• Berliner Bischof Stäblein zur Coronakrise: „Wir werden ein neues Leben finden müssen“

Berliner Bischof Stäblein zur Coronakrise : „Wir werden ein neues Leben finden müssen“

Wie verändert die Coronakrise Kirche und Gesellschaft? Der evangelische Landesbischof Christian Stäblein über Pfingsten in der Pandemie.

Christian Stäblein ist seit 2019 Landesbischof der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.
Christian Stäblein ist seit 2019 Landesbischof der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.Doris Spiekermann-Klaas

Heute ist Pfingstsonntag. Was bedeutet Ihnen das Fest?
Pfingsten ist das Fest, an dem wir Gottes Geist geschenkt bekommen. Und das ist ja das, was die Gegenwart unseres Glaubens ausmacht: den Mut zur Veränderung, den Mut zum Aufbruch, das Wunder, dass wir uns trotz aller verschiedenen Perspektiven verstehen. All das kommt bei diesem Fest zusammen. Und ich glaube, gerade dieses „Verstehenswunder“ ist etwas, das wir in diesen Tagen besonders brauchen. So viel unversöhnliche Perspektiven oft, die aufeinanderstoßen.

In Berlin stoßen die Perspektiven ja gerade bei den Corona-Demos heftig aufeinander. Wie geht die Kirche damit um?
Das ist für uns alle eine Herausforderung. Wir haben aus meiner Sicht zwei Dinge zu tun: Wir müssen den Menschen, die Sorgen und Unverständnis für das haben, was sich jetzt ereignet hat, als Kirche eine Gesprächspartnerin und Begleiterin sein. Das ist das eine. Und wir haben da, wo vereinfacht, verurteilt und Schuld billig zugewiesen wird oder wo sich wieder Antisemitismus breitmacht, mit aller Entschiedenheit zu widersprechen.

Während der Coronakrise haben viele Berliner Gemeinden angefangen, ihre Gottesdienste zu streamen oder ins Internet zu verlegen. Was bleibt davon?
Ich hoffe, dass einiges bleibt. Wir sind ja noch nicht durch. Die Krise oder die Ausnahmesituation ist noch nicht vorbei, das wird vermutlich auch nicht so schnell gehen. Wir werden mit dem, was passiert ist, und dem Virus, das ja noch da ist, ein neu gestaltetes Leben finden müssen.

Dazu gehört für die Kirche, dass wir in diesen Wochen mit viel Kreativität viele neue Formen entdeckt haben. Ich würde mir sehr wünschen, wenn die im Blick auf die öffentlichen Feiern nicht einfach verschwinden. Bewahrenswertes sollten wir bewahren.

Was ist aus Ihrer Sicht bewahrenswert?
Wir haben als Organisation ein ganz neues Gefühl dafür bekommen, was alles auch geht, wenn man sich mal nicht leiblich trifft. Die Kirche ist im Blick auf digitale Medien vertrauter geworden, gerade bei Konferenzen und gottesdienstlichen Formen. Im Blick auf die Seelsorge haben wir aber auch gesehen, wie wichtig unsere Präsenz vor Ort für die Menschen ist, die in der Krankheit und im Sterben Begleitung brauchen. Und dieses mit Nachdruck auch weiterzuleben, ist eine der Aufgaben, vor denen wir stehen.

Es gab Kritik, dass die Kirche zu spät wieder mit der Seelsorge begonnen hat. Hand aufs Herz: Waren Sie denn früh genug in Krankenhäusern und Altersheimen?
Man kann immer mehr machen, keine Frage. Und ich bin der erste, der auch selbstkritisch auf die Dinge schaut. Wir haben aber von Anfang an dafür Sorge getragen, dass wir überall da, wo wir wissen, dass wir gebraucht werden, auch da waren und sind.

Wir haben in den Gesprächen und Verhandlungen mit dem staatlichen Gegenüber in allen drei Bundesländern, in denen unsere Kirche aktiv ist – Berlin, Brandenburg und Sachsen – immer darauf gedrungen, als Seelsorgerinnen und Seelsorger mit einer Ausnahmegenehmigung zu den gefährdeten Menschen zu kommen, auch zu den Einsamen und zu denen, die Leid tragen, an Covid-19 oder an einer anderen Krankheit. Es gilt in solchen Krisen ja, auch die anderen Menschen im Blick zu behalten.

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Haben die Pfarrerinnen und Pfarrer diese Möglichkeiten denn genutzt?
Natürlich gab es hier und da Verunsicherungen, das kann ja gar nicht ausbleiben. Aber meine Wahrnehmung ist: Die Pfarrerinnen und Pfarrer und die Krankenhausseelsorgerinnen und Krankenhausseelsorger haben stets selbstverständlich und immer als Erstes ihren Auftrag gesehen. Dafür danke ich ihnen ausdrücklich.

Mit Mundschutz kommen Gemeindemitglieder im Berliner Dom zu einem Gottesdienst.
Mit Mundschutz kommen Gemeindemitglieder im Berliner Dom zu einem Gottesdienst.Foto: Christophe Gateau/dpa

Noch einmal zurück zum Pfingstsonntag: Wie wird der eigentlich dieses Jahr gefeiert? Noch gelten ja die Beschränkungen zur Corona-Eindämmung ...
Wir haben ja schon zu Himmelfahrt gesehen, insbesondere in Brandenburg, dass viele Gemeinden ihre Gottesdienste ins Freie verlegt haben. Pfingsten ist ein Fest, für das gilt: Gottes Geist treibt nach draußen, treibt uns unter die Menschen, zieht die Kirche in besonderer Weise in die Welt. Ich werbe deswegen sehr für diese Open-Air-Formen.

Und ich freue mich, dass das in Brandenburg jetzt auch mit größerer Zahl möglich ist. Bis zu 150 Personen dürfen hier an Open-Air-Gottesdiensten teilnehmen. Zugleich erlebe ich an vielen Orten, dass die Gemeinden sehr vorsichtig wieder an die Gottesdienste herangehen.

Der Pfingstgottesdienst, bei dem ich in der Gedächtniskirche predigen werde, wird beispielsweise der erste Gottesdienst sein, der seit Beginn der Coronakrise dort wieder in analoger Form stattfindet – nicht als Fernseh- oder Streaming-Gottesdienst. Letztlich haben die Gemeinden an dieser Stelle eine große eigene Hoheit, aber auch eine große eigene Verantwortung, das zu tun, was aus ihrer Sicht angemessen ist – auf dem schmalen Grat zwischen der Sehnsucht und der Freude an gottesdienstlicher Feier und dem Vermeiden von Ansteckungsherden.

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Haben Sie Angst vor einer Situation wie in Frankfurt am Main, wo sich in einer Freikirche viele Menschen angesteckt haben?
Frankfurt zeigt uns vor allem, wie wichtig es ist, die Regeln einzuhalten. Auch in Gottesdiensten müssen wir Abstand halten, sollten nicht singen, gilt Mund- Nase-Schutz. Ich höre, dass das in Frankfurt nicht streng genug befolgt worden ist. Wichtig ist nun auch, dass so ein Infektionsgeschehen schnell eingedämmt und nachverfolgt werden kann. Deswegen brauchen wir Anwesenheitslisten.

Einzelne Infektionsgeschehen auch größeren Ausmaßes wird es vermutlich immer mal wieder geben, wenn ich die Experten richtig verstehe. Wir müssen darauf so vorbereitet sein, dass wir deswegen die Gottesdienste nicht wieder einstellen müssen. Denn das wäre doch sehr schade, ja, mehr als das. Wir haben gesehen, wie sehr uns das Zusammenkommen und Feiern gefehlt hat.

An Pfingsten findet ja oft auch die Konfirmation statt. Wie ist das in diesem Jahr?
Mit solchen Feiern ist es in Corona-Zeiten deutlich schwieriger – nicht nur die kirchliche Feier, auch die private hinterher. Die Entscheidung über die Konfirmationen sollte aus meiner Sicht die einzelne Kirchengemeinde vor Ort fällen. Die Empfehlung der Landeskirche ist: Die Konfirmationen sollten in den Herbst oder ins kommende Jahr verschoben werden.

Denn für die Jugendlichen ist die Konfirmation doch ein großes Fest. Und dieses Fest sollte auch als Fest gefeiert werden können. Wer jetzt feiert und das gut vorbereitet, kann das aber auch freimütig tun. Wichtig ist, dass das Miteinander und Gottes Nähe spürbar werden können.

Ein Desinfektionsmittelspender und ein Aufsteller eines Geistlichen mit Mund-Nasen-Schutz im Eingangsbereich der St. Marienkirche.
Ein Desinfektionsmittelspender und ein Aufsteller eines Geistlichen mit Mund-Nasen-Schutz im Eingangsbereich der St. Marienkirche.Foto: Christoph Soeder/dpa

Eine Folge von Corona wird auch sein, dass die Kirchensteuern nicht mehr so sprudeln wie in den letzten Jahren.
Die Evangelische Kirche in Deutschland geht im Moment von einem Rückgang von zehn bis 15 Prozent aus. Das ist natürlich spürbar und wird manchen Umbau in unserer Landeskirche im Blick auf die Ressourcen sicher beschleunigen.

Was bedeutet das konkret?
Konkret bedeutet dass, das wir auf allen Ebenen sehr klar gucken müssen, wo wir Einsparungen vornehmen müssen. Da sind wir im Moment dran. Aber ich glaube, wir müssen da noch etwas abwarten – wir werden die Zahlen in ein paar Monaten auf dem Tisch haben, und dann werden wir das Entsprechende unternehmen. Es hilft gar nichts, immerzu auf die Zahlen zu gucken wie das Kaninchen auf die Schlange.

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Kann die Kirche denn trotzdem flächendeckend präsent bleiben, auch im weiten Brandenburg?
Das muss sie sogar, davon bin ich überzeugt. Ich glaube allerdings, dass wir in der Coronazeit gemerkt haben, was regionale Zusammenarbeit bedeuten kann: Nicht jede Kirchengemeinde muss ihren Gottesdienst streamen und ins Internet stellen. Da können sich gut mehrere Gemeinden zusammentun, um solche besonderen Formen zu gestalten.

Da kann ich noch viel mehr nach dem Prinzip der gegenseitigen Ergänzung arbeiten und muss mich noch viel weniger unter den Zwang des „Alle müssen alles anbieten“ stellen. Davon können wir als Kirche wirklich Abschied nehmen.

Was macht Corona denn im Blick auf die Gesellschaft?
Ich finde, dass das eine ganz spannende Frage ist: Wie wird uns dieses Virus eigentlich verändern? Wie wird es uns verändern, dass wir mit guten Gründen sagen: Abstand ist zurzeit die richtige Form der Nähe. Keine Hand mehr geben. Social Distancing einüben. Da wird in der leiblichen, körperlichen Begegnung jeder plötzlich auf sich zurückgeworfen.

Hier werden die Kirchen sehr gefordert sein, dafür zu werben, dass es in dieser Abstandsform auch um Nähe, um Kommunikation und um das Füreinanderdasein geht. Und dass es nicht um eine Verstärkung der Singularisierung und des „Jeder ist sich selbst der Nächste“ geht.

Dass man einander die Hände reicht, ist ja in unserer Kultur eine wichtige Geste. Wenn man Verträge schließt, gibt es oftmals einen Handschlag. Und auch in der Kirche reicht man einander oft die Hände. Wie soll das künftig ohne gehen?
Zuerst einmal hoffe ich, dass solche Gesten absehbar wieder möglich werden. Ich beobachte das auch bei mir selber: Auf jede Form des Handgebens zu verzichten, ist wirklich nicht einfach. Da werden wir andere Formen finden müssen, da können wir auch von anderen Kulturen lernen. Im Gottesdienst reicht man sich die Hände ja zum Friedensgruß. Vielleicht werden wir da künftig eine Andeutung einer Verbeugung machen – das darf ruhig auch eine extra Form in der Gestaltung bekommen.

Zum Abschluss noch eine ganz andere Frage: Die Potsdamer Generalsuperintendentin Heilgard Asmus geht ja in diesem Jahr in den Ruhestand. Dort sollte ja eigentlich im Frühjahr eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger gewählt werden ...
Wir sind da noch auf der Suche. Ich denke, dass wir bald eine gewisse Zahl von Kandidaten präsentieren können – und dass nach der Sommerpause dann die Wahl eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin stattfinden kann.

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