3D, Virtual Reality, Blockchain : Die Traumwelten von Staramba

Das Berliner Start-up Staramba stellt sich gern als weltweit führend dar und wirbt mit Stars aus dem Sport. Die wirtschaftliche Realität schockt viele Anleger.

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO konnte mehrere Umsatzbuchungen des Start-ups Staramba nicht nachvollziehen.
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO konnte mehrere Umsatzbuchungen des Start-ups Staramba nicht nachvollziehen.Foto: promo

Als der Staramba-Chef Christian Daudert am Freitag zu seinen Aktionären sprach, prangten an der Wand hinter ihm Computeranimationen von Toni Kroos und anderen Fußballstars im Trikot von Real Madrid. „Digitalization of living beings revolutionized“, stand klein darunter. Daneben stand groß etwas von „Mittelverwendung: Stärkung der Bilanz“. Das liest sich freundlicher als die bittere Realität: Daudert musste seinen Anlegern erklären, dass das Start-up 20 Millionen Euro braucht, um eine Pleite abzuwenden.

„Wir sind bei VR-Experiences immer noch Weltstandard Nummer Eins“, sagte Daudert. Große Versprechungen und Visionen sind eine Spezialität des selbst ernannten „Weltmarktführers in 3D und Virtual Reality (VR)“. In Firmenpräsentationen wirbt das Berliner Unternehmen damit, dass die eigene Technologie selbst gegenüber Facebook überlegen sei.

Und vergangenen Oktober erklärte das Unternehmen in einer Firmenmitteilung stolz, man sei von der Außenhandelskammer als Repräsentant des deutschen Hightech-Standortes ausgewählt worden, um eine hochrangige Wirtschaftsdelegation aus Chile zu empfangen.

Staramba schmückt sich auch gern mit Prominenz aus Showbusiness und Fußball. Die Reihe früherer und aktueller Geschäftspartner reicht von Roland Kaiser bis Rammstein und Helene Fischer bis Paris Hilton. Im Beirat von Staramba sitzen die Ex-Nationalspieler Fredi Bobic, Oliver Neuville und Marko Rehmer. Das sagt zumindest das Unternehmen. Bis zum Herbst führte es dort auch noch den Sportdirektor des FC Bayern München, Hasan Salihamidzic – nachdem dieser in einem Medienbericht widersprochen hat, wird er nicht mehr aufgeführt.

64 von 107 Mitarbeitern müssen gehen

Kein Wunder, denn Staramba selbst sorgt seit Monaten eher mit Skandalen für Schlagzeilen. So weigerten sich die Wirtschaftsprüfer von BDO im Dezember auch im zweiten Anlauf, den Jahresabschluss zu testieren. Ein außergewöhnlich seltener Vorgang. Doch sie konnten einen Großteil der Umsatzbuchungen nicht nachvollziehen.

Für den vergangenen Freitag musste das börsennotierte Unternehmen eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen, um seinen Aktionären zu erklären, dass es die Hälfte des Grundkapitals verloren hat. 64 der kürzlich noch 107 Mitarbeiter werden bis August entlassen.

Wie dramatisch es um das Unternehmen wirklich steht, zeigen auch die jüngsten Geschäftszahlen, die erst am Abend vor der Aktionärsversammlung veröffentlicht wurden: 2018 erzielte Staramba einen Umsatz von 325.000 Euro, der Jahresfehlbetrag belief sich aber auf 22 Millionen Euro. Das Eigenkapital ist auf Minus sieben Millionen gefallen. Auf der Hauptversammlung bat das Unternehmen die Aktionäre daher um eine Kapitalerhöhung. Damit sollen noch einmal 20 Millionen Euro in die Firma fließen, um die Überschuldung zu beseitigen und ihr Überleben zu sichern. „Der Fortbestand der Gesellschaft ist sonst erheblich gefährdet“, muss Staramba einräumen.

Eine moderne Version von „Second Life“

Das Start-up war 2014 mit der Idee gestartet, 3D-Figuren von Sportlern und anderen Stars herzustellen und zu vermarkten. In dem eigenen 3D-Scanner konnten sich auch Fans vermessen lassen und so gemeinsame Nachbildungen von sich und ihren Idolen herstellen lassen. Mitgründer Christian Daudert verfügte über die notwendigen Kontakte. Er war und ist Vermögensverwalter für Fußballprofis, deswegen haben auch Stars wie Fredi Bobic oder Niko Kovac große Staramba-Aktienpakete erworben.

Später kam die Idee dazu, die 3D-Scans direkt digital zu vermarkten, so produzierte Staramba beispielsweise Avatare von Fußballern für das Videospiel Pro Evolution Soccer von Konami. Auf diesen Bereich fokussierte sich das Unternehmen verstärkt ab 2017. So kündigte es den Aufbau eines Social-VR-Netzwerks und die Einführung einer eigenen digitalen Währung an.

Firmenchef Christian Daudert wollte damit „die globale Lizenzindustrie revolutionieren“. Materia.one heißt die Traumwelt. Sie wirkt wie eine moderne Version von „Second Life“, jener virtuellen Welt, die vor einigen Jahren mehr als 30 Millionen Bewohner anlockte. Wie dort können sich auch künftige Nutzer bei Materia.one virtuelle Grundstücke kaufen. Derzeit werden beispielsweise Bietrechte für den Paris-Hilton-Sektor oder den Hulk-Hogan-Sektor angeboten, mit denen irgendwann Grundstücke in den Promi-Bereichen der Welt erworben werden können.

Zum Jahreswechsel waren noch 63.000 Euro in der Kasse

Die wirtschaftliche Realität auf der Erde ist freilich weit weniger glamourös als die Visionen auf Starambas virtuellem Planeten Pasyra. So hat das Unternehmen im Vorjahr mit dem Verkauf virtueller Grundstücke 23.000 Euro, mit der Lieferung von 3D-Figuren 80.000 Euro eingenommen. Das reicht nicht einmal, um das Gehalt von Geschäftsführer Daudert zu bezahlen. Am 31.12. waren schließlich nur noch 63.000 Euro in der Kasse. Der Aktienkurs der in den vergangenen beiden Jahren zunächst aufgrund zahlreicher Erfolgsmeldungen von unter zehn auf über 60 Euro geschossen war, stürzte auf knapp zwei Euro ab.

Viele Anleger waren daher auch nicht begeistert von der Vorstellung neues Geld nachzuschießen. „Das ist unfassbar, so etwas habe ich noch nie gesehen“, schimpfte Julian von Hassell über die Lage des Unternehmens. Er war früher selbst Geschäftsführer und hält noch ein großes Aktienpaket. „Ich werde alles daran setzen, dass nicht noch mehr Geld in den Abgrund rauscht“, sagt Hassell. Auch andere Aktionärsvertreter erklärten, sie hätten kein Vertrauen mehr und sprachen von einer „Spur des Grauens“.

Bayern München zahlte 1,5 Millionen

Staramba hatte erklärt, mit dem Verkauf seiner Kryptowährung, dem Staramba Token (STT), 18 Millionen Euro eingenommen zu haben. Tatsächlich geflossen sind davon bisher allerdings erst 6,6 Millionen, wie Daudert nun einräumte. Zudem erklärte er, dass die Entwicklung der virtuellen Welt länger dauert als geplant, insbesondere die Bereiche für normale Nutzer.

Der Fokus liegt daher wieder einmal auf den Stars. So laufe derzeit die Übergabe der Bayern-Welt. Nutzer können dort mit den VR-Brillen von Oculus Kopfbälle mit Manuel Neuer trainieren oder sich 3D-Bilder zur Historie des Fußballclubs ansehen. Die Anwendung soll demnächst verfügbar sein, 1,5 Millionen Euro zahlte Bayern München dafür an Staramba. Der Club will sie als eigene VR-App anbieten, zudem soll sie dann in die virtuelle Staramba-Welt integriert werden. Andere Clubs wie Real Madrid sollen folgen.

VR-Pornografie als neue Einnahmequelle

Das Ursprungsgeschäft mit den 3D-Figuren hat das Unternehmen nun eingestellt. Dafür hat Daudert eine neue Einnahmequelle ausgemacht: Erwachsenenunterhaltung, wie Pornografie im Geschäftsumfeld auch gern verschämt genannt wird. Noch im Frühjahr soll er sich aus Imagegründen dagegen ausgesprochen haben. „Erwachsenenunterhaltung ist in VR ein sehr interessantes Geschäftsfeld“, sagte er nun. Diese Chancen wolle man nutzen.

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Die Aktionäre stimmten letztlich der Erhöhung des Grundkapitals zu. Das überraschte nicht, denn Daudert und Verwaltungsratschef Rolf Elgeti kontrollieren mit ihren Firmen 11 Champions oder Hevella Capital einen großen Teil der Firmenanteile. Bleibt abzuwarten, was aus ihren neuen Versprechungen und Visionen wird.

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