10.316 Tage mit und ohne Berliner Mauer : Eine Radtour an der alten Grenze entlang

An der alten Grenze trifft man Leute, die ihre Zukunft anpacken, weil sie ihre Geschichte kennen. Und entdeckt Berlins vielfältige Gegenwart.

An einigen Orten rund um West-Berlin steht die Hinterlandmauer noch, wie hier zwischen Rudow und Altglienicke.
An einigen Orten rund um West-Berlin steht die Hinterlandmauer noch, wie hier zwischen Rudow und Altglienicke.Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Entenschnabel? Nie gehört.“ Jedenfalls nicht, als die Mauer stand – Bernd Roth, 61 Jahre alt, Bewohner des Entenschnabels seit den frühen Achtzigern, ist sich da sicher. War eben wohl doch nur, ihm als DDR-Bürger unbekannt, ein despektierlicher West-Berliner Schnack, Beispiel für den dortigen Galgenhumor, spöttelnde Antwort auf das trotz aller Gewöhnung nie ganz erloschene Gefühl des Eingemauertseins.

Obwohl, fühlten sich nicht auch Bernd Roth und die anderen Bewohner des Entenschnabels wie eingesperrt? Ein schmaler, nur etwa 500 Meter langer Streifen DDR, der zwischen Frohnau und Hermsdorf von Osten nach West-Berlin hereinragte, in dessen Form man mit etwas Fantasie einen Entenschnabel erkennen konnte. In der Mitte die Stichstraße Am Sandkrug, zu beiden Seiten bescheidene Häuschen im Schatten der Mauer, das war’s.

Eingemauert? Nein, so habe er sich nie gefühlt, versichert Roth. Eher fand er es spannend, so nah an West-Berlin zu wohnen, überlegte nur manchmal, was die drüben wohl über die doch etwas ärmlichen Häuser jenseits der Mauer denken mochten. Klar, Besuche, seien es Freunde oder Handwerker, gingen nur mit Anmeldung und Passierschein, waren aber nie ein Problem.

Und anfangs der Umzug in den Entenschnabel auch nicht, obwohl er nicht in der Partei war. Nur einmal, erzählt Roth, habe er zur Befragung nach Oranienburg fahren müssen, weil ein Mann auf der Westseite nach ihm gerufen hatte, da sei wohl sein Onkel gewesen. Und man habe wissen wollen, warum er sich mit seinen Nachbarn jenseits der Mauer immer aus der Ferne grüße. Schwierigkeiten habe es deswegen keine gegeben, nur sei danach alle vier Wochen ein Mann vorbeigekommen, habe nach West-Kontakten gefragt.

Den Häusern sieht man die DDR-Geschichte noch an

Heute ist der alten Grenzstreifen, der den Entenschnabel wie ein schmales langgezogenes U einschloss, längst zugewuchert oder bebaut, allenfalls ein paar verwitterte Zementpfosten an der B 96, die dort Oranienburger Chaussee heißt, zeugen noch von der Vergangenheit. Und am Silvesterweg, der von Süden her im Nichts endete, hat man nachträglich zwei von Kinderhand buntbemalte Mauersegmente wieder aufgestellt.

Noch immer aber sieht man vielen der Häuschen Am Sandkrug an, dass dies nicht West-Berlin war. Fassaden in grauverwittertem Rauhputz, rostige Zäune, wie aus Metallresten zusammengeschweißt, dazwischen aber hier und dort schmucke Neubauten, Einfamilienhäuser oder sogar Stadtvillen, allesamt von Leuten aus dem Westen, wie Bernd Roth weiß.

Probleme mit den Zuzüglern? Nein, das seien alles „vernünftige Leute“, zu denen man ein „wunderbares Verhältnis“ habe. Es sei ja hier nach der Wende niemand von Vorbesitzern aus seinem Haus vertrieben worden.

Die Normalität der Gemeinsamkeit ist eingezogen

Alles prima an der alten Grenze also? Auch Rudolf Fehr, fast 90, der im Hermsdorfer Silvesterweg direkt neben der ehemaligen Staatsgrenze der DDR wohnt, ist mit den Nachbarn im Osten zufrieden, glaubt sie nur weiterhin daran erkennen zu können, wie sie sich kleiden, was sie kaufen. Und allenfalls klagt er darüber, dass die Grundsteuer für ihn höher sei als die ein paar Meter weiter.

Hier ist also längst die Normalität der Gemeinsamkeit eingezogen in den Gebietsstreifen rund um West-Berlin, wo Ost und West, nur durch hohe Metallzäune und Betonwände getrennt, direkt aufeinanderstießen, antifaschistischer Schutzwall den einen, Schandmauer den anderen.

Eine Gegenwart, durch die das Vergangene, der Riss, der einst beide Seiten trennte, aber noch immer durchscheint – gerade in der Innenstadt vielfach sehr deutlich, in den Randzonen verwaschener, mitunter kaum zu erkennen.

Das Tegeler Fließ bei Lübars, der ehemalige "Grenzfluss" im Norden.
Das Tegeler Fließ bei Lübars, der ehemalige "Grenzfluss" im Norden.Foto: Andreas Conrad

So auch an der nördlichsten Stelle der ehemaligen innerstädtischen Grenze, einen knappen Kilometer nordöstlich von Lübars. Der Mauerweg um das alte West-Berlin, der meist gut ausgebaut zur Spurensuche einlädt, überquert hier nach wenigen Metern das Tegeler Fließ, einst eine Art Grenzfluss zwischen den Welten.

Eine idyllische, bei Joggern beliebte Strecke durch viel Grün, Wald, Hecken, Wiesen, Schilf, sogar ein kleiner See. Wenn man es nicht wüsste und nicht Schilder und Karten regelmäßig daran erinnerten, man käme nie auf den Gedanken, dass hier einmal die Mauer stand, an dieser Stelle noch in Form einer doppelten Matallzaunreihe.

Die Pfosten versanken hier im Morast

Selbst diese Leichtbauweise bereitete den DDR-Grenztruppen erhebliche Mühe. Wiederholt hätten sie versucht, die Pfosten schon knapp hinter dem Fließ aufzustellen, doch immer wieder seien diese im morastigen Grund versunken oder umgefallen, erinnert sich Christian Qualitz, Landwirt und Eigentümer eines Reiterhofs in Alt-Lübars, laut Kirchenbuch im Familienbesitz seit 340 Jahren.

Mit der alten Grenze ist er in besonderer Weise verbunden, was sich in dieser entlegenen Ecke der Stadt sogar im Sprachgebrauch niederschlug: Den Übergang von der Blankenfelder Chaussee in Lübars zur Bahnhofsstraße von Blankenfelde nennen Ansässige scherzhaft gerne Checkpoint Qualitz, in Erinnerung an den 16. Juni 1990, als endlich auch dort die Mauer fiel.

Das waren dicke, aufeinandergestapelte Betonblöcke, lediglich eine Tür für Fußgänger hatten die Grenzer bis dahin in den Zaun montiert. Dem Vater von Christian Qualitz dauerte das zu lange, und so bestieg er an besagtem Tag mit Sohn und Freund seinen Traktor, fuhr zur Grenze und schob die Betonblöcke kurzerhand in den dortigen Panzergraben, Sand drauf und fertig. Die Grenzer seien einfach zur Seite getreten, aber ein mulmiges Gefühl sei es schon gewesen, erinnert sich der Sohn.

Und zack, war die Mauer weg: Christian Qualitz aus Lübars vor dem historischen Traktor.
Und zack, war die Mauer weg: Christian Qualitz aus Lübars vor dem historischen Traktor.Foto: Andreas Conrad

Wurde in Lübars die falsche Straße geöffnet?

Heute liegen dort längs zur Fahrbahn wieder zwei Betonblöcke, zur Erinnerung an den historischen Tag, und auch der damals benutzte Traktor, ein MB-Trac, den Mercedes-Benz schon lange nicht mehr baut, tut auf Qualitz' Hof weiterhin seinen Dienst. Die Euphorie von damals ist allerdings passé, ja, Qualitz meint sogar, man habe die falsche Straße geöffnet.

Der Alte Bernauer Heerweg etwas südlich wäre besser gewesen, der Durchgangsverkehr verlagert worden, poltert nun aber lautstark übers grobe Pflaster von Alt-Lübars, „für die Anwohner eine Katastrophe“. Und noch aus anderem Grund, erzählt Qualitz, hätten sich die Lübarser Landwirte rasch als die „Verlierer der Wiedervereinigung“ gefühlt.

Die Reitkunden liefen ihnen weg, nutzten die neuen Hallen im Umland, während sie in Lübars – Denkmalschutz! – keine bauen durften. Erst Mitte der neunziger Jahre hatten Berlins Behörden ein Einsehen, und mittlerweile habe sich die Lage für die sechs Lübarser Reiterhöfe normalisiert. Viele der alten Kunden seien zurückgekehrt, berichtet Qualitz. Aus Ost-Berlin komme etwa ein Viertel, was auch daran liege, dass es eben nur den Bus aus Richtung Westen gebe.

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