30 Jahre Mauerfall : "Es war berauschend zu merken: Wir sind so viele"

Legendäre Demos, berauschende Gefühle – aber auch Desillusionierung und Enttäuschung: Pankows linker Bezirksbürgermeister Sören Benn über die Wendezeit.

Rund eine Million DDR-Bürger nahmen am 04.11.1989 an der ersten vom Volk ausgehenden genehmigten Demonstration in der DDR teil.
Rund eine Million DDR-Bürger nahmen am 04.11.1989 an der ersten vom Volk ausgehenden genehmigten Demonstration in der DDR teil.Foto: picture alliance / dpa

Herr Benn, was fühlen Sie, wenn Sie an 1989 denken?
Erst einmal unbändige Freude – mit feuchten, leuchtenden Augen. Es ist noch heute überwältigend, sich daran zu erinnern, wie die Menschen damals aus der Angst ausgestiegen sind, wie wir uns gemeinsam aufgerichtet haben zu einem selbstbestimmten Leben.

Wie war das bei Ihnen?
Ich war damals bei der Fahne – also bei der Armee, den motorisierten Schützen in Brandenburg. Wir haben in der Kaserne nur mit Verzögerung mitbekommen, wie sich draußen alles wandelte. Aber wir sind selbst auch aufgestanden. Wir haben gestreikt, uns mit Decken vor das Offizierscasino gesetzt und Forderungen gestellt: unsere vorzeitige Entlassung aus dem Dienst, einen eigenen Soldatenrat – und dass die Offiziere den gleichen Fraß bekommen sollen wie wir. Die Vorgesetzten konnten nicht damit umgehen, deshalb haben wir uns in vielen Dingen durchgesetzt.

Sören Benn, 50, ist seit 2016 Chef des Rathauses Pankow. Zu DDR-Zeiten war der heutige Linken-Politiker in der kirchlichen Oppositionsbewegung aktiv.
Sören Benn, 50, ist seit 2016 Chef des Rathauses Pankow. Zu DDR-Zeiten war der heutige Linken-Politiker in der kirchlichen...Foto: promo/Ben Gross Photography

Der große Umbruch bestand aus vielen kleinen?
Als draußen die großen Proteste stattfanden und wir zum Beispiel die legendäre Demo am Alexanderplatz bewachen sollten, da haben viele von uns die Vergatterung verweigert. Wir wollten nicht in die Lage kommen, auf unsere eigenen Leute zu schießen. Ich selbst hatte dann am 4. November dienstfrei und bin bei der Demo in Potsdam mitgelaufen – mit einer Mischung aus Angst und Mut, wie sie wohl damals jeder gespürt hat. Es war berauschend beim Laufen zu merken: Wir sind so viele.

Wo ist das berauschende Gefühl von damals geblieben?
Erst einmal war alles möglich. Nach dem Mauerfall bin ich gleich nach Berlin; wir sind in leerstehende Wohnungen eingezogen, ich konnte als 21-Jähriger machen, was ich will. Ich habe dann angefangen zu arbeiten in der Hauskrankenpflege in West-Berlin und dabei gutes Geld verdient. Dafür konnte ich mir später eine große DDR-Musikanlage kaufen – vor der Währungsunion fielen die im Preis. Aber dann wedelten bei der Währungsunion die Leute am Alexanderplatz mit den D-Mark-Scheinen.

Das war für mich eine Desillusionierung, ebenso der Sieg der „Allianz für Deutschland“ bei den ersten freien Wahlen und der schnell darauffolgenden, vom Westen bestimmten Einheit. Ich hatte von einer Konföderation geträumt – zugegeben, damit war ich in der Minderheit. Aber mich beschlich damals das Gefühl: Wir lassen uns die Revolution abkaufen.

Desillusionierung bedeutet allerdings auch: Sie haben sich falsche Hoffnungen gemacht, oder?
Geschichte kennt keinen Konjunktiv. Und, auch wenn das jetzt böse formuliert ist: Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Die anderen Wege waren vielleicht illusorisch, vielleicht war die DDR-Wirtschaft auch tatsächlich zu kaputt für einen anderen Weg. Vielleicht ist sie aber auch erst durch die Treuhandanstalt kaputt gemacht worden. Vielleicht hätte es alternative Wege gegeben, mehr Augenhöhe mit den Westdeutschen. Das war zumindest meine Illusion.

Und deshalb sind viele Ostdeutsche noch heute enttäuscht?
Sagen wir so: Diejenigen, die sich in der DDR gerieben haben, haben es danach auch getan. Das Gestalten der Einheit wurde uns zu sehr aus der Hand genommen. Die westdeutsche Politik und Gesellschaft hat den Prozess überformt. Und wir Ostdeutschen konnten uns nicht mit uns selbst verständigen. Viele Menschen redeten nicht offen darüber, was früher war und was danach daraus geworden ist. Das wäre heilsam gewesen.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Viele Ostdeutsche wollen das gar nicht.
Da ist was dran. Wer möchte sich schon mit seinem eigenen inneren Feigling auseinandersetzen? Wir waren nicht alle Helden. Manche hatten allerdings auch wenig Zeit für diese wichtige Auseinandersetzung. Sie sind bald nach der Einheit arbeitslos geworden, mussten sich im neuen Alltag herumschlagen, sich im neuen Land zurechtfinden.

Wir hier in Berlin hatten es ja noch vergleichsweise gut. In der Provinz hat der wirtschaftliche Abbruch voll durchgeschlagen; der Frust schlug oft nach rechts aus. Die meisten Ostdeutschen waren sofort ökonomisch und ideologisch unter Druck. Das hat ihre Leistung, den Wandel zu meistern, bis heute in den Schatten gestellt.

Kann man das durch eine neue Geschichtsbetrachtung überhaupt nachholen?
Jeder kann das erst einmal für sich tun, in seinem Freundeskreis, seiner Familie, in öffentlichen Erzählforen. Das wollen wir als Bezirk Pankow im Gedenkjahr besonders fördern, mit dem Tagesspiegel, denn auch das Unerzählte trägt sich fort. Und die Auseinandersetzung über die Grenzen von damals ist relevant für unsere Zeit.

Jetzt stehen wir gesellschaftspolitisch wieder vor einer Zeitenwende: Wollen wir neue Mauern bauen – diesmal gegen Flüchtlinge aus aller Welt? Plötzlich werden Seenotretter im Mittelmeer als Menschenhändler angeklagt. Früher, im geteilten Berlin, wurden solche Leute noch als Fluchthelfer gefeiert. Zum Nachdenken über Freiheit gehört, die Freiheit von heute zu erhalten.

Fällt es Ihnen schwer, diese Position als Politiker der Linke zu vertreten, den Nach-Nach-Nachfolgern der DDR-Staatspartei SED?
Für mich gab es zwei politische Eskalationsstufen. Die Beteiligung Deutschlands am Kosovo-Krieg hat mich in die PDS eintreten lassen. Und die Hartz-IV-Reformen haben mich in der Linkspartei aktiv werden lassen. Damals habe ich mit Arbeitslosen gearbeitet und gespürt, wie sehr sie dieser Systemwechsel belastet. Was die Geschichte betrifft, kann man die Sache so sehen: Ich möchte den Traum vom demokratischen Sozialismus nicht den SED-Nachlassverwaltern überlassen.

Ich komme aus einem anderen Umfeld, war in der DDR in der evangelischen Kirche aktiv. Für mich ist ein demokratischer Sozialismus die säkulare Ableitung der Bergpredigt. Und Politik macht man für Gegenwart und Zukunft. Nicht nur für den Blick in die Geschichte.
Das Gespräch führte Robert Ide.

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