Selbstmorde, Menschlichkeit und Verwesung

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8. Mai 1945 in Berlin : Der Krieg ging zu Ende, das Leiden nicht
Foto: IMAGO

Doch war das Bild, das die sowjetischen Soldaten von sich vermittelten, alles andere als homogen. Beispielhaft sind hier die Erinnerungen eines Zeitzeugen, damals ein zwölfjähriger Junge, der von einem Offizier einen Ball geschenkt bekam. Als zwei Soldaten ihm sein Spielzeug wegnahmen und sogar, als er protestierte, eine Pistole zogen, lief er weinend davon, traf den Offizier wieder und berichtete ihm. Umgehend bekam er seinen Ball wieder, auf Befehl des Offiziers sogar gewaschen, und die Soldaten erhielten einen Tritt. Die Mutter des Jungen aber ahnte, was kommen würde: „Die werden sich bestimmt rächen!“ Und so geschah es: „Unser Haus wurde in der darauffolgenden Nacht von russischen Soldaten heimgesucht, sie plünderten und vergewaltigten einige Frauen.“

Viele Frauen wählten nach der Vergewaltigung den Freitod. Aus ganz anderen Gründen sahen zahlreiche Parteigenossen darin einen letzten Weg, sich der Verantwortung zu entziehen. In der vom Tagesspiegel herausgegebenen DVD „Berlin 1945“ ist beispielsweise ein Dachboden zu sehen, in dem sich ein Mann aufgehängt hatte. Auf dem Boden liegen seine Frau und zwei Kinder – erschossen, vergiftet, das ist nicht zu erkennen.

Ohnehin war der Tod noch allgegenwärtig. Überall lagen in den ersten Tagen nach Ende der Kämpfe die Leichen der getöteten Soldaten und Zivilisten herum, erhielten allenfalls provisorische Gräber, wo sie gerade gefallen waren. Wochenlang lag der süßliche Geruch der Verwesung in der warmen Sommerluft, denn viele Opfer lagen verschüttet unter den zusammengesackten Häusern. Erst Anfang Juni erging die Anweisung, die Toten auf Friedhöfe umzubetten. Für viele Leichen, die nicht identifiziert werden können, blieb nur das Massengrab.Särge gab es aber nur selten, meist muss ein Pappkarton genügen, umhüllt von schwarzem Papier, das Wochen zuvor noch zur Verdunkelung genutzt worden war.

Eindrücke von den Tagen danach in der Tagesspiegel-DVD:

Video
"Berlin 1945"
"Berlin 1945"

Doch das drängendste Problem war der Mangel an Wohnraum und an Lebensmitteln. „Man schlief mal in irgendeiner vermaledeiten Pension oder man kam bei einem anderen Schauspieler unter“, habe diese Nacht da und jene dort geschlafen, so schildert es Hildegard Knef in der Tagesspiegel-DVD. Viele Wohnungen hatten Bombenschäden und waren nur noch teilweise nutzbar. Nachts mussten die Menschen aufpassen, dass sie nicht im Dunkeln in die Tiefe stürzten. Fehlte die Fassade, fand das Familienleben eben vor dem Publikum der Passanten statt. Die Berliner Schnauze fand dafür rasch den passenden Namen: „Sperlings Lust“. Doch wo es auch war: Aus den Wasserhähnen kam kein Tropfen mehr. Immerhin gab es die Straßenbrunnen, an deren Pumpen sich tagein, tagaus lange Schlangen mit Eimern bildeten. Erst Mitte Juli floss wieder Wasser aus den Leitungen, zumindest in den unteren Etagen. Für die oberen reichte der Druck oft noch nicht.

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