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Bonner Ministerin mit Berliner Vergangenheit: Elisabeth Schwarzhaupt warnte eindringlich vor der Frauenfeindlichkeit der Nazis
1961 schrieb Elisabeth Schwarzhaupt als erste Frau in einem Adenauer-Kabinett Geschichte. In der Nazi-Zeit ging sie in den Widerstand. Eine Würdigung einer vielfachen Pionierin.
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Ihre Berufe wurden im Telefonbuch abgekürzt. Erst „Ger.-Assess.“, dann „Kons.-Rätin“: So stand sie im „Amtlichen Fernsprechbuch für den Bezirk der Reichspostdirektion Berlin“. Akademischer Titel und Name folgten: „Dr. Elisabeth Schwarzhaupt.“
Für eine Frau in den 30er- und 40er-Jahren waren ihre Berufe ungewöhnlich. Erst Gerichtsassessorin, dann Konsistorialrätin, also: Richterin auf Probe für den Staat und Referatsleiterin für die Evangelische Kirche.
Der Eintrag als Gerichtsassessorin war auch die Reaktion auf einen erzwungenen Rückschritt. 1932 war sie Vertretungsrichterin in Dortmund geworden. Die Nazis aber hatten sie im folgenden Jahr aus dem Justizdienst verstoßen. Schwarzhaupt blieb unbeugsam. Sie wusste ihr Leben lang immer neue Widerstände zu überwinden.
Eine Pionierin: Erste Bundesministerin
Emma Sophie Elisabeth Schwarzhaupt wurde am 7. Januar 1901 in Frankfurt am Main geboren, an diesem Mittwoch vor 125 Jahren. Ihr Name steht für einen Wendepunkt der Zeitgeschichte. Sie wurde im November 1961 zur Bundesministerin ernannt – als erste Frau.
Konrad Adenauer sperrte sich lange gegen eine Frau in der Regierung. Der Bundeskanzler soll noch 1961 gesagt haben: „Ich kann doch nicht mit einem Kühlschrank zusammenarbeiten.“ Die Sturheit des Patriarchen war am Ende vergeblich.
Neu war eine Frau im Bundeskabinett. Neu war ihr Amt in der Politik. „Gesundheitswesen“ lautete die Bezeichnung ihres Ressorts. Schwarzhaupt baute es auf, bewies Tatkraft, bewies Geduld. Sie bewährte sich vielfach, gleich zu Beginn in der Aufarbeitung des Contergan-Skandals (1961/62). Sie wurde in der Politik eine Pionierin – ebenso wie zuvor in der Kirche.
Warnung vor den Nazis – und Widerstand
Der Protestantismus war wegweisend seit jungen Jahren. Zielstrebigkeit lag ihr im Blut. 1920 legte sie das Abitur ab. Die Ausbildung zur Lehrerin folgte – und 1921 nach dem Abschluss die Weigerung gegenüber dem Vater, als Lehrerin zu arbeiten. Richterin wollte sie werden. Der Vater unterstützte sie ab 1921 im Jura-Studium. 1930 schloss sie es ab.
1932 bewies sie besondere Weitsicht. Die Gefahr durch die Nazis nahm zu. Schwarzhaupt warnte vor deren Frauenfeindlichkeit, schrieb einen entsprechenden Traktat und fragte im Titel: „Was hat die deutsche Frau vom Nationalsozialismus zu erwarten?“ Die Schrift wurde ihr bekanntestes Werk.
Ihre Warnung war deutlich: „Wir alle wollen nicht vergessen, daß die heutige Stellung der Frau als gleichberechtigte Staatsbürgerin ihre tiefen, wirtschaftlichen und geistigen Grundlagen hat, daß ein Versuch, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, nachdem sich die wirtschaftlichen und die psychologischen Verhältnisse geändert haben, unendlich viel Enttäuschung, seelische und wirtschaftliche Not für viele Frauen bedeuten wird.“ Schwarzhaupt sollte Recht behalten. Sie erlebte es selbst. Die Nazis entfernten sie im Mai 1933 zwangsweise aus dem Justizdienst.
Sie gab nicht auf, arbeitete ab 1933 an einer Doktorarbeit über „Fremdwährungsklauseln im deutschen Schuldrecht“, schloss diese 1935 ab. Jahre vielfacher Schwermut: Ihr Verlobter, ein jüdischer Arzt, flüchtete 1933 vor den Nazis in die Schweiz. Sie blieb im Deutschen Reich. Die Beziehung endete 1936. Schwarzhaupt heiratete nie.
1936 ging sie nach Berlin – für die damalige „Deutsche Evangelische Kirche“ (DEK). Sie wurde juristische „Hilfsarbeiterin“ in der Kirchenkanzlei, Adresse: Marchstraße 2 in Charlottenburg. Bald stieg sie zur leitenden Kraft auf. Schwarzhaupt wurde 1939 zur Konsistorialrätin bzw. 1944 zur Oberkonsistorialrätin ernannt – auch damals schon als erste Frau. Sie nutzte ihren Dienst auch zur Hilfe für verfolgte Vikarinnen und Vikare. Schwarzhaupt gehörte zur „Bekennenden Kirche“, die sich den Nazis widersetzte. Gewissensbisse jedoch blieben. Sie verzieh sich nie, ihre Stellung nicht zu noch schärferem Widerstand gegen das NS-Regime genutzt zu haben.
Aus der Kirche in die Politik
Ihr Weg führte 1945 zurück nach Frankfurt am Main. Die Verbundenheit zur Kirche blieb. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) entstand, ein Neubeginn nach der NS-Zeit. Schwarzhaupt gründete für die EKD die Jugend- und Frauenarbeit in ihrer Heimat. Sie gestaltete zudem die Grundordnung der EKD mit: Aufbauarbeit schon damals.
1953 ging sie in die Politik. Schwarzhaupt trat in die CDU ein. Sie kandidierte bei der Bundestagswahl für den Wahlkreis Wiesbaden, wurde Bundestagsabgeordnete. Die Amtszeit als Bundesgesundheitsministerin endete 1966, dem Parlament gehörte sie bis 1969 an.

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1965 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet – als erste Frau mit der Ordensklasse „Großkreuz“.
Wilmersdorfer Wohnorte: Leerstellen der Erinnerung
Schwarzhaupt starb 1986. Das Gedenken ist geblieben, insbesondere durch ihr Ehrengrab in Frankfurt am Main. Ihre Geburtsstadt würdigt sie zudem mit einer Grünanlange, die ihren Namen bekam. In Bonn, München und Mainz gibt es nach ihr benannte Straßen.
Ihr Lebensweg wurde immer wieder neu erforscht. Ihre Wohnorte in Berlin blieben dabei unerwähnt. Schwarzhaupt lebte im Stadtteil Wilmersdorf im Bechstedter Weg 18 (1936 bis 1940) und in der Rudolstädter Straße 24 (1940 bis 1944). Die Häuser lagen nahe den Ringbahn-Gleisen, etwa 700 Meter voneinander entfernt. Die Adressen befinden sich noch heute zwischen den S-Bahnhöfen Hohenzollerndamm und Heidelberger Platz an der Grenze zu Schmargendorf. Die letzte Zeit in Berlin lebte Schwarzhaupt ausgebombt bei Verwandten im Ortsteil Schlachtensee.
2026: Jahrestage in mehrfacher Hinsicht
Berlin gedenkt dieser so bedeutenden Frau durch den Elisabeth-Schwarzhaupt-Platz in Mitte. Das Areal am Nordbahnhof wurde im November 2006 nach ihr benannt. An ihren einstigen Wohnorten aber ist Schwarzhaupt unsichtbar geblieben. Nichts erinnert im Bechstedter Weg 18 und in der Rudolstädter Straße 24 an sie.

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Das Jahr 2026 bietet mehr als einen Anlass, diese Leerstellen im Gedenken zu schließen: Der 29. Oktober wird der 40. Jahrestag ihres Sterbedatums sein. Der 14. November wird der 65. Jahrestag ihrer Vereidigung als Bundesministerin sein.
Schwarzhaupt sagte über ihre Zeit im Bundeskabinett: „Sicher war es ein Erfolg, was die Frauen angeht, dass wir zunächst durch meine Ministerschaft gewissermaßen den Fuß in eine bisher verschlossene Tür gesetzt haben.“
Sie beschritt, gestaltete und ebnete neue Wege – immer wieder. Schwarzhaupt sollte deshalb auch an bislang leeren Hausmauern sichtbar werden – unbedingt. Politik und Kirche sei geraten, die Initiative für zwei Gedenktafeln zu ergreifen, jeweils an den einstigen Wilmersdorfer Wohnorten. Das Jahr ist jung und für diese Aufgabe lang genug.
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