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Abiturprüfungen sollen stattfinden : Berliner Bildungssenatorin will kein Notabitur

Der Zeitplan steht: Am 20. April soll es losgehen mit den Abiturprüfungen. Aber der Landesschülerausschuss kündigt Protest an und bekommt Unterstützung.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat mit der Entscheidung bis zuletzt gewartet.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat mit der Entscheidung bis zuletzt gewartet.Foto: Annette Riedl/dpa

Das Warten hat ein Ende: Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat sich am Freitag darauf festgelegt, dass das Abitur nach den Osterferien wie zuletzt geplant durchgeführt werden soll. Demnach sollen die Schulen vorher gründlich desinfiziert und diverse Vorsichtsmaßnahmen berücksichtigt werden: „Die Prüfungen finden statt“, sagte Scheeres am Freitagvormittag im Roten Rathaus.

Der Landesschülerausschuss und die großen Vereinigungen der Gymnasial- und Sekundarschulleiter hatten sich im Vorfeld dafür ausgesprochen, auf die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss und zum Abitur zu verzichten. Stattdessen sollte die Abiturnote anhand der Kursnoten aus den vier Semestern gebildet werden.

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Entsprechend groß war die Empörung, als Scheeres' Statement mittags bekannt wurde. "Die Coronakrise schlägt auf uns Schüler*Innen zu. Wir wollen und werden das Wagnis nicht eingehen, Abiturprüfungen abzulegen", hieß es in einer Stellungnahme des Landesschülerausschusses. Die Entscheidung der Senatorin sei "respektlos".

"Wir werden die Schüler nicht zurückhalten"

Das Gremium lässt keinen Zweifel daran, dass es sich damit nicht abfinden werde: "Wir möchten es ganz klar gesagt haben, da wir keine enttäuschten, wütenden oder frustrierten Schüler*Innen mehr davor zurückhalten werde, gegen die Senatorin zu protestieren", schreibt die gewählte Schülervertretung. Landesschülersprecher Miguel Góngora fügt hinzu: "Ich möchte aber auch deutlich machen, dass der Landesschülerausschuss selbst sich nicht mit dieser Entscheidung zufrieden geben wird".

Dass das Gremium die herrschende Meinungslage gut beschreibt, wird aus Äußerungen deutlich, mit denen sich zahlreiche Schüler- und Elternvertreter am Freitag an den Tagesspiegel wandten, darunter von der Schöneberger Sophie-Scholl-Schule.

Eine Elternvertreterin appelliert an die Kultusminister

"Es geht nicht darum, dass Berlin einen Sonderweg geht, sondern dass in dieser außergewöhnlichen Situation die Kultusminister den föderale Flickenteppich verlassen und sich mit einer Stimme für ein Notabitur in Deutschland aussprechen", sagte Nicole Andries, eine der Elternsprecherinnen des 13. Jahrgangs.

Die Schule ist besonders belastet, weil es dort schon frühzeitig zwei Coronafälle und eine komplette Quarantäne gegeben hatte. Etwa zwei Drittel der rund 130 diesjährigen Abiturienten wandten sich am Freitag an die Bundesbildungsministerin, an die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz sowie an Scheeres mit dem Appell, die Prüfungen abzusagen.

Sie verweisen auf chronisch kranke Mitschüler, auf die allgemeine Infektionsgefahr - auch infolge des Weges mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule - aber auch auf andere Probleme. So seien viel der Eltern auf Kurzarbeit gesetzt worden: "manche haben Angst vor Kündigung oder aber wegen Selbständigkeit gar keine Einkünfte". Diese wirtschaftliche Not betreffe fast jeden Zweiten: "Das macht uns Angst und belastet uns sehr", schreiben die Abiturienten in dem Brief, der dem Tagesspiegel vorliegt.

Berufsschüler melden sich zu Wort

"Die derzeitige Planung der Prüfungstermine ist untragbar", schrieb der Abschlussjahrgang der gymnasialen Oberstufe der Weißenseer Max-Bill-Schule, einem Oberstufenzentrum. Es sei "momentan schlichtweg unmöglich, sich angemessen auf die bevorstehenden Abiturprüfungen vorzubereiten".

Der Deutsche Philologenverband schrieb, dass er den "sanitären Rahmenbedingungen" nicht vertraue. Die notwendigen Schutzmaßnahmen für das pädagogische Personal erschienen ebenfalls nicht gesichert. Dazu zählten "Desinfektion der technischen Geräte und zu benutzenden Räumlichkeiten, Desinfektionsmittel, Einmalhandschuhe und ggf. Nase- und Mundschutzmasken", zählt Vorstandsmitglied Ferdinand Horbat auf. Der Verband fordert, zumindest an den Gymnasien die MSA-Prüfungen wegfallen zu lassen, um die Korrekturbelastung zu reduzieren.

Wer alles nicht mitschreiben muss

Um die gesundheitlichen Risiken zu senken, hat die Bildungsverwaltung Festlegungen getroffen, die Scheeres' Abteilungsleiter seit dem Vormittag an die Schulen versenden ließ. Am Prüfungstag sind Schülerinnen und Schüler von den Prüfungen auszuschließen – und auf Nachschreibetermine wird verweisen – wenn sie:

  • innerhalb der letzten 14 Tage aus dem Ausland zurückgekehrt sind oder
  • in Kontakt zu Rückkehrenden standen oder
  • Kontakt zu infizierten Personen hatten oder
  • aktuell (Erkältungs-) Symptome aufweisen oder
  • zu einer Risikogruppe gehören und aus diesem Grund eine Nichtteilnahme am Haupttermin angeraten ist.

 Welche Schüler angesichts derart weitgefasster Formulierungen überhaupt noch zum Abitur erscheinen müssten, fragten sich manche Lehrer bei der Lektüre. Zumal der Abteilungsleiter auch noch hinterer schickte, dass auch, wer eine "erhöhte Körpertemperatur, d.h. eine Temperatur höher als 37 Grad" ohne weitere Symptome habe, einen Grund habe, "nicht in der Schule zur Prüfung zu erscheinen".

Zudem reagierten etliche Lehrer verärgert oder besorgt auf den Brief. Besonderes Unverständnis löste allein schon die Tatsache aus, dass die Berliner Schulen so spät informiert wurden: Scheeres' Brandenburger Amtskollegin Britta Ernst (SPD) hatte das entsprechende Schreiben mit Anweisungen schon am Donnerstag versenden lassen.

Desinfektionsmittel! Welches Desinfektionsmittel?

Der nächste Ärger stellte sich bei der Lektüre ein. Und das lag auch an folgender Passage: "Desinfektionsmittel sind vorab bereitzustellen. Sichern Sie im Vorfeld die Schulreinigung und Desinfektion von Räumen, Türen, insbesondere Türklinken, und Möbeln sowie weiteren Hilfsmitteln ab, sodass die Einhaltung hygienischer Bedingungen vor, während und nach Prüfungen gewährleistet ist."

"Wir haben nur zwei Flaschen Desinfektionsmittel. Die haben wir uns selber beschafft", beschwerte sich ein Pankower Lehrer. Ansonsten empfahl der Abteilungsleiter folgende Sicherheitsmaßnahmen:

  • Planen Sie die Räume für die Prüfungen so, dass je nach Raumgröße die Abstandsregeln eingehalten werden und sich nicht mehr als acht - in Ausnahmefällen bei zeitgleicher Prüfung eines ganzen Jahrganges, z.B. beim MSA, maximal zehn Personen - gleichzeitig in einem Raum in normaler Klassenraumgröße aufhalten werden.
  • In kleineren Räumen, z.B. Vorbereitungsräumen für die Abiturprüfungen, ist die Anzahl der Personen entsprechend zu reduzieren. Die Arbeitsplätze der Schülerinnen und Schüler sollten jeweils einen Abstand von zwei Metern umfassen. Der Mindestabstand von 1,5 Metern muss gewährleistet sein.
  • Planen Sie die Ankunft der Schülerinnen und Schüler zeitversetzt zum jeweiligen Prüfungstermin und teilen Sie ihnen die Zeiten in geeigneter Form mit (z.B. Staffelung im Abstand von 10 Minuten).
  • Zur Unterstützung der Aufsicht können ggf. Abstandsmarkierungen vor dem Eingangsbereich der Schule die Abstandseinhaltung erleichtern.
  • Alle Aufsichtspläne sind den neuen Bedingungen anzupassen: z. B. durch Aufsichten, die das Betreten und das Verlassen des Schulgebäudes möglichst verteilt auf verschiedene Ein- bzw. Ausgänge mit Abstand steuern.
  • Auf dem Schulhof, allen Wegen und Treppenhäusern ist wie in allen Räumen ein Abstand zwischen Personen von mindestens 1,5 Metern einzuhalten.
  • Hilfsmittel, Papier, die Ausgabe von Prüfungsunterlagen, die Abgabe der Arbeiten sind so vorzubereiten, dass eine Kontaktaufnahme mit weiteren Personen weitgehend vermieden werden kann (z.B. durch vorbereitete Ablagetische).

Etliche Abiturienten wollen die Prüfungen

Es gibt aber auch Zustimmung: Schätzungsweise ein Drittel der Abiturienten hatte sich im Vorfeld gegen eine Absage der Prüfungen positioniert und müsste demnach jetzt erleichtert sein, dass sie stattfinden. Auch aus der FDP gibt es Zwischentöne. "Wir müssen alles daran setzen, dass sich die Schülerinnen und Schüler sowie das Lehrpersonal zu keiner Zeit in Gefahr bringen und ein Abitur abgelegt werden kann, ohne dass die äußeren Umstände die Ergebnisse beeinflussen", fordert FDP-Bildungspolitiker Paul Fresdorf. Alles scheine "momentan schwer einschätzbar" zu sein. Daher sei eine Verschiebung der Prüfungstermine - zur jetzigen Zeit - sinnvoller, meint Fresdorf.

Allerdings hat Berlin nicht viel Zeit: Die Sommerferien beginnen Ende Juni und durch eine Menge an Nachschreibeterminen gibt es ein Problem bei der Organisation, solange man den Ferientermin halten will. Zwar gibt es einzelne Forderungen, den Ferienbeginn zu verschieben. Allerdings wird vor den Konsequenzen gewarnt: So würden sich Stornokosten ergeben, wenn Familien ihren Urlaub gebucht haben. Sie wollten auch vielleicht endlich die entgangene Ostererholung nachholen.

"Mutig und richtig"

"Für die Schulen und die Absolventen herrscht nun endlich Klarheit. Die Entscheidung des Senats, an den Abiturprüfungen festzuhalten und dem Druck nicht nachzugeben, ist mutig und richtig", reagierte der Berliner Bildungsexperte, Lehrer und Fachseminarleiter Robert Rauh, auf Scheeres' Festlegung. "Die Schüler*innen werden bei ihren späteren Bewerbungen an den Universitäten noch froh sein, dass der diskutierte Berliner Sonderweg, ein "Corona-Abitur" ohne Prüfungen, nun abgewendet wurde", vermutet Rauh.

Kieler Sonderweg kam nicht zustande

Für dieses sogenannte Durchschnittsabitur, auch „Anerkennungsabitur“ oder „Notabitur“ genannt, dass in Berlin Schüler und Schulleiter fordern, hatte auch Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) votiert. Dieses Votum hatte sie aber nach einer Sitzung der Kultusministerkonferenz am 25. März zurückgenommen.

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