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Der afrikanische Malaria-Überträger Anopheles gambiae (undatiertes Handout).
© Jim Gathany/CDC / picture alliance / dpa

Angst vor der „Klimalaria“: RKI-Chef warnt vor Tropenkrankheiten in Deutschland

Keime, die es warm mögen, sind auf dem Vormarsch. Ihre Überträger auch. Wie groß sind die Risiken tatsächlich?

Von Richard Friebe

In Deutschland diskutiert man gern und viel über Zuwanderung. Beim Menschen ist sie angesichts von Fach- und generell Arbeitskräftemangel von vielen ausdrücklich gewünscht. Bei fast allen anderen Arten sind die Neuankömmlinge, denen teilweise ein milder werdendes Klima Einreise und Verbleib erleichtert, nicht so willkommen, von Buchstaben-Schmuckschildkröte über Halsbandsittich bis zum amerikanischen Flusskrebs.

Keime im Reisegepäck

Letzterer wäre kein großes Problem, hätte er nicht die Krebspest mitgebracht, die inzwischen die einheimischen Flusskrebse praktisch ausgerottet hat. Doch auch andere Einwanderer oder schon ansässige Klimaprofiteure haben Mikroorganismen dabei. Manche davon können auch Menschen krank machen.

Lothar Wieler, RKI-Präsident.
Lothar Wieler, RKI-Präsident.
© dpa

Der Präsident des Bundesinstituts, das sich der Erforschung von Infektionskrankheiten widmet, warnte jetzt ausdrücklich vor klimabedingten Gefahren. Malaria etwa, so Lothar Wieler in einem Interview, könne es bald auch in Deutschland geben.

Der Chef des Robert-Koch-Instituts spricht damit nur noch einmal aus, was längst bekannt ist: Viele von Tieren auf Menschen übertragene Erreger brauchen es relativ warm, um ihren oft komplizierten Entwicklungszyklus durchlaufen zu können. Für zahlreiche Überträger gilt das Gleiche, Malariamücken etwa.

Mit „Mitteln“ gegen Malaria

Das wärmere Klima aber ist nicht der einzige Faktor. Ausbrüche der „Tertiana“ genannten Form der Malaria, die akut nicht ganz so gefährlich ist wie die bekanntere „Tropica“-Variante, gab es in Deutschland noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Dass die Krankheit seit etwa 70 Jahren hierzulande und in vielen anderen europäischen Ländern als ausgerottet gilt, hat auch viel mit der Trockenlegung von Feuchtgebieten und Unmengen an Insektenvernichtungsmittel (DDT) zu tun.

Malaria wird auch weiterhin vor allem ein Problem ärmerer tropischer Länder sein.
Malaria wird auch weiterhin vor allem ein Problem ärmerer tropischer Länder sein.
© picture alliance/dpa/EPA

Doch Fachleute sind sich einig: Das veränderte Klima wird es auch Plasmodium falciparum, dem Malariaerreger, leichter machen, sich wieder in Mitteleuropa auszubreiten. Sowohl die Mücken aus der Gattung Anopheles als auch die Parasiten profitieren – wenn es nicht zu heiß wird – von steigenden Temperaturen und längeren Wärmephasen.

Trockenheit und Tropenkrankheit

Allerdings gibt es auch einige Phänomene, die zumindest zum Teil der menschgemachten Klimaveränderung zugeschrieben werden, die in die entgegengesetzte Richtung wirken sollten: Nicht umsonst ist Malaria als Krankheit der tropischen Feuchtgebiete bekannt. Längere Trockenperioden nehmen den Mücken die Brutmöglichkeiten in stehendem Wasser und erhöhen den Druck durch Fressfeinde wie Schwalben oder Fledermäuse.

Das West-Nil-Virus unter dem Elektronenmikroskop. 
Das West-Nil-Virus unter dem Elektronenmikroskop. 
© Cynthia Goldsmith/CENTERS FOR DISEASE CONTROL/EPA/dpa

Wie wahrscheinlich es aber ist, dass Malaria in Deutschland wirklich wieder zu einem Problem wird, dazu gibt es unterschiedliche Ansichten. Renaturierung von Feuchtgebieten etwa und der abnehmende Einsatz von Insektiziden könnte hier zumindest regional durchaus begünstigend wirken. Doch, so schrieben die beiden Bonner Parasitologen Walter Maier und Helge Kampen schon 2008 in einem Standardwerk zum Thema, in Ländern mit hohen Hygienestandards und einem entwickelten Gesundheitssystem wie Deutschland sei eine problematische Verbreitung unwahrscheinlich.

Auch Mücken müssen sich infizieren

Ein Grund dafür ist, dass Mücken sich den Parasiten irgendwo holen müssen. Das geht hierzulande nur bei infizierten Menschen. Wenn es davon, weil das Gesundheitssystem sich um sie kümmert und Leute in Risikogebieten sich durch Abwehrmittel und Moskitonetze schützen, nicht viele gibt, bleibt der Stich der Malariamücke auch in Zukunft wohl meist folgenlos. Es sei denn, Vorsorge- und Gesundheitssystem würden angesichts von Kriegen, Nahrungsknappheiten und sozialer Unruhen auch zunehmend unter Druck geraten.

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Ein anderes Erreger-Überträger-Duo allerdings macht in Nordamerika, Südeuropa und in Einzelfällen seit ein paar Jahren auch in Deutschland zunehmend Probleme: das West-Nil-Virus und die ohnehin heimischen Culex-Mücken. Anders als bei Malaria gibt es in Deutschland reichlich vorkommende Wirte, Vögel vor allem. Das macht die Kontrolle der Ausbreitung ungleich schwieriger. Aber zumindest schwere Erkrankungen kommen seltener vor.

Studie: Mehr als die Hälfte der Keime profitieren

Auch der jüngste Bericht des Weltklimarates widmet sich dem Thema. Und ein Team um den aus Kolumbien stammenden Biologen Camilo Mora hat am Montag eine neue Analyse der verfügbaren Studien veröffentlicht. Im Fachblatt „Nature Climate Change“ kommt die aus sieben Forscherinnen und vier Forschern bestehende Gruppe zu dem Schluss, dass – weltweit – mehr als die Hälfte der für Menschen problematischen Krankheitserreger in Zukunft für Menschen noch problematischer werden dürften.

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Die wärmebedingte Ausbreitung in oft dicht besiedelte Regionen der bislang gemäßigten Klimazonen, wozu auch Deutschland gehört, führen sie als einen der Gründe hierfür an. Dazu kommt unter anderem die Tendenz, dass Menschen und Erreger sich immer näher kommen, etwa durch Besiedlung bislang der Natur überlassener Gebiete.

Von Cholera über Dengue bis Malaria und Zika reichen die Pathogene, von Flöhen über Vögel bis Zecken die Überträger. Es gibt aber auch ein paar Keime, denen die Klimaveränderungen eher zusetzen dürften, etwa Influenza und, ja: Sars-CoV-2.

Das Team gibt aber ausdrücklich zu bedenken, die Datengrundlage sei teilweise dürftig gewesen. Und auch aufgrund der dem Thema innewohnenden Komplexität mit vielen Einflussfaktoren von sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen über die regionale Ökologie bis hin zu möglichen medizinischen Durchbrüchen oder der Entwicklung gefährlicherer Erregervarianten ist eines kaum möglich: konkrete regionale Vorhersagen etwa für Deutschland oder Berlin-Brandenburg.

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