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Der Bertolt Brecht–Bibliobus bringt Jim an Tag 30 nach Managua.

© Jim Avignon

Tagesspiegel Exklusiv: Auf Tour mit Jim Avignon - Teil Sieben

Der Berliner Pop-Art Künstler Jim Avignon bereist die Karibik und Mittelamerika. Er bloggt für Tagesspiegel.de, diesmal war er fünf Tage lang in Nicaragua - und berichtet von Verständigungsschwierigkeiten mit den heimischen Künstlern.

Er ist seit Jahren einer der erfolgreichsten deutschen Pop-Künstler - und ein Kulturarbeiter, der immer wieder überraschen kann: Bei Jim Avignon ist das Doppelherz der zwei Begierden, das immer wieder neu ausprobieren, ein Teil seiner Existenz. Eine Wohnung in New York, die andere im Kreuzberger Graefekiez, hier die Malerei, dort die Musik mit seinen Bands Neoangin oder Anxieteam, oder die von ihm betriebene Galerie in Brooklyn.

Maler, Musiker, Partymacher - alles gehört zusammen. Das Zappen zwischen Städten und Kunstformen gehört für den 1966 geborenen Jim Avignon zum Konzept seiner schnellen, aggressiven "cheap art". Mit seinen bunten, plakativen Bildern, oft mit politischen Aussagen, ist Avignon zu einem der internationalsten Berliner Künstler geworden, der wie kaum ein anderer mit hoher Sensibilität das Leben im Berliner Mikrokosmos ausdrücken kann.

Avignon hat in seiner Karriere schon eine Swatch-Uhr gestaltet, ein Passagierflugzeug bemalt oder zur Eröffnung des Berliner Olympiastadions ein 2.800 Quadratmeter großes Bild gemalt. Auch für den Tagesspiegel hat Avignon schon gearbeitet; erst vor wenigen Monaten präsentierte er auf den "Mehr Berlin"-Seiten exklusiv ein Bild, bei dem er sich mit dem Thema Gentrifizierung in der Hauptstadt beschäftigte.

In den kommenden Wochen können Leserinnen und Leser von Tagesspiegel.de Jim Avignon nun häufiger begegnen. Im Rahmen einer Tour durch die Karibik und Mittelamerika schreibt er auf Tagesspiegel.de in seinem Blog und präsentiert Fotos und jüngst entstandene Bilder.

Avignon ist auf Einladung des Goethe-Instituts in verschiedenen Ländern unterwegs. Auf der Tournee mit dem Titel "de mi barrio a tu barrio" macht er Workshops mit lokalen jungen Künstlern und plant an den diversen Stationen auch gemeinsame Kunstaktionen. Im Sommer soll es in Berlin dann eine Ausstellung in der Galerie Neurotitan geben.

Wir wünschen viel Vergnügen mit dem Blog und den Fotos.

Die Künstler sind bullige Typen mit trainierten Oberkörpern (Tag 29)

Das ehemalige Zentrum der Stadt wurde in den 70ern durch ein gewaltiges Erdbeben komplett zerstört und nie wieder aufgebaut.

© Jim Avignon

Alicia erscheint nicht zum Frühstück und lässt ausrichten, sie habe Kopfweh. Ich erzähle von meiner Beobachtung letzte Nacht. Alle machen ein besorgtes Gesicht, aber trotzdem erscheint es uns absurd, dass uns eine Geheimpolizei überwachen soll. Auf der Fahrt zum Flughafen spreche ich Alicia endlich an, sie schüttelt sich vor Lachen und erklärt, dass sie wegen einer defekten Klimaanlage nicht einschlafen konnte und sich deshalb noch nachts um 2 den Reparaturservice aufs Zimmer bestellt hat. What a diva.

Der Flug nach Nicaragua dauert kaum eine Stunde. Aus der Luft sieht El Salvador fast wie Baden Württemberg aus, mit kleinen Dörfern und einem lustigen Karomuster aus ineinander verschachtelten Feldern, wenn da nicht die vielen Vulkankegel dazwischen wären.

In Managua, Nicaraguas Hauptstadt holt uns Xalteva vom Flughafen ab, es ist deutlich wärmer als in Guatemala. Hier werden wir nicht von der deutsche Botschaft betreut, sondern von einem kleinen Verein, den Xalteva im Alleingang schmeißt. Am Flugplatz hängt uns einen bettelnder Junge an den Fersen, Alicia schenkt ihm ihr Lunchpaket aus dem Flugzeug, trotzdem lässt er sich nicht abschütteln und hält sich an den Koffern fest. Er wirkt überhaupt nicht bedrohlich, aber ich weiß nicht, wie ich mit ihm umgehen soll und bin froh, als wir im Taxi sitzen. Es ist noch früh am Tag und Xalteva will uns zu einem Mittagessen am Lago Managua einladen. Wir fahren durchs ehemalige Zentrum der Stadt, das in den 70ern durch ein gewaltiges Erdbeben komplett zerstört und nie wieder aufgebaut wurde. Nur einige wenige übrig gebliebene Gebäude stehen verloren auf riesigen Grasflächen herum. 

Die Künstler wollen die Evolutionsgeschichte malen.

© Jim Avignon

Das Restaurant am Lago ist ein herausgeputztes Ausflugslokal in einer "gated community",  ein verknitterter Sänger tigert von Tisch zu Tisch und verkauft Songs für ein paar Cent, Fähnchen knattern im Wind, am Horizont sieht man Berge und Vulkankegel. Leider kann man im See nicht baden -  zu verschmutzt. Das Essen ist gut und wir trinken ein erstes Bier. Die Biersorten haben Mädchennamen: Tonia und Victoria. Nach dem Essen bringt uns Xalteva ins Hotel, das mich ein bisschen an Hawaii erinnert. Die Lobby hat ein Dach aus Palmenblättern und riesige alten Ventilatoren drehen gemütlich ihre Kreise. Leider ist das Internet sehr lahm. Eine einfache Mail braucht eine Viertelstunde, ehe sie sich auf die Reise macht, an skypen ist nicht zu denken.

Am Frühabend treffen wir unsere Künstler in einem Szenerestaurant. Die Tische haben Andy Warhol Designs, und ein Eurodiscomix  läuft in ohrenbetäubender Lautstärke. Das ist auch ganz gut so, denn unsere Künstler haben sich offenbar verabredet, so wenig wie möglich mit uns zu reden. Es sind allesamt bullige Typen mit trainierten Oberkörpern. Die meisten sprechen kein oder kaum English aber auch auf spanisch geht fast gar nichts. Einige antworten ausweichend, andere gehen dem Gespräch gleich ganz aus dem Weg. Immerhin erfahren wir, dass die Künstler sich in einem Vorabgespräch bereits auf ein Konzept verständigt haben, sie wollen die Evolutionsgeschichte malen, links Natur, rechts Großstadt und dazwischen ein großer Abschnitt mit präkolumbianischen Motiven – offenbar ein heißes Eisen in Nicaragua. Mit gemischten Gefühlen geht's zurück ins Hotel.

Holger platzt der Kragen (Tag 30)

Die heimischen Künstler haben eine eigenartige Begeisterung für präkolumbiansiche Motive.

© Jim Avignon

Morgens holt uns der Bertolt Brecht–Bibliobus im Hotel ab. Dieses ungewöhnliche Gefährt ist eine fahrende Bibliothek, die Bücher in Gefängnisse und zu Kindern in entlegenen Dörfern bringen soll. Da es vorne im Bus nur Platz für zwei Leute gibt, müssen wir uns hinten in den Lagerraum zu den leeren Bücherregalen setzen. Alle paar Meter knallen Äste gegen den Bus, wir werden ordentlich durchgeschüttelt. Im Gespräch erfahren wir, dass uns der Bus in den nächsten Tagen transportieren wird und wir ihn als “kleine” Gegenleistung dafür anmalen sollen.

Dann kommen wir bei der Wand an. Diese befindet sich neben einem der Haupteingänge der Universität. Sie liegt an einer leichten Kurve, große Bäume beugen sich über sie und spenden gelegentlich Schatten und sie ist, wie sich herausstellt leider noch nicht grundiert. Drei offene Zelte stehen als Sonnenschutz neben der Wand, eines davon hat der Wind bereits umgeblasen, nun hängt es in der Oberleitung, wie ein Fisch an der Angel. Bei jedem Windstoss berühren sich die Kabel und Blitze funken in alle Richtungen. Und da sind auch unsere Künstler: grimmig  stehen sie in der Gegend herum, grüssen kaum, man sieht ihnen an, dass sie endlich anfangen wollen, doch leider, leider wollen nun die Damen des Bibliobusses erstmal ein Wörtchen mitreden. Es sei mit Ihnen verabredet worden, dass wir zuerst den Bus anmalen und dann erst die Wand. Immerhin erfahren wir nebenbei, dass sie uns 1000 Euro für Farben spendiert haben und daraus gewisse Forderungen ableiten. Wir reden mit den Künstlern, natürlich will keiner den Bibliobus anmalen, sie wollen die Wand und zwar sofort, wir vertrösten die Damen aufs Wochenende und gehen erst mal Farben und Spraydosen kaufen.

Währenddessen fangen einige der Künstler schon mal an zu grundieren. Sie kippen kleinere Mengen Gelb und Schwarz in den einzigen großen Eimer mit weißer Farbe und schütten dann die Mischung zwischen zwei Eimern hin und her. Im Nu ist fast die ganze weiße Farbe in einen schmutziggelben Farbton verwandelt. Damit wollen sie nun die Wand grundieren.

Währenddessen fahren wir zum Mercado Oriental, dem angeblich größten Basar Mittelamerikas, den zu durchqueren man mehr als vier Stunden braucht. Der Mercado ist halb indoor halb outdoor, und fest in arabischer Hand. Wahrscheinlich ist es unklug, dort mit laufender Kamera herumzulaufen, wir machen es trotzdem, im Nu folgen uns mehrere verdächtige Typen. Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig zum Bus zurück, bevor sie aktiv werden können.

Holger beim Grundieren der Wand.

© Jim Avignon

Zurück an der Wand leichte Enttäuschung, die grundierte Wand sieht im Farbton fast identisch aus wie die ungrundierte. Trotzdem schnappen wir uns Rollen und Eimer und helfen mit. Die Arbeit ist wirklich kein Spaß: Die Wand ist an vielen Stellen schimmlig, die Grundierung spritzt in alle Richtungen davon und  in Kürze sehen wir aus wie paniert. Irgendwann fällt uns auf, dass außer Holger und mir keiner mehr am grundieren ist - wo sind eigentlich die Künstler? Wir gehen die Mauer zum Anfang zurück und entdecken, dass unsere Künstler bereits dabei sind, ihre ethnoartige Motive mit Spraydosen an die Wand zu skizzieren.

Sollte da nicht noch ein Workshop sein, in dem alle zusammen den Aufbau besprechen? Holger platzt der Kragen, er knurrt kurz die Künstler an und geht dann zurück zum Grundieren. Eine halbe Stunde lang passiert gar nichts, dann kommt Mittelsmann Xalteva und erklärt, dass die Künstler mit uns reden wollen. Nun gut – reden wir. Ich erkläre, dass unser Konzept auf Kommunikation zwischen Künstlern basiert und davon in Nicaragua nicht viel vorhanden sei. Alles ein Missverständnis erklären uns die Künstler, man sei durchaus bereit mit uns zu “verhandeln”. Also besprechen wir das Konzept. Die Künstler holen ihre Bleistiftskizzen heraus, die ich nebeneinander an die Wand klebe. Da man aber, um etwas zu ändern noch mal neu grundieren müsste, lassen wir es so wie es ist.  Ich erwähne die Paste-ups aus den anderen Ländern – die nicaraguaensischen Künstler wollen keine Paste-ups. Sie erklären mir, dass Graffiti  in Nicaragua erfunden wurde und dass sie sowieso die besten seien und deshalb ihre Arbeiten lieber nicht mit der Kunst der anderen Länder vermischen wollen. Einer der Künstler trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck “ you cant fix stupid”. Stimmt, denke ich. Frustriert gehen wir zurück ins Hotel.

Kommunikationsschwierigkeiten mit den Künstlern (Tag 31)

Keine Cartooncharacter, keine Totenschädel, keine Knarren: Alle Motive sind in einer eigenartig leuchtenden Farbigkeit angelegt.

© Jim Avignon

Ein Tag im Zeichen der Konfrontation. Wir schauen nun selbst grimmig, grüssen nicht mehr und verkneifen uns alle Kommentare zu den Bildern der Künstler. Alle malen wortlos vor sich hin. Gelegentlich schnappt mir einer die Leiter weg, die ich dann umgehend wieder zurückklaue. Immerhin kommt man so ziemlich schnell voran. Zwei der nicaraguanische Künstler fallen etwas aus der Reihe. Einer hat selber Paste-ups mit herabhängenden Schuhen vorbereitet und beklagt sich nun, das keiner seiner Kollegen mit ihm zusammenarbeiten will. Der andere spricht etwas englisch, arbeitet bei einer NGO und ist relativ gesprächig. Er arbeitet neben mir und will mit mir zusammen einen Übergang von Land zu Stadt malen.

Ein Alexander von der deutschen Botschaft kommt zu Besuch und hört sich unsere Probleme an. Er hat ein paar ganz plausible Erklärungen für das seltsame Verhalten der Künstler parat. Nicaragua sei durch seine ungewöhnliche Geschichte in den letzten 30 Jahren völlig von seinen Nachbarn isoliert gewesen, erklärt er. Während sich die Sandinisten in  Nicaragua mit der Revolution abmühten, wären aus den Nachbarländern die Söldner der Contras ins Land gekommen und hätten Angst und Schrecken verbreitet. Möglich sei auch, dass die Künstler aus Furcht vor Repressalien jeglichen weltlichen Bezug in ihren Bildern vermeiden und deshalb in unpolitische Naturmotive ausweichen würden, das würde zumindest die eigenartige Begeisterung für präkolumbiansiche Motive erklären. Klingt einleuchtend, was uns Alexander da erklärt, entschuldigt aber noch nicht die Feindseligkeit der Künstler. Alicia, selber aus Nicaragua hat noch eine ganz andere Erklärung parat: Wir hätten es hier zum ersten mal nicht mit Oberschichtenkünstlern, sondern mit Kids aus dem Barrio zu tun und das seien nun mal deren Umgangsformen. Immerhin, sie malen konzentriert und man kann schon einige stilistische Gemeinsamkeiten erkennen: keine Cartooncharacter, keine Totenschädel, keine Knarren, dafür sind alle Motive alle in einer eigenartig leuchtenden Farbigkeit angelegt.

Die Wand, die Jim bemalt hat.

© Jim Avignon

An der Wand bleibt die Situation trotzdem erstmal unerfreulich. Es gibt keinen Ort, wo man seine Sachen ablegen kann. Ich schleppe meine Tasche und Klamotten in einem Plastiksack mit mir herum. Holger wird die Sonnenbrille geklaut und das Mittagessen besteht zur Hauptsache aus bräunlichem Eisbergsalat und roter Beete. Die Stimmung ist mau. Holger sucht einen Grund, sich abzuseilen und ins Hotel zurückzugehen, ich will aber nicht alleine bei den Künstlern bleiben und finde immer wieder neue Beschäftigung für ihn. Weil die nicaraguanischen Künstler unser Paste-up Konzept sabotiert haben, beschließen wir, auf der noch freien Wand links des Uni-Eingangs eine Galerie mit riesenhaften Paste-ups zu kleben. Während ich an meinem Grosstadtmotiv weiterarbeite, stilisierte Häuser aus isometrischen Quadern, die nach einem Farbcode angemalt und von allerlei lost characters bevölkert werden, bereitet Holger einen Großauftrag für den Copyshop vor. Heute gehen wir früh und grüssen auch nicht zum Abschied, die Künstler schauen uns verdutzt hinterher.

Simer, einer der Künstler.

© Jim Avignon

Abends wollen wir in eine Künstlerbar namens El Ceramanchel, die mir eine Journalistin empfohlen hat, und dort unsern Frust mit ein paar Tonias betäuben. Die Bar ist open air, ein überdachter Tresen, in der Mitte eine kleine Tanzfläche und alles barackenartig zusammengeschustert, erinnert fast ein bisschen an die Bar 25. Der Mann, der die Autos einparkt, begrüßt Alicia mit Umarmung, er war früher mal der Chef des Ladens. Es wird lustig getanzt und die Zeit vergeht ausnahmsweise mal wie von selbst. Schade, dass wir unsere Abschlussparty schon woanders veranstalten.

Malen im Dunkeln (Tag 32)

Eine ältere Dame hilft Holger mit den Paste-ups.

© Jim Avignon

Dichtes Programm heute. Die Mauer muss fertig gemalt werden,  Paste-ups geklebt, der Bibliobus soll bunt werden und wir wollen den Künstlern mit Interviews auf den Zahn fühlen. Da passt es gut, dass wir ausgerechnet heute eine Stunde zu spät abgeholt werden. Als erstes geht's zum Copyshop, wo schon eine stattliche Rolle auf uns wartet. Dann schicken wir Alicia zum Mercado, Kleister kaufen, während Holger die Paste-ups zurechtschneidet. Eine ältere Dame, in deren Kiosk wir nachts unsere Farben deponieren dürfen, hilft ihm fürsorglich dabei.

Ich male mein Wandbild zu Ende, das nun plötzlich nicht mehr rechts am Rand ist, denn neben mir hat sich nun eine neue Gruppe Graffiteros an die Arbeit gemacht. Es sind Exilnicaraguaner aus LA, und sie sind gerade dabei ein größeres Stück Wand in Schmutziggelb zu grundieren. Das scheint ja wirklich ein ungeschriebenes Gesetz hier zu sein hier. Auch sie grüssen nicht und tun so, als wenn ich gar nicht da wäre. Dafür tut sich bei unsern Künstlern einiges: wir werden leutselig begrüßt, einige winken uns zu. Vor meiner Wand hat jemand ein Auto geparkt, die Türen stehen offen  und es läuft mal wieder Eurodisco. Der Künstler Stchez Stk fragt mich, ob ich an seinem Bild mitmalen möchte, und Dorian Serpa, bisher Mister Griesgram himself, grinst mich an, ob ich denn auch zufrieden sei. Eine Charmeoffensive wie sie im Buche steht. Doch so schnell können wir nicht umschalten. Wir bleiben erst mal kühl.

Letzter Feinschliff: Abfackeln mit der Spraydose.

© Jim Avignon

Die Past-ups sind geschnitten, Alicia hat statt Kleister einen dickflüssigen Holzleim besorgt, den wir solange verdünnen, bis er eine milchartige Konsistenz hat. Insgesamt neun Paste-ups von je drei Metern Länge sind zu kleben. Links vom Eingang gibt's leider keine Bäume und so müssen wir in der prallen Mittagssonne arbeiten. Das weiße Papier leuchtet so aggressiv, dass man kaum die Augen aufbekommt. Die Wand ist schmutzig und porös, schon nach zwei Paste-ups hat der Kleber eine schmutzigbraune Farbe angenommen. Nach fünf Paste-ups mache ich schlapp. Wasser! Ist leider ausverkauft. Es gibt noch Cola, immerhin kalt. Die Bibliobus-Damen sind auch wieder da und sie sie haben schon bemerkt, dass ihr Bus immer noch nicht angemalt ist. Ich verspreche, dass wir uns sofort nach den Paste-ups darum kümmern werden. Eine ältere Dame stellt sich als Traute vor, sie scheint die Chefin zu sein. Wir besprechen kurz ein Konzept für ihren Bus, aber um Zeit zu sparen mache ich keine Skizze. Ihr Blick hängt mir im Nacken, kaum habe ich die ersten Striche gemalt, da erkundigt sie sich schon spitz, ob man das denn noch mal ändern könne. Ich bitte sie um etwas Geduld, sauertöpfisch zieht sie die Mundwinkel nach unten. Holger drängelt, wir müssten die Interviews machen, bevor die Sonne weg ist. Ich bringe noch schnell die Vorzeichnung zu Ende, dann geht's los.

In den Interviews geben sich die Künstler überraschend weltmännisch, loben das Konzept der Zusammenarbeit und betonen, dass sie positive Werke schaffen wollen. Unsere kritischen Fragen perlen an ihnen ab. Jetzt, da sie ihre Bilder fast fertig haben, wollen sie einen möglichst guten Eindruck bei uns hinterlassen. Inzwischen ist es fast dunkel, ich stolpere zum Bus zurück, Traute ist inzwischen abgehauen - natürlich ohne sich zu verabschieden, Nicaragua-Style. Immerhin geht's ohne ihre Kommentare schneller voran. Holger hat Bier gekauft und nun stehen alle außer mir am anderen Ende der Wand und trinken, während ich im Dunkeln den Bus fertig malen muss. Immerhin hat irgendjemand sein Auto so geparkt, dass die Schweinwerfer etwas Licht geben. Ein Wachmann fragt mich was auf spanisch, ein wilder Hund hat meine Tasche im Maul und einige Sprayer fangen an, das Treibgas in ihren Dosen abzufackeln. Eine etwas gespenstische Atmosphäre. Ich bin froh, als ich um 8 endlich fertig bin, denn wir müssen nun sofort weiter in den Club, die Party vorbereiten.

Die Paste-ups sind geschnitten und kleben schon an der Wand.

© Jim Avignon

Dort wartet schon DJane Isa Blue und legt Minimaltechno auf. Als Bonbon hat sie eine Xylophonspielerin dabei, die alle zehn Minuten dasselbe Pattern in leichten Variationen zum Beat klöppelt. Isa ist gut drauf und dröhnt mir unentwegt “Paaarty” ins Ohr. Wie zu erwarten, sind die meisten unserer Künstler nicht gekommen, dafür ist aber eine bunte Auswahl an nicaraguanischen Hipstern erschienen. Für meine Show ziehe ich ein paar selbst gemachte präkolumbianische Masken auf Pappkarton aus der Tasche. Den Witz versteht keiner, der Abend wird dann aber trotzdem noch ganz lustig: Künstler Simmer versucht vergeblich uns zum Koksen aufs Klo zu bekommen, Holger füllt zwei Mal von neuem die Tanzfläche und um 4 ist der Spaß vorüber.

Schock auf offener Straße (Tag 33)

Xalteva - die Tourmanagerin.

© Jim Avigon

Unser erster offizieller freier Tag. Wir haben ihn nötig – wir schlafen lang aus, zu Frühstück gönnen wir uns den Luxus und bestellen uns ein Spiegelei. Dann noch mal schlafen. Um 2 Uhr holt uns Xalteva zu einem Ausflug nach Granada, das ist ein altes Städtchen ungefähr eine Stunde von Managua entfernt, ab. Wir fahren in einem Kleinbus und es fühlt sich beinahe wie Urlaub an.

Der erste offizielle freie Tag: Ausflug nach Granada.

© Jim Avignon

Der Fahrer lässt seine schönsten Rockballaden laufen und singt dazu. Unterwegs machen wir bei einer spektakulären Raststätte halt. Leider bestellen wir nicht die lokale Spezialität sondern gehen auf Nummer sicher – schmeckt trotzdem gut, sieht aber nicht so toll aus. In Granada fahren wir zuerst an den See, der noch größer ist als der Lago Managua.

Im Wasser kleine Inselchen, manche nur ein paar Meter groß, aber viele mit blühenden Bäumen drauf, und dazwischen schaukeln kleine Ausflugsboote, die man mieten kann. Wir erfahren, das es sich bei den Inseln um Lavabrocken handelt, die beim letzten großen Ausbruch in die Landschaft geschleudert wurden. Eine Bootstour klingt verführerisch, aber Holger und ich wollen lieber in die Stadt, solange es noch hell ist.

Granada ist ein altes Städtchen ungefähr eine Stunde von Managua entfernt.

© Jim Avignon

Die Strasse ist nun voll mit Sonntagsausflüglern auf dem Heimweg. Dazwischen eine Prozession mit einem großen weißen Holzkreuz. Plötzlich bricht Panik aus, Leute rennen in alle Richtungen davon. Vom Auto aus können wir nicht erkennen, was los ist. Dann steht auf einmal eine blutüberströmte Frau am Straßenrand. Sie versucht ein Auto anzuhalten, dass sie ins Krankenhaus bringen kann, von einem Täter keine Spur. Das Auto vor uns hält an, und nimmt sie mit. Die Stimmung bleibt angespannt und wir sind froh, als wir in Granada ankommen.

Es ist genauso hübsch wie versprochen. Ein Marktplatz , ein paar Kirchen, fast alle Häuser sind in Pastellfarben gestrichen. Das erinnert mich in seiner Farbigkeit schon fast an die Bilder unsere Künstler. Überall sitzen Leute in Sesseln vor ihren Häusern und plaudern, Musiker tingeln von Café zu Café. Amerikanische Touristen werden aufdringliche Straßenhändler nicht mehr los. Wir landen in einem majestätischen Café im Kolonialstil, mit schönen gekachelten Innenhöfen und opulenten Springbrunnen.

Ich bestelle einen Eiscafe mit Rum und dann noch einen. Die Heimfahrt hab ich verschlafen und ich glaube, den Rest des abends auch.

Jim Avignon

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