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Supervisor Passenger Arun Seth kümmert sich als Mitarbeiter von Globe Ground Berlin um den Passagierservice - von Gepäckproblemen bis zu Getränkegutscheinen für länger wartende Fluggäste.
© Georg Moritz

Flughafen am Limit: Dank dieser Menschen funktioniert Tegel

Das letzte Flugzeug in Tegel sollte längst gestartet sein, doch dann kam alles anders: Für die 6000 Mitarbeiter am TXL heißt es Durchhalten - ein paar von ihnen haben uns ihre Tricks verraten.

Sie hatten sich schon alle von Tegel verabschiedet – und dann kam bekanntlich doch alles anders. Jetzt lautet die Parole: Durchhalten. Etwa 6000 Menschen arbeiten am Flughafen Tegel. Sie achten darauf, dass Berlins am stärksten genutzter Airport funktioniert – bis 2014 oder 2015 oder noch länger. Wann der BER eröffnet wird, ist unklar. Und so müssen die Arbeiter in Tegel oft improvisieren, weil es einfach sehr eng ist und die Technik alt. Aber sie halten durch. Tag für Tag.

Arun Seth, Supervisor Passenger

Sein Herz schlägt für die Passagiere. Arun Seth erzählt engagiert von seinen vielen Jobs als „Supervisor Passenger“ bei Globe Ground Berlin. Bei Verspätungen kümmert sich der 43-Jährige rasch um Getränkegutscheine, bei Gepäckproblemen eilt er zu den Bändern und Rampen. Vor allem die Koffer von Transitreisenden, deren Maschinen verspätet landen, halten ihn zur Zeit auf Trab. Ist der Anschlussjet schon weg, muss das Gepäck in den Bauch des nachfolgenden Fliegers geschafft werden, den auch seine Besitzer nehmen. Aber das führt häufig zu Durcheinander wegen der fehlenden digitalen Steuerung.

Und dann nennt Seth noch den Mangel an Parkpositionen. An 44 Plätzen können Passagiermaschinen abgestellt werden. Zu wenige. Müssen Jets jetzt im Winter enteist werden, blockieren sie eine Parkfläche länger. Dies kann dazu führen, dass Flüge von anderswo nach Berlin erst verspätet starten dürfen. Und dann fällt auch in Seths ausgetüftelten Abläufen ein Rädchen aus, muss er den Service „schmerzlich einschränken“ – beispielsweise Check-In-Zeiten anderer Flüge verkürzen, um irgendwie noch alles zu organisieren. Und dennoch ist er voller Optimismus. „Hier am TXL geht’s noch familiär zu, man kennt sich, wir sind aufeinander eingespielt.“ Und das, da ist sich Seth sicher, macht die Crew von Tegel so stark.

Yvonne Wilde, Fluggast-Information

Yvonne Wildes sanfte Stimme hört man bei der Fluggast-Info.
Yvonne Wildes sanfte Stimme hört man bei der Fluggast-Info.
© Georg Moritz

Freitag, 8.15 Uhr, in der Haupthalle von Tegel. „Letzter Aufruf Air Berlin 6557 nach Frankfurt/Main“ tönt es aus den Boxen. Wie weichgespült wirkt diese Stimme, erst am Schluss wird sie energischer, klingt drängend. „Bitte bemühen Sie sich umgehend zu Flugsteig A4.“ Die Stimme gehört Yvonne Wilde. Die 35-Jährige ist „Servicekauffrau Luftverkehr“ und arbeitet seit 2006 für die Fluggastinformation. Sie sitzt gerade am Mikrofon in einem Studio oberhalb der Halle. Die Tonlage ihrer Durchsagen hat sie trainiert, hier oben im geschützten Raum ist das Routine. Doch im Wechsel mit ihren Kolleginnen muss die Frau auch runter in die Halle und dort so manchen Unmut abfangen – als Servicekraft am Schalter der Airport-Information, adrett im blau-grauen Jacket, der Farbe der Flughafengesellschaft.

Dort stauen sich bei Hochbetrieb, bei Flugausfällen und Verspätungen oft die Fluggäste. Sie flüchten vor den noch längeren Schlangen an der Schaltern der großen Fluggesellschaften und erhoffen sich nun Hilfe beim Team der allgemeinen Airport-Info. Es reiche eben alles schon längst nicht mehr aus für die gewaltig gestiegenen Passagierzahlen, sagt Yvonne Wilde. Zu wenige Airline-Schalter, zu viel Gedränge, in dem mancher rasch die Orientierung verliert. Wilde weist den Weg zu Gates, EC-Automaten, dem Fundbüro, bringt Menschen mit Durchsagen zusammen, die sich verloren haben.

Und das alles macht ihr Spaß. „Wer so lange hier arbeitet, sieht den Leuten schon ihre Wünsche an“, sagt sie. Außerdem wüssten viele Gäste von den Problemen in Tegel. „Die sind dann schon langmütig.“ Mit ihrer Kollegin Anne Dörrwand hat sie für dieses Gespräch ein paar griffige Sätze aufgeschrieben. „Wir rocken Tegel auch weiterhin“, heißt es da. Und: „Geht nicht, gibt’s bei uns nicht.“ Wenn der BER irgendwann eröffnet wird, hat auch Wilde mit dem ersten Start einen Aufstieg in Aussicht: Sie soll dort die Fluggast-Information leiten.

Jyrki Kröning, Duty-Traffic-Manager

Duty-Manager Jyrki Kröning kümmert sich um den reibungslosen Ablauf der Air-Berlin-Flüge.
Duty-Manager Jyrki Kröning kümmert sich um den reibungslosen Ablauf der Air-Berlin-Flüge.
© Georg Moritz

Seit 1986 hat er in Tegel in verschiedenen Jobs gearbeitet, und „immer sehr gerne“, sagt Duty-Traffic-Manager Jyrki Kröning von Air Berlin. Aber dieses Kapitel ist für ihn emotional vorbei seit der abgesagten BER-Eröffnung im Juni 2012. Inzwischen sagt er: „Je früher der BER kommt, desto besser.“ Denn er und seine Kollegen erledigen Aufgaben, „die in Tegel immer anstrengender werden“.

Was bedeutet Duty-Traffic-Manager? Es heißt Verantwortung zu tragen beispielsweise für den reibungslosen Ablauf der 75 bis 125 täglichen Starts seiner Airline in Tegel. Dazu arbeitete der 48-Jährige im Airport Control Center (ACC), wo auch die meisten anderen Airlines und anderen Institutionen des Flughafens vertreten sind. „Es ist unser schnelles Info-Karussell, hier tauschen wir uns ständig aus“, sagt Kröning.

Das war zum Beispiel in der vergangenen Woche dringend nötig, nachdem die Flughäfen Wien und München wegen des Wintereinbruchs geschlossen wurden. Rund 1200 Air-Berlin-Gäste, die nach Berlin wollten, saßen dort fest. Kröning rotierte, organisierte für sie mit seinem Team einen außerplanmäßigen Flug am nächsten Morgen nach Tegel. In Atem hielt ihn auch der „Miami-Jet“. Diese Maschine aus den USA hatte am Freitag 45 Minuten Verspätung. Das Problem: Es saßen 170 Gäste darin, die in Berlin zu skandinavischen Zielen umsteigen wollten. Also prüfte Kröning, ob die Anschlussmaschinen noch warten konnten, und organisierte zugleich mehr Personal für die Gepäckabfertigung, damit das Umladen rascher ging. Denn an Tegels Bändern wird noch fast alles manuell erledigt, also ohne computergesteuerte Erfassung und maschinelle Hilfen.

Um auf all dies vorbereitet zu sein, muss sich der Manager mit der dunkelblauen Air-Berlin-Jacke ständig „auf dem neuesten Stand“ halten, muss wissen, was in Tegel und weltweit Flüge beeinträchtigen könnte – vom Wetter bis zum aktuellen Streik des Sicherheitspersonals am Hamburger Flughafen. Dafür konferiert er schon um 5 Uhr, wenn seine Schicht beginnt, mit vielen Air-Berlin-Partner: mit Vertretern von „Globe Ground“, die in Tegel den Gepäcktransport und Service am Vorfeld erledigen, mit Meteorologen, Flughäfen.

Air Berlin hatte geplant, den BER zum Luftdrehkreuz für Transitreisende zu entwickeln, die in Berlin nur umsteigen. Dann ging die Eröffnung schief, und nun muss Tegel das Projekt in vollem Umfang verkraften. Was das heißt, zeigt Krönings Statistik: 2010 waren nur 2,8 Prozent der Air-Berlin-Gäste Umsteiger, inzwischen sind es bis zu 32 Prozent, die hier den Jet innerhalb des zugleich ausgeweiteten Streckennetzes wechseln. Mehr Transitverkehr erfordert vor allem zweierlei: eine leistungsstarke Gepäckumladung und Aufenthaltsräume für Umsteiger, in denen sie auf Anschlussflüge warten können, ohne durch die Zoll- und Sicherheitskontrollen zu müssen. Beides liegt in Tegel „im Argen“, erfordert von Kröning Improvisationstalent. Es gibt nur einen Transitwarteraum für etwa 20 Passagiere im Terminal D. Und der reicht nicht mal für die kompliziertesten Fälle aus: für Passagiere aus Nicht-EU-Ländern ohne Einreisevisum in die BRD.

Diese dürfen nicht wie die anderen Umsteiger für einen kurzen Zwischenaufenthalt hinaus auf deutsches Terrain ins Terminal, deshalb lässt sie Kröning mit Bussen übers Vorfeld zum „exterritorialen Warteraum fahren“. Zu Weihnachten war der völlig überfüllt. Also setzte der Manager vorübergehend einen Zusatzraum durch. Und hofft nun auf jüngste Zusagen. Ab Februar soll ein größerer Transitbereich geschaffen werden. „Jeder Tag bringt hier Unvorhergesehenes“, sagt Kröning. Aber Tegel mache keine Bruchlandung. Das liege an den „vielen erfahrenen alten Hasen“, die dort arbeiten. „Eine geballte Kompetenz.“

Martina Puchta, Lufthansa-Check-In

Martina Puckta arbeitet am Lufthansa-Check-In.
Martina Puckta arbeitet am Lufthansa-Check-In.
© Georg Moritz

Ihr Publikum sind die Vielflieger, die First-Class-Reisenden, die sie an einem speziellen Check-In empfängt und in der Lufthansa-Lounge betreut. „Viele dieser Kunden sind hin- und hergerissen zwischen Tegel und dem neuen BER“, sagt die 49-Jährige, zupft sich am gelben Lufthansa-Halstuch und lacht. Wer in der Welt herumkomme, wisse Tegels Vorzug zu schätzen: den Reiz des Flughafens der extrem kurzen Wege. „Wo, bitte sehr, kann man noch mit dem Taxi vors Gate fahren und flugs durch Check-In und Kontrollen den Flieger erreichen?“ Diesem Komfort werden viele am künftigen Großflughafen noch nachtrauern, meint Puchta.

Als sie von der vierten Verschiebung des BER-Eröffnungstermins hörte, war sie fassungslos, aber Frust empfindet sie nicht. Eine Weile arrangiert sie sich noch gerne mit Tegel, zumal sie in der Nähe in Falkensee wohnt. Nach Schönefeld verlängert sich ihr Anfahrtsweg erheblich. Doch andererseits ist auch Puchta mit den vielen Unzulänglichkeiten eines Airports konfrontiert, der lange Zeit auf Verschleiß gefahren wurde. Bei ihr klagen die Gäste über defekte Rolltreppen, über die Enge vor den Gates, wo sich die Menschen bei Verspätungen „manchmal stapeln“. Seit 22 Jahren arbeitet die Reiseverkehrskauffrau am „TXL“, aber einen solchen Andrang wie derzeit hat sie noch selten erlebt. Das hängt auch mit dem ausgeweiteten Streckennetz ihrer Airline zusammen. Bis zu 50 neue Ziele wollte die Lufthansa vom BER aus anfliegen. Nun muss Tegel auch diese Last bewältigen.

Geschichte des Flughafen Tegel

Das sechseckige Terminal des Flughafens Tegel „Otto Lilienthal“ wurde 1974 eröffnet; es entstand am Rand der Jungfernheide. Damals war es für jährlich sechs Millionen Passagiere ausgelegt. 2012 bewältigte Tegel rund 18 Millionen Passagiere bei 170 000 Starts und Landungen. Gegenüber 2011 stiegen die Passagierzahlen vor allem durch die ausgeweiteten Streckennetze von Air Berlin und Lufthansa um 7,4 Prozent. Hält der Trend an, wird Tegel bald statt Düsseldorf drittgrößter Airport Deutschlands. Auf Berlins zweitem Flughafen Schönefeld wurden dagegen im vorigen Jahr nur sieben Millionen Fluggäste gezählt. Um den Ansturm zu bewältigen, wurde Tegel seit 1992 um- und ausgebaut. Als größte Erweiterung kam 2007 das Terminal C hinzu.

Um die vielen im Laufe der Jahrzehnte entstandenen Unzulänglichkeiten wenigstens provisorisch bis zur Eröffnung des Großflughafens aufzufangen, wollen Senat und Flughafengesellschaft den Airport mit einer „zweistelligen Millionensumme ertüchtigen“, wie es offiziell heißt. Zwei Maßnahmen stehen schon fest: Der Flughafen soll eine leistungsfähigere Gepäckanlage erhalten. Und es soll mehr Personal eingestellt werden.

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