Beats und Bürokratie : Berlin will Lärmschutz von Clubs weiter fördern

Seit Herbst 2018 finanziert der Senat Maßnahmen, um zwischen Clubs und Nachbarn zu vermitteln. Doch das Vergabeverfahren hat seine Tücken.

Marvin Ku
Und immer dieser Lärm: Eine Million Euro will Berlin für den Fonds ausgeben.
Und immer dieser Lärm: Eine Million Euro will Berlin für den Fonds ausgeben.Foto: Imago/allefarben-foto

Das Berliner Nachtleben steht für schlaflose Nächte: Bei Clubgängern aus aller Welt, aber auch bei Anwohnerinnen und Anwohnern. Immer wieder gibt es Streit. Die Senatsverwaltung für Wirtschaft will schlichten – darum können seit Herbst 2018 finanzielle Mittel für den Ausbau des Lärmschutzes abgerufen werden.

Und das gilt ebenso für die Zukunft: „Wir unterstützen auch 2020 und 2021 die Clubszene finanziell und fördern Lärmschutzmaßnahmen“, twitterte nun Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). Damit wolle man, „die berechtigten Interessen der Anwohnerinnen und Anwohner mit dem Erhalt von Kultureinrichtungen in Einklang zu bringen“.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Insgesamt eine Million Euro plant das Land Berlin für den Lärmschutzfonds und die zweijährige Förderzeit ein. Verwaltet wird das Geld von der Clubcommission, dem Sprachrohr der Szene. Hier müssen sich Veranstalter um Zuschüsse bewerben. Und die Zahlen zeigen: Das Projekt kommt gut an. Seit dem Start haben 30 Clubs Anträge gestellt, wie Raimund Reintjes von der Clubcommission gegenüber dem Tagesspiegel sagte.

13 Clubs werden aktuell gefördert - die meisten stecken noch in der Planung

Aktuell gefördert werden demnach 13 Clubs, darunter der Klunkerkranich in Neukölln, Birgit & Bier sowie SO 36 in Kreuzberg, Tresor in Mitte und Kater Blau in Friedrichshain. Die Clubs, die eine Förderung von in der Regel maximal 50.000 Euro beantragen können, haben nach der Bewilligung ein Jahr lang Zeit, um die geplanten Maßnahmen umzusetzen - in begründeten Fällen kann die Frist einmalig verlängert werden.

Zu den Maßnahmen gehören etwa: Schallschleusen, speziell gedämmte Wände und Türen, Mauern, um den Lärm der Wartenden zu dämpfen. Sogar über sogenannte Schallauslöschungsanlagen nach dem Prinzip von Noise-Cancelling-Kopfhörern wird nachgedacht.

Seit Herbst 2018 ist nun mehr als ein Jahr vergangen, wie sieht also die vorläufige Bilanz aus? Von den geförderten 13 Clubs stünden zwei kurz vor dem Abschluss der Projekte, sagte Reintjes – die Ipse am Flutgraben ebenso wie die Musikbrauerei in Prenzlauer Berg. In anderen Fällen sei man noch nicht über die Planungsphase hinaus.

Institution. Das SO 36 hat Tradition – und mitunter lärmempfindliche Nachbarn.
Institution. Das SO 36 hat Tradition – und mitunter lärmempfindliche Nachbarn.Foto: Foto: Britta Pedersen/dpa

Warum? Zeit koste zum einen der bürokratische Aufwand: Für Bauaufträge müssten die Clubbetreiber Angebote von mehreren Anbietern einholen, so schreibe es das Vergaberecht des Landes vor.
Ein Problem stelle aber auch die gute Konjunktur in der Baubranche dar: „In Berlin wird so viel gebaut, dass der Markt wie leergefegt ist“, sagte Reintjes. Für große Baufirmen sei ein Auftrag mit einem Volumen von 50 000 Euro eher eine Kleinigkeit.

Kleinere Clubs können den Eigenanteil nicht immer finanzieren

Und gerade für kleinere Clubs gebe es auch finanzielle Hürden: Neben formalen Kriterien müsse ein Antrag auch einige Fördervoraussetzungen erfüllen, etwa: Handelt es sich um eine Musikspielstätte? Gibt es ein kuratiertes Programm? So wolle man sicherstellen, dass auch wirklich nur Institutionen der Clubszene unterstützt würden.

Anschließend prüft ein Gutachter den Antrag auf Machbarkeit: Lassen sich die geplanten Schallschutzmaßnahmen auch umsetzen? Im letzten Schritt entscheide eine dreiköpfige Jury, ob Geld bewilligt werde.
Ist das der Fall, kann ein Veranstalter bis zu 50.000 Euro für den Ausbau bekommen, in Ausnahmefällen auch 100.000 Euro. Abhängig von der Antragshöhe müssen die Clubs dabei einen Anteil zwischen 10 und 20 Prozent der Summe selbst finanzieren. „Für kleine Läden, in denen vor allem Ehrenamtliche arbeiten, kann es schwierig sein, diesen Eigenanteil zu stemmen“, meint Raimund Reintjes.

Die Überzeugung, dass die Kosten für Lärmschutzmaßnahmen von den Verursachern, also den Clubs, zu tragen seien, teilt Reintjes übrigens nicht: Dass sich Anwohnerinnen und Anwohner gestört fühlten, liege oftmals auch an einer zunehmenden Verdichtung des Stadtgebiets.

"Es ist eine zähe Angelegenheit"

Ist die Clubcommission also zufrieden mit dem Lärmschutzfonds? „Es ist eine zähe Angelegenheit. Ich habe meine Illusionen über Bord geworfen, dass alles immer so klappt, wie ich mir das vorstelle“, sagt Reintjes. Aber: Grundsätzlich sei die Unterstützung der Behörden ein tolles Signal: „Wir freuen uns sehr über diese Wertschätzung der Berliner Clublandschaft von Seiten des Senats.“

Ähnlich positiv äußerte sich auch Matthias Borowski, Sprecher der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. „Die Nachfrage der Clubs ist sehr groß.“ Und das Projekt rege zur Nachahmung an: Mittlerweile zeigten auch andere Städte wie Köln, München, Vilnius oder Barcelona Interesse, ein ähnliches Projekt einzuführen.

Auch aus wirtschaftlicher Sicht ist das Berliner Nachtleben wichtig. Laut einer Studie von Clubcommission sei fast jeder vierte Tourist wegen der Clubs in der Stadt. Rund 9000 Menschen arbeiten in der Szene; die Betreiber organisieren etwa 58.000 Veranstaltungen im Jahr. Insgesamt brachte der Clubtourismus im Jahr 2017 Umsätze 1,48 Milliarden Euro nach Berlin.

Neu: Tagesspiegel Plus jetzt gratis testen!

4 Kommentare

Neuester Kommentar