• Zweifel an Zuverlässigkeit ausgewerteter Tests: „Unplausible Zahlen“ – Kritik an Heinsberg-Studie

Zweifel an Zuverlässigkeit ausgewerteter Tests : „Unplausible Zahlen“ – Kritik an Heinsberg-Studie

Mit viel Aufmerksamkeit wurden am Donnerstag die Zwischenergebnisse zur Heinsberg-Studie vorgestellt. Jetzt äußern Fachleute Zweifel an ihrer Aussagekraft.

Dagny Lüdemann
Im besonders stark betroffenen Landkreis Heinsberg wollte das Team unter anderem herausfinden, wie viele Menschen tatsächlich mit dem neuen Erreger infiziert sind oder waren.
Im besonders stark betroffenen Landkreis Heinsberg wollte das Team unter anderem herausfinden, wie viele Menschen tatsächlich mit...Foto: Jonas Güttler/dpa

Dieser Artikel erschien zuerst auf ZEIT Online.

Die Schlagzeilen waren voller Euphorie: „Jeder Siebte könnte bereits immun sein“, schrieb der Spiegel. „Lockerung von Einschränkungen wegen Corona möglich“, titelte die FAZ. Dass all diese Schlussfolgerungen, wenn überhaupt, nur für Heinsberg – und nicht bundesweit – gegolten hätten, ging weitgehend unter.

Nun gibt es außerdem inhaltliche Zweifel an der Studie, die zu diesen Titelzeilen geführt hat. So ist nicht sicher, ob der Test, den die Forscher benutzt haben, eine sichere Aussage über eine Infektion mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 treffen kann.

Außerdem gibt es Verbindungen zwischen dem Bonner Studienleiter und dem PR-Unternehmen Storymachine, welches eine Dokumentation zur Studie selbst finanziert. Zu deren Mitbegründern zählt Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Aber der Reihe nach.

Am Donnerstagvormittag hatte ein Forschungsteam um den Virologen Hendrik Streeck von der Universität Bonn auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf erste Resultate der deutschlandweit bisher größten Studie zur Verbreitung des neuen Coronavirus vorgestellt. Im besonders stark betroffenen Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen will das Team unter anderem herausfinden, wie viele Menschen tatsächlich mit dem neuen Erreger infiziert sind oder waren.

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Erst vergangene Woche hatten die Wissenschaftler die ersten Teilnehmer aus der Gemeinde Gangelt untersucht. Dort hatte sich das Virus vermutlich nach einer Karnevalssitzung Mitte Februar rasant ausgebreitet. Bereits am 9. April präsentierte Streeck nun also die ersten Zwischenergebnisse.

Hendrik Streeck, Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn, spricht während der Pressekonferenz der Landesregierung.
Hendrik Streeck, Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn, spricht während der Pressekonferenz der...Foto: Federico Gambarini/dpa

Darin flossen Daten von etwa 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein – etwa der Hälfte der geplanten Probanden. Das kann man einem zweiseitigen Dokument (inzwischen hier zu finden) entnehmen, das auf der Homepage des Landes NRW zum Download bereitsteht. Ein wissenschaftliches Manuskript, in dem das Vorgehen der Forscher und ihre Interpretation der Ergebnisse genau beschrieben wird, ist bislang nicht veröffentlicht.

Unklar kommuniziert - vielfach missverstanden

Streecks wichtigste Aussage während der Pressekonferenz war folgende: Basierend auf Antikörpertests seien angeblich 14 Prozent der Bevölkerung seropositiv. Das heiße, sie hätten eine Infektion mit dem neuen Coronavirus durchgemacht und seien nun erst einmal immun.

Zusammen mit weiteren zwei Prozent der Teilnehmer, die akut infiziert seien, errechneten die Forscher eine "Infektionsrate" von 15 Prozent. In der Veröffentlichung heißt es: "Dies bedeutet, dass sich 15 Prozent der Bevölkerung in Gangelt nicht mehr mit Sars-CoV-2 infizieren können, und der Prozess bis zum Erreichen einer Herdenimmunität bereits eingeleitet ist."

Dieser 15-prozentige Anteil der Bevölkerung vermindere die Geschwindigkeit einer weiteren Ausbreitung von Sars-CoV-2 entsprechend. Auf Basis dieser Ergebnisse – wohlgemerkt Zwischenergebnisse – erklärte Streeck, die strengen Auflagen, um die Epidemie einzudämmen, könnten allmählich gelockert werden, sofern Hygiene- und andere Verhaltensmaßnahmen weiter befolgt würden.

Wer anschließend verfolgte, wie nach und nach Schlagzeilen entstanden, die pauschal von Lockerungen sprachen, konnte sich nur wundern. In der Pressekonferenz jedenfalls blieb weitgehend unklar, ob sich Streeck bei seiner Interpretation der Ergebnisse auf Heinsberg oder aber ganz Deutschland bezog.

Von Lockerungen steht auch nichts in dem Dokument auf der NRW-Homepage. Und doch konnte man beim Lesen der Schlagzeilen den Eindruck bekommen, genau darum gehe es. Aber das ist nicht der einzige Kritikpunkt.

Mit dem Antikörpertest, so behaupten die Forscher um Streeck, habe man herausgefunden, wer bereits Antikörper gegen Sars-CoV-2 im Blut hat. Das deuten die Bonner Wissenschaftler als Beleg, dass sich das Immunsystem dieser Menschen mit genau diesem Virus auseinandergesetzt hat und die Betroffene nun immun ist. Im Dokument heißt es: "Es wurde eine bestehende Immunität von ca. 14% (anti-SARS-CoV2 IgG positiv, Spezifität der Methode >,99 %) festgestellt."

Fraglich, ob kommerzielle Tests schon so genau sind

Das Problem: Es ist höchst fraglich, ob es derzeit schon kommerzielle Tests gibt, die eine Infektion mit dem neuen Coronavirus trennscharf von einer Infektion mit anderen saisonalen Coronaviren unterscheiden können. Laut Angaben des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung sind Coronaviren für etwa ein Drittel aller Erkältungen beim Menschen verantwortlich.

Vier solcher endemischen Erreger zirkulieren im Winterhalbjahr auch hierzulande. Doch all das wurde auf der Pressekonferenz am Donnerstagvormittag nicht erklärt.

Diese hatte auch der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité verfolgt. Auf einem Expertengespräch, das das deutsche Science Media Center (SMC) am Donnerstagmittag zu künftigen Teststrategien auf Sars-CoV-2 veranstaltete, sagte Drosten, er könne aus dem, was in Düsseldorf präsentiert wurde, nichts ableiten: "Da wird einfach so wenig erklärt, dass man nicht alles versteht."

Seinen größten Kritikpunkt bekräftigte Drosten abends noch einmal im heute journal. Man müsse unterscheiden, ob es sich um Diagnosen handele oder einfach um Signale aus einem Labortest. "Diese Labortests haben eine hohe Rate an falsch positiven Signalen, rein technisch", sagte Drosten.

Das bedeutet, dass Antikörpertests auch dann anschlagen können, wenn Menschen sich gar nicht mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert haben, sondern ihr Immunsystem Antikörper gegen eines der vier saisonalen Coronaviren gebildet hat.

Reagiert ein Test, der eigentlich Sars-CoV-2 nachweisen soll, auch positiv auf die Antikörper saisonaler Coronaviren, spricht man von Kreuzreaktivität. Und da die Erkältungszeit gerade erst wenige Wochen vorbei ist, könnten Tests fälschlicherweise diese Antikörper nachweisen – sie sozusagen verwechseln.

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Um einschätzen zu können, wie oft es bei dem von Streeck und seinem Team verwendeten Test zu solchen Verwechslungen gekommen sei, brauche man Bestätigungsuntersuchungen im Labor, sagte Drosten. "Im Moment ist nicht klar, ob die gemacht worden sind." Auf solche Informationen warte man aber als Wissenschaftsgemeinschaft.

Sollte sich herausstellen, dass es tatsächlich zu einer Kreuzreaktivität gekommen ist, würden die Schlussfolgerungen von Streecks Team in Frage stehen. Denn dann hätten vielleicht gar nicht 15 Prozent der Menschen in Heinsberg mit dem neuen Virus gekämpft, sondern ein Teil davon könnte schlicht Antikörper auf die meist harmlosen saisonalen Coronaviren im Blut haben. Mit der Folge, dass dann wesentlich weniger Menschen immun wären.

"Zeit Online" erreichte Hendrik Streeck am Abend telefonisch. Er sagte, der verwendete Test könne – natürlich mit einer gewissen Fehlertoleranz – sehr wohl zwischen einer Infektion mit Sars-CoV-2 und anderen Coronaviren unterscheiden. Die Lübecker Firma Euroimmun, die den Antikörpertest, der in der Heinsberg-Studie genutzt wurde, hergestellt hat, habe diesen zuvor an 1.600 Seren von Blutspendern überprüft, so Streeck.

Gehe man davon aus, dass vielleicht fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung schon einmal mit anderen Coronaviren als Sars-CoV-2 infiziert gewesen sein, hätte man bei dem Prozedere auch falsch positive Testergebnisse finden müssen. Das sei aber offenbar nur zu einem sehr geringen Teil der Fall, der Hersteller gebe die Spezifität mit mehr als 99 Prozent an.

Das würde heißen, in weniger als einem Prozent der Fälle zeigt der genutzte Test ein falsch positives Ergebnis an. Diese Aussage lässt sich allerdings ohne konkrete Daten der Firma Euroimmun nicht überprüfen.

Im Rahmen der Entwicklung eines eigenen Antikörpertests hat eine internationale Forschergruppe um Christian Drosten auch Prototypen des Antikörpertests der Firma Euroimmun überprüft (MedRxiv: Okba et al., 2020). Dazu untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Seren von Menschen, die nicht mit dem aktuellen Sars-CoV-2 infiziert gewesen sein können, da ihre Proben aus einer Zeit vor dem Ausbruch stammen.

Und tatsächlich reagierten die Tests in einigen Fällen auf Antikörper von saisonalen Erkältungsviren aus der Corona-Familie. Bei zwölf Serumproben aus dem Blut zweier Patienten, die offenbar schon mal so eine saisonale Infektion hatten, wendeten die Forscher den Test erneut an. Wieder reagierte dieser auf die Antikörper. Und diese sind eben keine Antikörper gegen Sars-CoV-2.

Diese zwar nur sehr kleine Überprüfung steht der Aussage Streecks entgegen, die Kreuzreaktivität – also dass der Test auch auf Antikörper saisonaler Coronaviren reagiert – spiele in der Heinsberg-Studie kaum eine Rolle. Dazu, inwieweit der Euroimmun-Test in der Studie der Bonner Arbeitsgruppe schon derart weiterentwickelt war, sodass diese Kreuzreaktivität verringert oder gar ausgeschlossen werden konnte, sind derzeit keine Daten verfügbar.

Studie „mit heißer Nadel gestrickt“

Der Epidemiologe Gérard Krause, der ebenfalls an dem SMC-Briefing teilnahm, sieht noch ein anderes Problem mit den 15 Prozent, "das vielleicht quantitativ noch stärker" sei. Man dürfe nicht jede positiv getestete Einzelperson zählen, sondern "allenfalls pro Haushalt nur eine Person nehmen". Denn wenn eine Person im Haushalt infiziert ist, sind es wahrscheinlich bald alle, und das Ergebnis wird dadurch verfälscht.

Streeck bestätigte "Zeit Online", dass für die Zwischenergebnisse tatsächlich jede einzelne der eingeladenen Personen gezählt wurde – und nicht haushaltsweise. Die Studie sei "mit heißer Nadel gestrickt" worden, und man werde diese Methodik vielleicht auch noch einmal überdenken, sagte er. Das brauche nun etwas Zeit. (Anmerkung der Redaktion: Hendrik Streeck teilte nach Erscheinen des Artikels telefonisch mit, dass er nicht die Methodik der Studie in Frage stelle, sondern die Auswertung der Daten nach Haushalten noch geplant sei)

Fraglich scheint nur, warum er sich diese Zeit nicht vorher genommen hat. Bald waren jedenfalls die 15 Prozent in der Welt und wurden zu "Jeder Siebte könnte bereits immun sein". Genau wie die Einschätzung, dass Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote nun langsam gelockert werden könnten.

Ob Streeck bewusst sei, dass auf der Pressekonferenz nicht nur die Methodik der Untersuchung nicht klar wurde, sondern auch nicht, ob er sich bei seiner Einschätzung nur auf Heinsberg oder auf ganz Deutschland bezog? "Ein guter Hinweis", sagte Streeck.

Er habe aber den Eindruck, man habe mit den strengen Maßnahmen in ganz Deutschland derzeit eine gewisse Kontrolle der Ausbreitung erreicht. Was das genau bedeute, müsse aber die Politik entscheiden. Der Grund, dass man die Ergebnisse unbedingt noch vor Ostern präsentieren wollte, sei gewesen, dass nach Ostern ja entschieden werden solle, wie es mit den strengen Maßnahmen weitergeht, sagte Streeck am Telefon.

Profi-Marketing für Heinsberg-Forscher

Mittlerweile wurde zudem bekannt, dass das Forscherteam um Hendrik Streeck bei der Öffentlichkeitsarbeit von der Social-Media-Agentur Storymachine unterstützt wird. Gegründet wurde diese vom ehemaligen Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, dem PR-Profi Michael Mronz – dem einstigen Lebenspartner des verstorbenen Außenministers und FDP-Politikers Guido Westerwelle – sowie dem ehemaligen stern.de-Chef Philipp Jessen.

In sozialen Netzwerken, auf Twitter und Facebook, begleitet die Agentur die Forschung des Bonner Teams mit einer Informationskampagne. Für wissenschaftliche Studien, die an einer öffentlichen Universität stattfinden, ist das höchst ungewöhnlich.

"Die Studie von Prof. Dr. Hendrik Streeck zu Covid-19 ist von überragender Wichtigkeit und wissenschaftlicher Bedeutung für den weiteren politischen und gesellschaftlichen Umgang mit dieser Krankheit", sagte Storymachine-Geschäftsführer Philipp Jessen am Donnerstag in einem Interview mit dem Magazin Meedia. Das Ziel des "Heinsberg-Protokolls" sei es, dieser wissenschaftlichen Arbeit größtmögliche Öffentlichkeit und Sichtbarkeit zu ermöglichen.

Die nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Sarah Philipp von der SPD richtete noch am Donnerstag eine Kleine Anfrage an die Landesregierung. Darin geht es unter anderem um die Frage, wer Storymachine den Auftrag zur Erstellung der Dokumentation gegeben habe und wer diese finanziere.

Hintergrund zum Coronavirus:

Die Agentur habe den Kontakt zu Streeck aufgenommen und sein Einverständnis für die Dokumentation eingeholt, heißt es in dem Interview mit Meedia. Dies bestätigte der Bonner Virologe am Donnerstagabend im Telefonat mit "Zeit Online". Er kenne einen der Mitgründer, Michael Mronz, schon lange. Dieser habe die Unterstützung angeboten. Er habe die Idee gut gefunden, weil viele Menschen Interesse an der Studie zeigten und er so die Öffentlichkeit teilhaben lassen wollte.

Außerdem sei Streeck auch froh gewesen, dass ihm jemand die Arbeit mit Twitter und Facebook abnehme. Die Agentur erhalte aber weder Geld von ihm noch von der Uni Bonn. Auch sei sie an der inhaltlichen Vorbereitung der Pressekonferenz in Düsseldorf am Donnerstag nicht beteiligt gewesen.

Ergebnisse bisher nicht auf ganz Deutschland übertragbar

Streeck selbst habe kein Interesse daran, die Öffentlichkeit in eine Richtung pro oder kontra Lockerung der Maßnahmen zu bewegen. Für ihn seien gute Arbeit und valide Ergebnisse wichtig, die zur Entscheidungsfindung beitragen könnten.
Insgesamt bleibt nach der mit Spannung erwarteten Präsentation der ersten Ergebnisse aus Heinsberg ein fader Beigeschmack.

Zumindest deutet einiges darauf hin, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn Streeck und sein Team sich bei der Auswertung etwas mehr Zeit genommen hätten. Und vor allem auch bei der Kommunikation der Resultate in die Öffentlichkeit. Denn so ist vorerst niemandem geholfen. Weder der Politik, der eine Entscheidung über Lockerungen auf dieser Datenbasis schwerfallen dürfte, noch den Bürgerinnen und Bürgern, die jetzt im schlimmsten Fall noch mehr verunsichert sind.

Im "heute journal" jedenfalls sagte Christian Drosten, selbst wenn diese 15 Prozent an Immunen in Heinsberg technisch korrekt ermittelt seien, müsse man immer noch prüfen, ob sie repräsentativ für ganz Deutschland seien. Auch das wurde am Donnerstag nicht klar kommuniziert. Und selbst dann brauche es weiterhin Maßnahmen, die die Geschwindigkeit des Ausbruchs bremsen.

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