hatte der Haushaltsausschuss 34 Millionen Euro für das Programm im Jahr 2026 zunächst nicht freigegeben. Doch Bär gibt sich darüber gelassen. Die Finanzierung stehe nicht in Frage, eine Entscheidung werde im Januar erwartet. Becker und Mukherjee signalisieren, dass die Förderorganisationen notfalls in Vorleistung gehen würden.
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