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Die Mobilität von Menschen ist ein zuverlässiger Anzeiger ihrer Aktivitäten und auch ihres persönlichen Risikos, sich selbst oder andere mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 zu infizieren.
© Paul Zinken/dpa

Warum der Shutdown kaum Effekt hat: Pandemiemüdigkeit hält die Infektionszahlen hoch

Die aktuellen Corona-Maßnahmen verfehlen ihr Ziel. Neben den lockeren Regeln gibt es einen weiteren Faktor, der zum Scheitern beiträgt.

Am Dienstag meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) 14.045 neue Fälle von Covid-19. Zum Wochenbeginn liegen die erfassten Fallzahlen meist relativ niedrig, weil am Wochenende weniger getestet wird. Die Zahl liegt auch deutlich unter dem bisherigen Höchstwert von fast 24.000 neuen Fällen, die für den 20. November gemeldet wurden. Aber sie liegt deutlich über dem Wert von einer Woche zuvor: es sind rund 1000 Fälle mehr.

Das RKI beobachtet „aktuell weiterhin eine hohe Anzahl an Übertragungen in der Bevölkerung“ und appelliert „dringend“, dass sich die gesamte Bevölkerung für den Infektionsschutz engagiert.

Ablesbar ist das Engagement der Bevölkerung unter anderem an Mobilitätsdaten. Ein Forschungsteam um Frank Schlosser von der Humboldt-Universität Berlin analysiert Bewegungsströme und zieht Rückschlüsse auf das Infektionsgeschehen. „Mobilität zeigt an, wie sich Menschen verhalten und sie ist auch entscheidend für das Infektionsgeschehen“, sagte Schlosser dem Tagesspiegel.

Zum einen sei das die Reisemobilität, die dafür verantwortlich ist, dass ein Krankheitserreger mit infizierten Menschen zuvor krankheitsfreie Gebiete erreicht: wie Sars-CoV-2 von China nach Deutschland gelangte und wie sich das Coronavirus im Bundesgebiet verbreitete.

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Zum anderen ist es die lokale Mobilität, die mit sozialen Kontakten der Menschen zusammenhängt und die beeinflusst, wie viele Fälle in einem Gebiet auftreten. „Das Virus überträgt sich nur, wenn Menschen sich begegnen, und Menschen begegnen sich nur, wenn sie sich bewegen“, sagt Schlosser.

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70 Prozent Reiseverminderung

Im Fachjournal PNAS berichtete Schlossers Team jetzt, dass der Lockdown im Frühjahr Mobilitätsnetzwerke veränderte und dadurch Infektionen verhindert wurden. Durch die Reduzierung größerer Reisen zwischen Landkreisen und die Eingrenzung auf den lokalen Raum waren die Orte in Deutschland weniger miteinander verbunden. Das habe die die Verbreitung von Sars-CoV-2 verlangsamt, schließen die Forscher.

Die ausgewerteten Mobilitätsdaten stammen von den Mobilfunkanbietern Telefónica und Telekom. Mobiltelefone sind im Normalbetrieb mit einem Funkturm verbunden. Wechselt der Besitzer mit dem Handy in der Tasche seinen Aufenthaltsort, sind seine Wege und auch seine Aufenthaltszeiten an den Signalen ablesbar, die von weiteren Funktürmen empfangen werden, mit denen sich das Telefon verbindet.

Im Lockdown im Frühjahr schränkten sich die Menschen stark ein, die Mobilität lag von Mitte März bis Anfang April etwa 40 Prozent unter den Normalwerten. Während Anfang März an einem typischen Werktag etwa 190 Millionen Bewegungen erfasst wurden, sank diese Zahl bis Ende März auf etwa 120 Millionen Bewegungen.

Bundeskanzlerin Merkel hatte Mitte März dazu aufgerufen, soziale Kontakte zu vermeiden und empfohlen, Großveranstaltungen abzusagen. Kurz darauf wurden in vielen Bundesländern Schulen und Kindertagesstätten geschlossen und das öffentliche Leben weiter eingeschränkt. Im Laufe des Monats wurden bundesdeutsche Grenzen geschlossen und teilweise Ausgangsbeschränkungen verhängt.

Die Bewegungsströme änderten sich und Reisen zwischen Gebieten nahmen dabei noch stärker ab als Reisen innerhalb von Gebieten: um bis zu 70 Prozent gegenüber dem Normalniveau.

Mehr Reisen, mehr Infektionen

Die Pause zeigte Wirkung. Die täglichen Fallzahlen sanken von fast 7000 Mitte März auf unter 1000 ab Mitte Mai und blieben bis in den Oktober hinein auf vergleichsweise niedrigem Niveau.

Schlosser erklärt das so: „Die Reisemobilität spielt vor allem in der Frühphase einer Epidemie eine Rolle, während die Krankheit räumlich verbreitet wird.“ Schon eine einzelne infizierte Person kann in einem bis dahin nicht betroffenen Gebiet einen Ausbruch verursachen. Der Reiseverkehr treibt die Infektionsdynamik: mehr Reisen, mehr Infektionen. „Wenn man ihn einschränkt, breitet sich eine Krankheit nicht so schnell aus“, sagt Schlosser.

Seit Anfang November gelten in Deutschland erneut umfassende Mobilitätseinschränkungen. Die Beschränkungen sind weniger streng gefasst als im Frühjahr, doch die Hoffnung war, dass auch ein Lockdown „light“ die Covid-19-Fallzahlen senken könne. Sie scheinen die Kurve nach unten jedoch einfach nicht zu kriegen. Die Strategie geht nicht auf und es werden Verschärfungen der Maßnahmen gefordert, etwa für Hotspots des Infektionsgeschehens.

„Wir sind jetzt in einer anderen Phase der Epidemie, die Krankheit ist schon überall“, sagt Schlosser. Jetzt gehe es darum, die sozialen Kontakte vor Ort einzuschränken um Ansteckungen zu vermeiden. Entscheidend sei, mit wie vielen anderen Menschen man Kontakt hat, und welche Gruppengrößen sich daraus ergeben. Die Mobilität ging im November bei Weitem nicht so stark zurück wie im März. „Die Mobilität hat sich auf einem um etwa zehn Prozent verminderten Niveau eingependelt“, berichtet Schlosser.

Der Unterschied könne auf mehreren Faktoren beruhen. „Zum einen waren die Beschränkungen im Frühjahr strenger, wir haben ja derzeit nur einen Lockdown light“, sagt Schlosser. Aber seine Gruppe beobachte Anzeichen für einen weiteren Effekt. „Wir vermuten, dass sich eine Pandemiemüdigkeit eingestellt hat und die Menschen daher anders auf die Beschränkungen und auch auf die Krankheit selbst reagieren“, so der Forscher.

Ermüdung vs. Bewusstsein

„Rückkopplungsmechanismen zwischen dem Infektionsgeschehen und dem Bewusstsein in der Bevölkerung können dazu führen, dass Erkrankungen und Todesfälle auf hohem Niveau verbleiben“, sagte Joshua Weitz vom Georgia Institute of Technology in Atlanta dem Tagesspiegel.

Sein Team hat im Computer modelliert, wie die Bevölkerung auf hohe Zahlen von Todesfällen reagiert und sich individuell zunächst vorsichtig verhält, mit der Zeit aber Infektionsschutzmaßnahmen vernachlässigt. Die projizierte Entwicklung der Fallzahlen entspricht der tatsächlichen Entwicklung in vielen US-Bundesstaaten, berichtete das Team kürzlich ebenfalls in „PNAS“. „Und wir haben diese Aussagen bereits im Mai auf einem Preprint-Server veröffentlicht“, sagt Weitz.

Schlüsselergebnis der Studie sei, dass die Ermüdung vom Infektionsschutz und das Bewusstsein über die Ansteckungsgefahr den Verlauf des Infektionsgeschehen bestimmen könnten. „Es ist wichtig, dass Kampagnen für die Bewusstseinsbildung auch versuchen, der Ermüdung entgegenzuwirken“, sagt Weitz. Das sei die Voraussetzung dafür, das Risiko durch die Krankheit nachhaltig zu vermindern und Rückschritte zu vermeiden.

Pandemiemüdigkeit spiele eine immer größere Rolle, sagt auch Schlosser. Seine Gruppe möchte diesen Faktor in weiteren Analysen untersuchen, die auch kleinere Gebiete betrachten, in und zwischen denen sich Menschen bewegen, und die auch zeitlich feiner getaktet sind, um kurzzeitige Bewegungen innerhalb von Stunden zu erfassen.

„Wechselwirkungen zwischen Bewusstsein und Infektionsraten werden in den meisten epidemiologischen Modelle nicht berücksichtigt“, sagt Weitz. Daher könnte bislang auch nicht beurteilt werden, ob eine positive Entwicklung auf einer Maßnahme des Infektionsschutzes oder dem Zusammenspiel von Bewusstsein und Pandemiemüdigkeit beruht.

Seine Analyse von Mobilitätsdaten in den USA belege, dass Individuen selbst dann zu früh zur Normalität zurückkehren, wenn die Zahl von Todesfällen noch zunimmt. Dies könne dazu führen, dass die Fallzahlen hoch bleiben und auch zahlreiche Todesfälle eintreten.

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