Vor Entscheidung im Klimakabinett : Die Zeit des Handelns ist jetzt!

Humboldt zu feiern reicht allein nicht aus. Deutschland kann und muss im Kampf gegen den Klimawandel einen Unterschied machen. Eine Position.

Johannes Vogel
Schülerinnen und Schüler bei einer "Fridays for Future"-Demo in Baden-Württemberg.
Schülerinnen und Schüler bei einer "Fridays for Future"-Demo in Baden-Württemberg.Foto: Patrick Seeger/dpa

Der erste weltweit vernetzte, politisch und global denkende deutsche Naturforscher, Alexander von Humboldt, wäre dieser Tage, am 14. September, 250 Jahre alt geworden. Berlin hat ihn gefeiert: im Humboldtforum, im Museum für Naturkunde Berlin und an vielen anderen Orten. Das ist gut so, denn er war und ist ein bemerkenswerter, aufgeklärter, weitsichtiger und kluger Mann.

Es braucht den Druck von der Straße

Doch eine Woche vor der Tagung des Klimakabinetts der Bundesregierung, das am 20. September ein Klimaschutzgesetz verabschieden will, reicht Feiern allein nicht aus. Heute geht die deutsche "ungestüme" Jugend auf die Straße, (noch) nicht in Humboldts Namen, aber um das einzufordern, was auch dem Naturforscher wichtig war: globale, soziale und Umweltgerechtigkeit, eine lebenswerte Zukunft.

Die Politik soll endlich die Wissenschaft und ihre Erkenntnisse zu Klimawandel und Naturzerstörung ernst nehmen und ihr Handeln daran ausrichten. So lautet die einfache, klare und wahre Botschaft der "Fridays for Future"-Bewegung.

Johannes Vogel ist Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde.
Johannes Vogel ist Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde.Foto: Mike Wolff

Was aber will denn eigentlich die Wissenschaft? Was weiß sie, was schlägt sie seit vielen Jahren der Politik vor und warum? In einer wissensbasierten Demokratie braucht es den Druck von der Straße, damit endlich Bewegung in die Sache kommt. Sollte das "Weiter so" und der faule Kompromiss nicht mehr tragen? Wenn Leugner des menschengemachten Klimawandels die Demokratie vor sich her treiben, dann muss die Wissenschaft Rückgrat zeigen und Verantwortung für die Zukunft übernehmen – so wie Humboldt es schon zu seinen Lebzeiten verlangte.

Die Wissenschaft muss lernen zuzuhören

Ganz generell muss gelten: Wir brauchen gerade in Fragen des Naturschutzes und des Klimawandels eine stärkere Orientierung von politischen Entscheidungen an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Gleichzeitig ist aber auch eine Einbeziehung der Gesellschaft in Entscheidungs- und Wissensgenerierungsprozesse dringend nötig. Das High-Tech-Forum der Bundesregierung will hier neue Möglichkeiten eröffnen, diese spannenden Prozesse müssen ergebnisoffen und transparent gestaltet werden.

Gleichzeitig muss sich die Wissenschaft noch weiter öffnen. Die Gesellschaft will teilhaben und Wissenschaft muss lernen zuzuhören. Das wird Zeit und Geld kosten – der Umbau der Anreizsysteme in der Wissenschaft muss vorangetrieben werden. Es fehlt weiterhin an freiem Zugang und offenem Austausch von Forschungs- und Monitoringdaten, Vernetzung und Integration der Daten- und Informationssysteme und -plattformen.

Prozesse zur Beteiligung der Gesellschaft an Klima- sowie Biosphären-Forschung müssen ausgebaut, Monitoring und aktive Handlungen und Maßnahmen durch Open und Citizen Science müssen national und weltweit gestärkt werden. Der neue Pakt für Forschung und Innovation muss hierfür eingesetzt werden – dann ist er eine weltweit einmalige Chance! Nur zusammen mit der Gesellschaft können wissensbasierte Problemlösungen gelingen.

Klimaforschung ohne Biodiversitäts- und Ökosystemforschung führt nicht zu Lösungen und ist wenig sinnvoll. Es braucht eine umfassende Systemforschung der Biosphäre, ihrer Veränderungen und Wechselwirkungen mit und durch den Klimawandel. Die Forschungsprojekte der Leibniz-Gemeinschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft sind hier wegweisend.

Für Alleingänge in den Ministerien darf es keinen Platz geben

"Kluge Maßnahmen" sind möglich. Es muss jetzt ganz schnell zu einer starken Verminderung klimaschädlicher Gase kommen, gekoppelt mit ehrlichen Dialogen um eine möglichst breite Unterstützung in der Bevölkerung und realistischen, tatsächlich gemeinsam umsetzbaren Zielen. Wir müssen dabei auch positive Perspektiven und Ideen für eine gute Zukunft zusammen mit der Gesellschaft entwickeln. Von oben gesteuert, wird das nicht funktionieren.

Nachhaltige Entwicklung muss als ressort-übergreifendes Anliegen gestärkt werden. Für Alleingänge in den Ministerien der Regierungen darf es keinen Platz geben. Heilige Kühe, insbesondere umwelt- und klimaschädliche Subventionen in der Landwirtschaft, Energie- und Verkehrspolitik müssen geschlachtet werden. Das Geld ist besser investiert in Forschung und Entwicklung klimafreundlicher Technologien und in den Dialog darüber und in ihre Verbreitung.

Deutschland kann sich zum globalen grünen Marktführer entwickeln, die demokratische Wissensgesellschaft stärken und seiner Vorreiterrolle gerecht werden. Wenn Gerechtigkeit und Transparenz gewährleistet sind, dann wird so etwas auch politisch durchsetzbar sein. In der Regel nämlich akzeptieren Bürgerinnen und Bürger politische Veränderungen, wenn deren Steuerungswirkung nachvollziehbar ist.

Die Gesellschaft wird mitgehen

Deutschland kann und muss einen Unterschied machen. Lassen wir uns nicht von faktenscheuen Kleingeistern kleinreden. Die differenzierte und kluge Wissenschaftslandschaft stellt der Politik seit Jahrzehnten wegweisende Lösungs- und Handlungsansätze zur Verfügung. Die "Empfehlungen für eine Politik der ökologischen Nachhaltigkeit" aus dem Sondergutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen 2019 (hier als PDF) sind dafür nur ein Beispiel.

Hier also finden sich Alexander von Humboldt, die heutige Wissenschaft und die "Fridays for Future"-Bewegung zusammen – sie folgen den wissenschaftlichen Fakten. Ich glaube – und unser Dialog mit Zehntausenden Besucherinnen und Besuchern im Museum für Naturkunde Berlin zeigt es – die Gesellschaft wird mitgehen.

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