• Kortison und Viren-Transportmoleküle: Asthmatiker sind keine Risikogruppe für Covid-19

Kortison und Viren-Transportmoleküle : Asthmatiker sind keine Risikogruppe für Covid-19

Laut Studien sind, anders als anfangs vermutet, Asthmatiker durch Covid-19 nicht besonders gefährdet. Sogar das Gegenteil scheint der Fall zu sein.

Patrick Eickemeier
Unbedenklich. Kortison-haltige Sprays führen nicht zu einer größeren Anfälligkeit für Covid-19
Unbedenklich. Kortison-haltige Sprays führen nicht zu einer größeren Anfälligkeit für Covid-19Foto: picture alliance / Christin Klos

Wenn das Coronavirus Sars-CoV-2 menschliche Zellen befällt, nutzt es eine ganz spezielle Tür: In den Zellmembranen von Atemwegs- und Lungengewebe sitzt ein Enzym, das neben vielen anderen Aufgaben an der Regelung des Blutdrucks beteiligt ist.

Das Angiotensin-konvertierende Enzym 2 (ACE2) wurde bereits während der Sars-Pandemie im Jahr 2003 als Andockstelle der damals kursierenden Coronaviren identifiziert.

Ebenso wie dieses dockt Sars-CoV-2 jene Moleküle an, schleust seine Erbsubstanz ein und unterwirft den Zellstoffwechsel der Virenproduktion.

Die Infektion nimmt ihren Lauf. Ob Patienten schwer erkranken oder nur milde oder gar keine Symptome zeigen, hängt auch mit der Virenlast zusammen: der Menge an Viren, der eine Person bei der Infektion ausgesetzt ist.

Virenschleuder und Virenschleuse

Eine geringe Virenlast begünstigt einen glimpflicheren Verlauf. Und die effektive Virenlast wird nicht nur von der Menge der auf den Schleimhäuten landenden Virenpartikel bestimmt - etwa wenn in der Nähe eine infizierte Person ungeschützt hustet - sondern eben auch von der Menge der Moleküle, die Viren dann auch einschleusen können.

Hintergrund-Informationen zum Coronavirus:

Dieser Zusammenhang könnte erklären, warum Menschen, die chronisch an Asthma leiden, anders als anfangs vermutet offenbar nicht nur keine Risikogruppe für Covid-19 sind, sondern im Mittel sogar einen gewissen Schutz vor schweren Verläufen haben, wie Marek Lommatzsch von der Universitätsmedizin Rostock der „Tagesschau“ sagte. Denn nach den Ergebnissen von zwei Studien haben Menschen mit Asthma weniger ACE2-Rezeptoren - und damit weniger Angriffspunkte für Sars-CoV-2.

„Beide Studien zeigen das Gleiche, haben aber unterschiedliche Schwerpunkte“, sagte Lommatzsch nun dem Tagesspiegel.

Weniger Virentüren mit Kortison

In einer Zuschrift an das „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ berichten Forschende, dass das Vorhandensein von Allergien mit einer geringeren Anfälligkeit der Asthma-Patienten einhergehe. Im Fachjournal „American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine“ berichtet ein Team um Michael Peters von der University of California in San Francisco, dass Patienten, die ihr Asthma mit Kortison-Sprays zum Einatmen behandeln, weniger ACE2 haben. Die Einnahme der Sprays war auch mit einem niedrigeren Spiegel eines weiteren Rezeptors verbunden, an den Sars-CoV-2 anknüpfen kann.

Die Forschenden haben eine große Gruppe von Asthmapatienten untersucht, um anhand der beiden Rezeptoren Untergruppen zu finden, die besonders anfällig sind. Es zeigte sich, dass demographische Merkmale wie männliches Geschlecht und afrikanische Abstammung sowie Diabetes oder Bluthochdruck als Vorerkrankungen mit höheren ACE2-Werten einhergehen. „Das könnte erklären, warum diese Merkmale mit schweren Covid-19-Erkrankungen assoziiert sind“, so Peters zum Tagesspiegel.

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Therapieoption?

Der Zusammenhang von niedrigen Rezeptorspiegeln und dem Inhalieren von Kortisonsprays war ein unerwarteter Fund. „Unsere Ergebnisse beweisen zwar nicht, dass inhalative Kortikosteroide vor einer Sars-CoV-2-Infektion schützen, aber möglicherweise vor schweren Verläufen der Erkrankung“, so Peters.

Für Marek Lommatzsch ergibt sich aus beiden Studien die These, dass Asthma-Patienten mit Allergien, die mit Kortison zum Einatmen behandelt werden, besonders wenig ACE2 bilden. Epidemiologische Studien in China und in Europa deuteten darauf hin, dass Asthmatiker wegen Covid-19 relativ selten im Krankenhaus behandelt werden müssen. „Wir gehen daher davon aus, das Asthma-Patienten kein erhöhtes Risiko haben an Covid-19 zu erkranken“, sagt Lommatzsch. Die geringere Menge an ACE2-Rezeptoren in den Atemwegen könnte sogar die Virenlast begrenzen und schweren Verläufen vorbeugen.

Jetzt wird diskutiert, ob sich aus diesem Zusammenhang Anknüpfungspunkte für Therapien oder Prävention ergeben. Marek Lommatzsch zieht eine Schlussfolgerung: „Es gibt keinerlei Grund dafür, wegen Covid-19 Asthma-Medikamente abzusetzen.“ Michael Peters betont, dass es in der gegenwärtigen Pandemie äußerst wichtig sei, weiter zu erforschen, warum bestimmte Personen eine schwerere Covid-19-Infektion entwickeln.

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