Berlin-Charlottenburg : Pop-up-Radweg in der Kantstraße verzögert sich

Wegen der Corona-Pandemie sollen Radfahrer mehr sichere Wege bekommen. Kreuzberg schafft es, die West-City versucht es. Andere Bezirke scheitern.

Die neue Radspur an der Kantstraße wird auch von Falschparkern gerne angenommen.
Die neue Radspur an der Kantstraße wird auch von Falschparkern gerne angenommen.Foto: Jörn Hasselmann

Vom Kreuzberger Tempo ist Charlottenburg-Wilmersdorf weit entfernt. Und auch bei der Qualität scheint der West-Bezirk in der Kantstraße längst nicht das Niveau zu erreichen, das Kreuzberg vor zwei Wochen mit dem Radweg am Kottbusser Damm vorgelegt hat.

Innerhalb von nur zwei Tagen wurde dort zwischen Hermannplatz und Kottbusser Tor ein mit Baken abgetrennter Radweg angelegt – beidseitig und auf ganzer Länge ohne Unterbrechung. Dazu wurden alle Parkplätze für Autos beseitigt, Anwohner wurden aufgefordert, einen Stellplatz im Parkhaus zu mieten. Begründung: In Corona-Zeiten benötigen Radfahrer mehr Platz, da möglichst viele Menschen von öffentlichen Verkehrsmitteln etwa aufs Rad umsteigen sollen.

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Vor mehreren Wochen hatte Charlottenburg-Wilmersdorf einige Straßen benannt, die sich für solche Wege eignen, vorneweg die Kantstraße. Hier gab es nach einem tödlichen Unfall politischen Druck, Fahrradaktivisten hatten wochenlang demonstriert, bis Kundgebungen wegen der Pandemie verboten wurden.

Vor zwei Wochen begannen die Markierungsarbeiten, allerdings nur in Richtung Innenstadt. Ein Ende ist, mit Stand Freitagmittag, nicht in Sicht. Vom Messedamm bis Leibnizstraße sind gelbe Striche auf dem Asphalt aufgetragen. Baken oder Poller gibt es bislang keinen einzigen. Und auch keinen Fertigstellungstermin.

Durch das Schrägparken auf der westlichen Kantstraße kann die Radspur nicht mit Pollern gesichert werden.
Durch das Schrägparken auf der westlichen Kantstraße kann die Radspur nicht mit Pollern gesichert werden.Foto: Jörn Hasselmann

Bei einer Besichtigung Ende April hatte Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) angekündigt, dass die Radspur bis zur Joachimsthaler Straße reichen soll.

Und noch etwas hatte Schruoffeneger angekündigt: Der Corona-Radweg ist bislang nur bis Ende Mai genehmigt. Gehen die Arbeiten in dem Tempo weiter, sind die Tage bis dahin schnell gezählt. Nur wenn die Corona-Pandemie anhält, könnte der Radweg länger existieren.

Das Problem auf der Kantstraße sind die Falschparker

In der vergangenen Woche hatte der Bezirk versucht, das geringe Tempo mit dem Regen zu entschuldigen: Auf nassem Asphalt haften keine Markierungen.

Doch nicht der Regen ist das Problem in der Kantstraße: Es sind die (Falsch-)Parker. Wie selbstverständlich ist der markierte Radweg an diesem Freitag an mehreren Stellen zugeparkt.

Eines der Autos hatte ein Knöllchen hinter dem Scheibenwischer. Demnach stand der Wagen seit Donnerstagmittag, 14.45 Uhr, dort.

Aktivisten kämpfen seit Jahren darum, dass schneller abgeschleppt wird, Parken auf dem Radweg ist laut interner Dienstanweisung des Präsidiums ein sogenannter „Regelfall für eine Umsetzung“. 2019 hatte Polizeipräsidentin Barbara Slowik zugesichert, dass diese Regel auch angewendet wird – angekommen ist das nicht bei allen Beamten. 

Faktisch ändert sich für Autofahrer nichts

Laut Plan gibt es für fahrende Autos pro Richtung nur eine Spur. Faktisch ändert sich dadurch nichts, denn die Kantstraße ist mit ihren vielen kleinen Läden dafür bekannt, dass Lieferwagen und Privatwagen illegal in der "zweiten Reihe" parken.

Für fahrende Autos blieb die linke der beiden Fahrspuren, Radfahrer mussten Slalom um Falschparker fahren. Hier ähneln sich Kantstraße und Kottbusser Damm.

Doch während in Kreuzberg konsequent private Pkw verbannt wurden, sollen an der Kantstraße fast alle Stellplätze erhalten bleiben. Nur an einigen Stellen sollen Lieferzonen markiert werden.
Am schwierigsten ist die Situation im westlichen Teil der Kantstraße. Zwischen Kuno-Fischer-Straße und Windscheidstraße dürfen Autos senkrecht zur Fahrbahn parken. Dadurch kann der Radweg links von den Parkplätzen nicht mit Pollern abgetrennt werden.

Farbliche Markierungen allein helfen nicht

Dass eine gelbe Linie auf dem Asphalt keine zweite-Reihe-Parker abschreckt, ist bekannt. „Farbe hilft nicht“, ist eine Weisheit des Berliner Fahrradaktivisten Heinrich Strößenreuther, dem Erfinder des Volksentscheids Fahrrad.
Leichter könnte es im östlichen Abschnitt sein: Hier rückt der Radweg an den rechten Rand, die Park- beziehungsweise Lieferspur ist links davon. Poller können – wie am Kottbusser Damm – die Radspur sichern. In Fachkreisen wird diese Trennung mit Pollern oder anderen Barrieren zwischen Auto- und Radverkehr als Protected Bike Lane (PBL) bezeichnet.
Der Regen in der vergangenen Woche bremste die Markierungsarbeiten, dafür entbrannte ein Streit, ob nicht zu viel fürs Rad und zu wenig für die Busse der BVG getan wird.

Der Fahrgastverband Igeb hatte in der Kantstraße und anderen Hauptstraßen "Pop-up-Busspuren“ gefordert. Tatsächlich wurde die BVG nicht einmal gefragt, was sie von der Radspur in der Kantstraße hält. Busse haben nun offiziell nur eine Spur gemeinsam mit Autos, inoffiziell war dies wegen der Falschparker schon immer so. 

In dieser Woche nun haben die Igeb und der Verein Changing Cities, der aus dem Volksentscheid Fahrrad hervorging, gemeinsam eine Sperrung der Kantstraße für den Durchgangsverkehr vorgeschlagen. Dafür soll es eine dauerhafte Radspur geben. Lieferverkehr solle die Kantstraße durch Seitenstraßen erreichen. In Kopenhagen seien ähnliche Straßen in die Innenstadt erfolgreich gesperrt worden, teilten die Vereine mit. 

Obwohl auf manchen Abschnitten der Kantstraße vier Buslinien unterwegs sind, mit bis zu 21 Fahrten je Richtung und Stunde, gibt es bis heute keine Busspur. Parkplätze waren immer wichtiger.

Eigentlich sollen im östlichen Teil der Kantstraße rechts die Radfahrer hin, die Parkspur ist künftig in der Mitte.
Eigentlich sollen im östlichen Teil der Kantstraße rechts die Radfahrer hin, die Parkspur ist künftig in der Mitte.Foto: Jörn Hasselmann

Auch in anderen Bezirken wächst die Enttäuschung, dass es nicht vorangeht mit dem Bau von Radwegen. Tempelhof-Schöneberg zum Beispiel war der zweite Bezirk nach Friedrichshain Kreuzberg, der Straßen genannt hatte. Passiert ist: nichts. Der Druck auf die zuständige Stadträtin Christiane Heiß (Grüne) wächst.

Die SPD, die mit den Grünen im Bezirk eine Zählgemeinschaft bildet, ist enttäuscht. „Es ist uns unbegreiflich, dass die Stadträtin keine Projekte umsetzt, während andere Bezirke teils täglich neue Radspuren einweihen, teilte Christoph Götz-Geene mit, der Vizechef der SPD-Fraktion. Und weiter: „Die gesamte Amtszeit von Frau Heiß war hinsichtlich der Ziele der Verkehrswende ein kompletter Ausfall.“

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