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Corona-Ausbruch in Berliner Seniorenwohnhaus : 22 Infizierte, ein Toter – und Desinfektionsmittel aus Nagelstudios

In Lichtenberg wurde eine Senioreneinrichtung wegen eines Corona-Ausbruchs über Nacht geräumt. Mehr als 70 Bewohner kamen in Kliniken. Wie konnte das passieren?

Diese Seniorenwohnanlage im Lichtenberger Ortsteil Fennpfuhl wurde geräumt.
Diese Seniorenwohnanlage im Lichtenberger Ortsteil Fennpfuhl wurde geräumt.Foto: Christoph Soeder/dpa

Nach einem Coronavirus-Ausbruch ist eine komplette Seniorenwohnanlage im Berliner Bezirk Lichtenberg über Nacht geräumt worden. 70 Kräfte von Berliner Feuerwehr und Deutschem Roten Kreuz rückten am Montagabend zu dem Haus im Ortsteil Fennpfuhl aus, um die 73 verbliebenen Bewohner in neun verschiedene Kliniken zu bringen.

Seit Anfang der vergangenen Woche waren bereits acht Senioren ins Krankenhaus eingeliefert worden. Bei 22 Betroffenen konnte bislang das Coronavirus nachgewiesen werden, davon sind sechs an Covid-19 erkrankt. Ein Patient liegt derzeit auf der Intensivstation, einer ist mittlerweile verstorben. Das geht aus einer inzwischen vorliegenden Liste des Gesundheitsamtes hervor; am Morgen war zunächst von 28 Infizierten und 18 Erkrankten die Rede gewesen. Die Senatsgesundheitsverwaltung will nun weitere Anlagen des Betreibers überprüfen und sämtliches Personal testen lassen.

Die Seniorenwohnanlage in der Rudolf-Seiffert-Straße gehört zu einem Verbund von insgesamt sieben Anlagen, davon sechs in Lichtenberg und eine in Pankow. Dabei handelt es sich nicht um stationäre Pflegeheime, sondern um Häuser, in denen die Senioren in individuellen, meist seniorengerecht ausgestatteten Wohnungen leben und wo sie, wenn sie pflegebedürftig sind, von einem ambulanten Pflegedienst oder auch pflegenden Angehörigen betreut werden. Die Häusliche Krankenpflege HKP Chickowsky GmbH hat die ambulante Pflege für die 320 Bewohner der insgesamt sieben Wohnanlagen übernommen.

In dem Haus in Fennpfuhl befinden sich nach Angaben des Betreibers „großzügig gestaltete Ein- und Zweiraumwohnungen mit ca. 35 bis maximal 80 Quadratmetern“. Alle Wohnungen seien mit einer kleinen Küche und behindertengerechtem Bad ausgestattet. „Das Herzstück des Hauses bildet der große Aufenthaltsraum mit Gemeinschaftsküche zum geselligen Beisammensein.“ Der jüngste Bewohner ist 50 Jahre alt, der älteste 101 Jahre.

Der Ausgangspunkt der nun erfolgten Evakuierung sei ein Erkrankungsfall in der vergangenen Woche gewesen, sagte Daniel Heide, Co-Geschäftsführer der Chickowsky GmbH dem Tagesspiegel. Bei einem 84-jährigen Bewohner der jetzt evakuierten Wohnanlage habe sich am 20. April der Gesundheitszustand sehr verschlechtert, so dass man ihn in ein naheliegendes Krankenhaus verlegt habe. Dort sei eine Lungenentzündung festgestellt und deshalb ein Covid-19-Test gemacht worden. Zwei Tage später lag das positive Testergebnis vor. Daraufhin wurden alle 81 Bewohner der Anlage auf das Virus getestet. Bei insgesamt 22 fiel das Ergebnis positiv aus. Der Verstorbene ist der erste Patient vom Montag vergangener Woche.

Pflegedienst: „Es gibt Unbelehrbare, die immer wieder ins Haus kommen“

Die Polizei ermittele jetzt, wie das Virus in die Wohnanlage gelangen konnte, sagte Heide. Die Pflegekräfte hätten Schutzmaßnahmen eingehalten. „Sie waren beispielsweise angewiesen, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, als das noch nicht verpflichtend war.“

Viele stationäre Pflegeheime haben längst ein fast vollständiges Besuchsverbot erlassen. In Seniorenwohnanlagen seien solche Beschränkungen allerdings sehr viel schwerer umsetzbar, erklärte Heide. Deshalb sind sie auch nicht von den Vorschriften der Eindämmungsverordnung des Senats erfasst.

„Natürlich gilt auch in den von uns betreuten Anlagen die Empfehlung, die Bewohner derzeit möglichst nicht zu besuchen“, betonte Heide jedoch. „Die meisten Angehörigen haben dafür auch Verständnis und akzeptieren das. Doch es gibt auch Unbelehrbare, die immer wieder ins Haus kommen.“ Zudem gebe es auch Bewohner, die direkt von ihren Angehörigen gepflegt werden oder wo diese im regelmäßig im Haushalt helfen, Wäsche waschen.

Desinfektionsmittel von Nagelstudios im Don-Xuan-Center aufgekauft

Heides Partner Andreas Chickowsky vermutet, der Ausbruch sei darauf zurückzuführen, dass sich nicht alle Bewohner an die Empfehlung gehalten haben, in der Anlage zu bleiben. „Viele haben sich an die Maßnahmen gehalten, einige nicht“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Bei einigen habe die Einsicht gefehlt. Chickowsky rechnet damit, dass die Patienten erst in 10 bis 14 Tagen zurückkehren können. Außerdem hoffe er, dass die Räume in der Anlage gründlich desinfiziert werden.

An Schutzmaterial habe es nicht gemangelt, sagte Chickowsky. Es sei aber zum Teil auf abenteuerlichen Wegen organisiert worden. So habe ein Kollege beispielsweise Desinfektionsmittel in geschlossenen Nagelstudios im Don-Xuan-Center in Lichtenberg aufgekauft. An die Bewohner der Anlage seien Masken ausgeteilt worden.

Patientenschützer: Betreutes Wohnen besonders anfällig für Infektionen

Patientenschützer sehen in Wohnanlagen ein besonderes Risiko. „Im Gegensatz zu Pflegeheimen gelten diese Appartements als Privatwohnungen. Jedoch leben auch hier auf engstem Raum oft pflegebedürftige Menschen zusammen“, erläuterte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

In der Corona-Krise habe der Ausbruch einer Infektionskette im Betreuten Wohnen die gleichen Folgen wie in einem stationären Pflegeheim. Auch hier kümmerten sich dieselben Altenpflegekräfte um viele Bewohner. „Gesetzlich ist es jedoch nicht möglich, ein Betretungsverbot auszusprechen oder die Heimaufsicht einzuschalten“, sagte Brysch. Praktisch erlebten die Bewohner den gleichen Mangel an Infektionsschutz wie jeder Pflegebedürftige, der zu Hause lebe, jedoch mit der erhöhten Gefahr, Wand an Wand in einer Hochrisiko-Gruppe zu leben.

Ein Drittel der Bewohner leiden an Demenz

Rund ein Drittel der Bewohner in Fennpfuhl seien Demenzerkrankte, bei denen Quarantänemaßnahmen nicht so einfach umgesetzt werden können, sagte Chickowskys Co-Geschäftsführer Heide. „Rechtlich können wir diese Bewohner nicht daran hindern, ihre Wohnungen zu verlassen.“ Um sie gegen ihren Willen einzuschließen, braucht es eine entsprechende Entscheidung des Amtsgerichtes. „Zum Glück arbeiten wir gut mit dem Amtsgericht zusammen und eine solche Entscheidung liegt meistens in weniger als 24 Stunden vor. Aber trotzdem dauert es eben, bis eine vom Gesundheitsamt angeordnete Quarantäne umgesetzt werden kann.“

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Diese Zeitverzögerung sei einer der Hauptgründe, warum man am Nachmittag des 27. April gemeinsam mit dem Gesundheitsamt und der Feuerwehr entschieden habe, alle verbliebenen Bewohner der Anlage umgehend zu evakuieren. Der andere Grund war der „extrem sprunghafte Verlauf der Infektion“, wie es Heide nennt. Deshalb habe man die Evakuierung so schnell wie möglich starten wollen. „Ich bin sehr dankbar für die schnelle und umfassende Hilfe von Gesundheitsamt und Feuerwehr“, sagt Heide.

Feuerwehr: „Sehr viele weitere Menschen mit Symptomen angetroffen“

„Wir hatten in dem Pflegeheim mehrere Einsätze in den vergangenen Tagen“, sagte Feuerwehrsprecher Frederic Finner am Dienstagmorgen dem Tagesspiegel. Am Montag seien im Laufe des Tages drei Patienten mit einem schlechteren Zustand ins Krankenhaus gebracht worden, am Wochenende seien es vier Menschen gewesen.

„Bei der weiteren Alarmierung haben wir ein sogenanntes Erkunderfahrzeug hingeschickt und einen Oberarzt vom Dienst, um die Gesamtsituation unter die Lupe zu nehmen und die Bewohner anzuschauen“, sagte der Feuerwehrsprecher. Zu diesem Zeitpunkt seien die positiven Tests bereits bekannt gewesen. „Da wir sehr viele weitere Menschen mit Symptomen angetroffen haben, mussten wir davon ausgehen, dass mehrere weitere wenn nicht sogar alle infiziert sind“, erläuterte Finner.

Daher habe man die Situation so behandelt, als wären alle Bewohner betroffen – und in Absprache mit der Staatssekretärin für Pflege, Barbara König (SPD), beschlossen, alle verbliebenen 73 Menschen in Krankenhäuser zu bringen, weil man nicht mit Sicherheit habe wissen können, ob die Versorgung vor Ort gewährleistet werden könne.

Die Aktion begann am Montagabend gegen 22 Uhr und sich bis zum Dienstagmorgen um 5 Uhr hin. Die Evakuierung sei nicht einfach gewesen, berichtete Pflegedienst-Geschäftsführer Heide. „Einige Bewohner hatten Angst, andere mussten erst mobilisiert werden, um sie verlegen zu können.“

Die Bewohner seien mit Rettungswagen in mehrere Berliner Krankenhäuser verlegt worden, wo sie unter Quarantäne stehen. Das gelte auch für die 53 Senioren, bei denen das Ergebnis des ersten Screenings negativ war. Alle würden bei der Krankenhausaufnahme getestet und einige Tage später noch einmal. So lange bleiben sie in der Klinik in Quarantäne. Wann die ersten Bewohner in die Wohnanlage zurückkehren können, sei noch nicht klar, sagt Heide. Das entscheide das Gesundheitsamt.

Bisher keine Coronavirus-Fälle in den anderen Wohnanlagen

Auch vier Pflegekräfte des Pflegedienstes seien positiv auf das Virus getestet und unter Quarantäne gestellt worden, sagte Heide. „Es geht ihnen gesundheitlich gut.“ Zudem habe man zwei weitere Verdachtsfälle, die häuslich isoliert seien. Insgesamt habe man 120 Mitarbeiter.

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In den anderen sechs der von seinem Unternehmen betreuten Wohnanlagen gebe es bisher keine bestätigten Infektionsfälle, sagt Heide. Laut der Senatsgesundheitsverwaltung sollen nun auch die Bewohner dieser Wohnanlagen auf das Coronavirus getestet werden.

Ramona Pop fordert Maskenpflicht in Pflegeeinrichtungen

Fatoş Topaç, sozial- und pflegepolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus geht noch weiter. Sie fordert, dass alle Bewohner der Berliner Pflegeheime und von Seniorenwohnanlagen auf das Coronavirus getestet werden. Das betreffe rund 30.000 Menschen. „Dann haben wir einen genauen Überblick und können über individuelle Schutzmaßnahmen gegen das Virus entscheiden.“

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) machte sich am Dienstag für eine Maskenpflicht in Pflegeeinrichtungen nach dem Vorbild Hamburgs stark. Das forderte sie Teilnehmern zufolge in der Senatssitzung. Als Argument führte sie auch den Covid-19-Ausbruch in Lichtenberg an. Er zeige, dass hier Handlungsbedarf bestehe und „dringend“ etwas passieren müsse. Innensenator Andreas Geisel (SPD) kündigte in der Pressekonferenz nach der Sitzung an, der Senat werde am kommenden Dienstag über eine Maskenpflicht in Senioren- und Pflegeheimen beraten.

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In Berliner Seniorenheimen haben sich bislang 186 Bewohner und 98 Mitarbeiter nachweislich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. 38 Bewohner seien an einer Erkrankung gestorben, sagte der Sprecher der Senatsgesundheitsverwaltung, Moritz Quiske. Ihm zufolge sind insgesamt 48 Einrichtungen betroffen. Bereits seit einigen Tagen verhandelt die Verwaltung laut Quiske mit den zuständigen Verbänden über großflächige Tests in Senioren-Einrichtungen auf freiwilliger Basis. (mit dpa)

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