Viadrina-Präsidentin von Blumenthal : "Kritische Fragen in Polen ansprechen"

Julia von Blumenthal wird neue Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder. Im Interview erklärt sie ihre Pläne und den Umgang mit dem komplizierten Nachbarland Polen.

Julia von Blumenthal, die neue Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder.
Julia von Blumenthal, die neue Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder.Foto: Viadrina/Heide Fest

Die Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder bekommt eine neue Präsidentin: Die Politologin Julia von Blumenthal wurde am Mittwochmittag einstimmig von den 12 anwesenden Senatsmitgliedern der Universität gewählt. Die 47-Jährige kommt von der Humboldt-Universität, wo sie Dekanin der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät ist. Ihr Vorgänger Alexander Wöll war im Oktober vergangenen Jahres nach nur der Hälfte seiner Amtszeit zurückgetreten. Im Interview erklärt Blumenthal ihre Pläne mit der Viadrina.

Frau von Blumenthal, was haben Sie mit der Viadrina vor?

Meine Präsidentschaft an der Viadrina möchte ich unter das Motto stellen: Sichtbar in Europa, präsent in der Region, vernetzt in Wissenschaft und Gesellschaft. Die Viadrina heißt Europa-Universität, der europäische Gedanke ist der Gründungsgedanke der Uni. Mir ist wichtig, das in den Vordergrund zu stellen – gerade in politisch schwierigen Zeiten, in denen sich Europa derzeit befindet. Was die Universität zur Entwicklung der Doppelstadt Frankfurt – Słubice und der Region beiderseits der Oder beitragen kann, ist ebenfalls entscheidend. Und das Dritte zielt auf etwas Generelles: Universitäten sind Gemeinschaften von Lehrenden und Lernenden, die Teil der Wissenschaft und genauso Teil der Gesellschaft sind.

Die Beziehungen zu Polen haben sich spätestens seit dem Antritt der rechten Pis-Regierung in Warschau verschlechtert, der Auftrag der Uni scheint aktueller denn je. Wie wollen Sie mit der politischen Großwetterlage umgehen?

Gerade in einer schwierigen Gesamtlage wie heute ist es umso wichtiger, dass Institutionen wie Universitäten zusammenarbeiten. Hier ist Raum für den direkten Kontakt, den Dialog und auch den kritischen Diskurs. Im Collegium Polonicum, der gemeinsamen Lehr- und Forschungsinstitution mit der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań passiert das, da findet deutsch-polnische wissenschaftliche Zusammenarbeit ganz konkret statt. Das geschieht in öffentlichen Veranstaltungen – aber auch in nicht ganz so öffentlichen Gesprächen, in denen es möglich ist, kritischere Fragen anzusprechen.

Sie sind Politikwissenschaftlerin und haben auch Slawistik studiert. Was denken Sie als Wissenschaftlerin, wie Deutschland und die EU der Regierung in Polen, aber auch in Ungarn begegnen sollten? 

Vor kurzem hat der Zeithistoriker Timothy Garton Ash einen kleinen Artikel veröffentlicht. Er hat der EU ins Stammbuch geschrieben, sie müsse die Balance zwischen Idealismus und Realismus finden. Das bringt sehr gut auf den Punkt, dass die EU einerseits eine Wertgemeinschaft ist, die auf Rechtsstaatlichkeit, auf Demokratie beruht und die sich mit der EU-Grundrechtecharta normativ verpflichtet hat. Auf der anderen Seite ist sie eben auch eine Gemeinschaft von Nationalstaaten, die die Welt aus ganz unterschiedlicher zeithistorischer Perspektive sehen und mit unterschiedlichen Interessen wahrnehmen. Zwischen diesen beiden Dingen die Balance zu finden, ist die Aufgabe. Das ist zugegebenermaßen schwierig.

Von der Viadrina wird seit langem gefordert, sich strategisch nicht nur auf Polen, sondern auf alle östlichen EU-Länder auszurichten. Kritiker sagen aber, da sei bisher viel zu wenig geschehen. Wie sehen Sie das?

Die deutsch-polnische Zusammenarbeit, das ist die DNA der Viadrina. Das ist nicht nur ihr Auftrag in der Wissenschaft, sondern auch bezogen auf die Vernetzung in der Stadt. Daneben gibt es bereits Zusammenarbeit in Richtung Ukraine und natürlich kann man ein Profil einer Universität immer ausbauen, gerade im Sinne einer Brückenfunktion, wie sie die Viadrina zwischen West-und Osteuropa wahrnimmt. Auf der anderen Seite muss sich eine Universität aber auch auf bestimmte Felder konzentrieren.

Die Viadrina will eine gemeinsame Fakultät mit der Uni Poznań gründen. Ihr Vorgänger wollte eine Digitalfakultät daraus machen, das Land sieht das aber kritisch. Wollen Sie das inhaltlich neu aufzäumen? 

Seit Januar ist Jürgen Neyer der Beauftragte des Präsidiums, um diese Fakultät voranzutreiben. Seitdem ist viel Energie in die Fortentwicklung der Konzeption geflossen und es wurden zahlreiche Gespräche geführt. Dies gilt es, gemeinsam fortzusetzen. Die Digitalisierung ist in den Blick geraten, weil sie ein Zukunftsthema ist, das auch interdisziplinär bearbeitet werden muss. Ich würde das aber auch nicht auf diesen einen Begriff zuspitzen. Letztlich muss die Viadrina bei der internationalen Fakultät die Stärken einbringen, die sie hat.

Für polnische Studierende ist die Viadrina schon längst nicht mehr erste Wahl unter europäischen Universitäten im Ausland, wie sie es nach der Gründung einmal war. Wie kann die Uni hier wieder attraktiver werden?

Die Viadrina ist zurecht stolz auf ihre Internationalität, das betrifft den Anteil der internationalen Studierenden und die Zahl der Länder, aus denen sie kommen. Man darf sich aber auch nicht auf vergangenen Erfolgen ausruhen. Bei den polnischen Studierenden sehe ich tatsächlich Gesprächsbedarf. Es wird nicht einfach sein, ein Patentrezept zu entwickeln, um wieder mehr polnische Studierende anzulocken.

Die Viadrina tut sich schwer damit, Forschungsmittel einzuwerben. Beim Wettbewerb „Innovative Hochschule“ ist die Uni gescheitert, bei der Exzellenzinitiative wurde erst gar kein Antrag eingereicht. Wie kann man sich da verbessern?

Zunächst einmal: Drittmittel sind nicht der einzige Indikator für relevante Forschung. Forschungsstärke kann auch nicht am Erfolg oder an der Beteiligung an einzelnen Programmen festgemacht werden. Ich sehe hier aber auch Handlungsbedarf bei der strategischen Schwerpunktsetzung. Eine Universität kann solche Schwerpunkte nur dann setzen, wenn sie auch von Forschenden getragen werden. Daher muss ein Prozess angeschoben werden, der von unten und von oben von der Leitung gleichermaßen kommt.

Sie sind bisher Professorin an der HU, leben in Berlin – wie auch viele Forscherinnen und Forscher der Viadrina. Werden Sie jetzt nach Frankfurt (Oder) ziehen?

Ich werde selbstverständlich eine Wohnung in Frankfurt haben. Die Vernetzung in die Stadt ist mir wichtig. Daran kann ich nur glaubhaft mitarbeiten, wenn ich vor Ort präsent bin.

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: 

1 Kommentar

Neuester Kommentar