Zu viel Panikmache? : Warum wir das Coronavirus ernst nehmen sollten

Wenn sich das Virus annähernd so verhält, wie Forscher annehmen, dann hinkt der Vergleich mit der Grippe: Es wäre deutlich lebensgefährlicher. Ein Kommentar.

In der chinesischen Stadt Taizhou wird die Straße desinfiziert.
In der chinesischen Stadt Taizhou wird die Straße desinfiziert.Foto: REUTERS

Der Mensch ist irrational. Oft jedenfalls. Sonst würde er nicht bei Wahlen häufig Leuten Mehrheiten verschaffen, die an nichts als das Irrationale in ihm appellieren. Sonst würde er nicht Horoskope beim Wort nehmen oder Tatsachenbehauptungen aus Büchern mit vor Tausenden Jahren geschrieben Texten. Er würde sonst auch nicht Lotto spielen.

Manche gern als Experten zitierte Menschen gefallen sich derzeit darin, menschliche Reaktionen auf die Nachrichten aus Fernost als irrationale Panik und Panikmache abzustempeln. Sie sagen, das Virus ist doch eigentlich noch gar nicht richtig in Deutschland angekommen. Und man könne auch von einem Auto überfahren werden. Und die Grippe töte viel mehr Menschen jedes Jahr.

Dazu kann man zuallererst einmal eines sagen: Etwas, das auch nur annähernd die Definition von Panik erfüllen würde, ist im Kontext des Virus aus Wuhan in Deutschland bislang noch nicht beobachtet worden. Manche Leute reagieren vielmehr ziemlich rational, indem sie etwa vorsorglich Seife, Desinfektionsmittel oder auch Gesichtsmasken einkaufen.

Das nennt man Vorsorgeprinzip. Menschen wenden es privat in unterschiedlichem Maße an. Es gilt auch ganz offiziell etwa als Leitlinie der Umweltpolitik in Deutschland und bei den Vereinten Nationen: Bei „unvollständiger Wissensbasis“ tut man vorsorglich lieber das, womit man auf der sicheren Seite ist.

Grafik: Tsp/dpa

Das Vorsorge- und das Wissenschaftsprinzip

Der Gegenspieler des Vorsorgeprinzips ist das Wissenschaftsprinzip. Es wird auch als Risikoprinzip bezeichnet und fordert, nur auf Basis rational gesicherter Risiken zu handeln. Das bedeutet, ein Risiko muss mit wissenschaftlichen Methoden klar nachgewiesen sein. In der Gesundheitspolitik stehen Vorsorge- und Wissenschaftsprinzip seit Langem im steten Widerstreit.

Im Kontext des Virus aus Wuhan stellt sich die Lage so dar: Wir haben es zu tun mit etwas bis vor Kurzem völlig Unbekanntem. Die „Wissensbasis“ ist also situationsbedingt vorerst sehr „unvollständig“. Man weiß nicht genau, wie ansteckend der Erreger ist, wie anpassungsfähig, wie lebensgefährlich. Man weiß nicht einmal, wo er überall schon angekommen ist.

Denn bei einigen Infizierten ist die Inkubationszeit offenbar recht lang. Sie sind infiziert, aber nicht identifiziert. Klingt nicht gut und ist auch nicht gut. Und offenbar können Personen auch symptomfrei über längere Zeiträume ansteckend sein. Das könnte sie zu „Superspreadern“ machen, die überdurchschnittlich viele Leute anstecken.

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Wenn sich das Virus auch nur annähernd so verhält, wie Forscher derzeit annehmen, dann hinkt auch der Vergleich mit der Grippe. Denn es wäre dann deutlich lebensgefährlicher als jene Influenza, vor welcher – basierend auf dem Wissenschaftsprinzip – sehr rational sehr viel gewarnt wird.

Angenommen, es würde sich hierzulande tatsächlich verbreiten, ohne dass die Menschen ihr Verhalten ändern: Dann würden wahrscheinlich schnell viel mehr Menschen daran sterben als jedes Jahr an Grippe. Und dass der Ausbruch dann influenzagleich bald wieder abebben würde, wäre auch nicht garantiert.

„2019-nCoV“ ist ein Erreger, dessen genaues Verhalten weitgehend unbekannt ist. Man weiß aber, dass er sich schnell verbreiten und tödlich sein kann. Hier Prinzipien wie Vorsorge und Vorsicht in den Vordergrund zu stellen, ist alles andere als irrational. Irrational ist Panik. Und die bricht am ehesten dann aus, wenn man nicht vorbereitet ist.

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