Berlin-Schmargendorf : Neues Wirtschaftsviertel: "Größer als der Potsdamer Platz"

Auf dem Areal der alten Tabakfabrik Reemtsma soll ein Gründerzentrum entstehen – dazu Kino, Theater, Geschäfte, Gastro. Wohnungen sind nicht geplant.

Neues Quartier. Auf dem Gelände der ehemaligen Zigarettenfabrik in Schmargendorf sollen tausende neue Arbeitsplätze entstehen.
Neues Quartier. Auf dem Gelände der ehemaligen Zigarettenfabrik in Schmargendorf sollen tausende neue Arbeitsplätze entstehen.Simulation: Go West/Wohnkompanie

Auf dem Gelände der alten Reemtsma-Zigarettenfabrik in Schmargendorf soll der Duft der großen weiten Welt einziehen. Die Pläne für das neue Quartier unter dem Label „Go West“ stellte Stephan Allner, Geschäftsführer der Immobilienfirma „Die Wohnkompanie“ am Mittwochabend im Stadtentwicklungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg-Wilmersdorf vor.

Für die alte Tabakfabrik selbst gibt es keine Zukunft. Sie soll abgerissen werden. Dreh- und Angelpunkt der Entwicklung ist zunächst das alte Hochregallager, das zu den wenigen Gebäuden gehört, die stehenbleiben sollen. Es wird „in der Struktur, nicht in der Nutzung erhalten“, sagte Allner, dessen Unternehmen das Industriequartier 2014 erworben hatte. Hinter der „Wohnkompanie“ steht die Bremer Zech-Gruppe. Entstehen soll ein Gründerzentrum, zu neudeutsch: ein Start-up-Inkubator. Einen Betreiber hat man auch schon gefunden, aber dessen Name wird noch nicht verraten. „Wir hoffen, dass wir Ostern 2019 eine Baugenehmigung haben“, sagte Allner dem Tagesspiegel. Der Bauantrag für den alten – neuen – Gewerbestandort wurde Ende November gestellt.

50-Meter-Pool, 3D-Druckzentrum und Schlosserei

Es geht bei dem Umbau um 12.000 Quadratmeter. Das Hochregallager bekommt Fenster, Balkone, Konferenzräume. Zudem ein 3D-Druckzentrum, eine Schlosserei, eine Tischlerei – alles, was man so braucht in einem neuen Stadtquartier, das größer ist als der Potsdamer Platz. On top haben sich die Architekten Axthelm Rolvien für das Hochregallager einen 50-Meter-Pool ausgedacht.

Die Zigarettenfabrik wurde 1958/59 auf früherem Kleingartengelände als einzige größere Industrieanlage im damaligen Bezirk Wilmersdorf erstellt. Zuletzt wurden hier jährlich 16 Milliarden Zigaretten produziert. Im Juni 2008 verkündete die Imperial Tobacco Group die Schließung des Werks mit zuletzt noch 420 Arbeitsplätzen. Im Juni 2012 wurde das Werk endgültig geschlossen. Seitdem geht es um die Nutzung der Hallen, die statisch zu schwach für eine Aufstockung sind: Dem Beton wurde Ziegelsplitt beigemischt. Darauf kann man nicht bauen.

Neue Pläne für alte Reemtsma-Fabrik
August 1963 an der Mecklenburgischen Straße in Schmargendorf. In den drei Hallen wurden in guten Zeiten bis zu 20 Milliarden Zigaretten produziert. 2012 kam das Aus für die Produktion. Nun bahnt sich eine Zukunft als Gründerzentrum an - mit tausenden von neuen Arbeitsplätzen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: Imago/Seeliger
20.12.2018 09:32August 1963 an der Mecklenburgischen Straße in Schmargendorf. In den drei Hallen wurden in guten Zeiten bis zu 20 Milliarden...

Zunächst also wird hier abgerissen. Am 7. Januar soll es losgehen. Die Abrissarbeiten sollen etwa ein Jahr dauern, beginnend an der Forckenbeckstraße und endend an der Mecklenburgischen Straße. Schade eigentlich, denn die Hallen sind noch gut erhalten. Viele Einbauten stehen noch für den Industriecharme der Siebziger Jahre. Und wer immer der Nase nach geht, verspürt an vielen Stellen kalten Rauch. Weil vieles viel zu schade für den Müllcontainer ist, soll es verkauft werden.

Wohl im Frühjahr werden alte Alarmglocken, Elektromotoren, Telefone, Aschenbecher und Betriebsuhren im Rahmen einer Ausstellung verkauft. „Das bauen wir alles gerade aus“, sagt Allner und ist besonders stolz auf die alten Luftaus- und Einlässe, die er in Deckenlampen für sein Büro umbauen ließ.

Investition: 1 Milliarde Euro

„Go West“ wird kein Wohnquartier werden. „Zum Glück“, wie Allner sagt, „so sind die Anfeindungen aus der Politik etwas geringer“. Das Quartier werde für „normale Betriebe“ geplant, die in der Regel Flächen zwischen 1000 und 5000 Quadratmeter suchen. Ein kleinteilig organisiertes Quartier, keine monotonen Glaspaläste verspricht Allner. „Bei 14 bis 15 Euro pro Quadratmeter haben wir die Kosten wieder drin und sind wirtschaftlich“, sagt der Berliner Chef der Wohnkompanie mit Blick auf die Ein-Milliarden-Investition in den alten Industriestandort.

Die Rechnung: mehr als 10.000 Arbeitsplätze

Auf einen Hochhausbau, der einen eigenen Bebauungsplan vorausgesetzt hätte, wird verzichtet. Insgesamt sollen 200.000 Quadratmeter Gewerbeflächen entstehen. Die kleinste Mieteinheit wird 400 Quadratmeter groß sein. Die Investoren rechnen mit 10.000 bis 20.000 neuen Arbeitsplätzen. Es wird kein reiner Büro-, sondern auch ein Standort für produzierendes Gewerbe. Das Ganze dauert fünf bis sechs Jahre, inklusive der Zeit für die Abrissarbeiten. Die Gebäude sollen sukzessive bezogen werden, sobald sie fertig sind. Die Nachfrage sei riesig, so Allner.

Hotels, Wochenmarkt und Theater

Herzstück des Quartiers (Architekten Christoph Kohl) wird ein zentraler Campus-Platz, so groß wie der Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg. Hier sollen ein Kino, ein Theater, ein Wochenmarkt sowie Nahversorger und Gastronomie Platz finden. Ein bis zwei Hotels werden sich auf dem Gelände ebenfalls finden.

Herbst 2018. Es war einmal eine Tabak-Fabrik in Berlin-Schmargendorf.
Herbst 2018. Es war einmal eine Tabak-Fabrik in Berlin-Schmargendorf.Foto: promo

Gebaut werden zunächst die Untergeschosse – Tiefgaragen für den ruhenden Verkehr. Es wird eine öffentliche Straße für Fahrradfahrer, Fußgänger sowie für Lieferverkehr geben. Ausgedehnte Grünflächen, vor allem auf den Dachflächen des fünf bis sechs Stockwerke hohen Quartiers sollen ein gutes Mikroklima gewährleisten und Flächen für urbanes Gärtnern bieten. Überhaupt soll es innovativ und nachhaltig zugehen: etwa durch Holzbau. Bei der Energieversorgung soll Geothermie genutzt werden, und die Abwärme des zentralen Rechenzentrums soll für die Heizung eingesetzt werden.

Die Zech-Gruppe will „Go West“ über eine Stiftung im Eigentum behalten – ein Verkauf sei nicht geplant. „Die Marktsituation ist so günstig, dass wir es nicht rausgeben“, sagt Allner.

Und so soll die Zukunft aussehen.
Und so soll die Zukunft aussehen.Simulation: promo

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