„Das Sinnbild für eine europäische Stadt“ : Wie die EU in Berlin für sich wirbt

Eine aufwendige Ausstellung in Berlin soll zeigen, „dass die EU für die Bürger vor Ort da ist“. Ein Besuch.

Virtuelle Brüssel-Reise. Besucher können im Europäischen Haus mithilfe interaktiver Brillen das Europäische Parlament inspizieren.
Virtuelle Brüssel-Reise. Besucher können im Europäischen Haus mithilfe interaktiver Brillen das Europäische Parlament inspizieren.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Europa erstrahlt in leuchtenden Farben. In der Ausstellung „Erlebnis Europa“ zeigt eine große Karte den gesamten Kontinent. Sie ist umgeben von Bildschirmen, die Porträtfotos von Menschen aus verschiedenen Ländern zeigen. An Touchscreens können Besucher mehr über diese Europäer und ihre Heimat erfahren.

„Kann ich Ihnen helfen?“, steht am geschwungenen Servicetresen, dahinter lächeln freundliche Gesichter. Das Design erinnert eher an den Showroom eines Tech-Konzerns als ans Informationsbüro der Europäischen Union. Doch genau das ist es.

Hannes Lauter führt Besuchergruppen durch die Räume. Der „begeisterte Europäer“, wie er sich selbst beschreibt, hat European Studies studiert. Seine Mutter ist Schottin. Auch weil er zweisprachig aufgewachsen sei, fühle er sich der „europäischen Idee“ verbunden.

Doch heute gäbe es viele Europaskeptiker, sagt er. Daher sei es besonders wichtig, den Bürgern die EU näher zu bringen. Die Besucher hätten viele Fragen zum Beispiel zu aktuellen Themen wie Brexit oder der Wahl zum Europäischen Parlament, die in Deutschland am 26. Mai stattfindet.

„Hier werden vormittags Rollenspiele durchgeführt“

Die Ausstellung zeigt seiner Ansicht nach, „dass die EU für die Bürger vor Ort da ist“. Das größte Element ist ein 360-Grad-Kino. Filme auf großen Videowänden erklären die Arbeit des EU-Parlaments. An runden Tischen in der Mitte kann man sich ein bisschen wie ein Parlamentarier fühlen.

„Hier werden vormittags Rollenspiele durchgeführt“, erklärt Laila Wold, die für den Aufbau der Ausstellung verantwortlich ist. Schüler nehmen die Rollen fiktiver EU-Parlamentarier, von Kommissionsvertretern oder dem Ministerrat ein und lernen spielerisch die Aufgaben und die Interessen der jeweiligen Institutionen. Dabei müssen sie politische Positionen einnehmen, die oft ihren eigenen widersprechen. Das soll Verständnis für die Diskussionskultur der Demokratie verbessern.

Lehrer André Stein ist mit einer Gruppe von Berufsschülern aus Elmshorn in Berlin. Alle Schüler sind Flüchtlinge, die Deutsch als Fremdsprache lernen. „Europa garantiert unseren Schutz und unsere Rechte“, sagt Stein. An seiner Schule finde gerade eine Projektwoche zur Europawahl statt. Die dreitägige Gruppenreise nach Berlin ist Teil der Projektwoche.

Richard Kühnel (links), Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland, Frank Piplat, Chef des Informationsbüros des Europäischen Parlaments.
Richard Kühnel (links), Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland, Frank Piplat, Chef des Informationsbüros...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Steins Schüler Hasib Amiri kommt aus Afghanistan. Die Ausstellung findet er sehr interessant, sagt er. Aber viele seiner Mitschüler hätten noch Probleme mit der Sprache. Da sei es ein Vorteil, das ein Mitarbeiter Arabisch spricht. Flyer sind in 24 Sprachen angelegt. Ulla Pauli ist mit ihrer Familie aus Köln gekommen. Sie kennt die Ausstellung bereits von einem früheren Berlin-Besuch. In der Hand hält sie einige Broschüren. Ihr Sohn ist gerade 18 Jahre alt geworden und darf bei der Europawahl zum ersten Mal wählen. „Für ihn hole ich hier die Informationsmaterialien“, sagt Pauli.

Bisher haben rund 450.000 Besucher die Dauerausstellung gesehen

„Die Institutionen der EU sind den meisten Bürgern noch zu fern“, sagt Erich Stather nachdenklich. An der Fachhochschule Worms unterrichtet er Austauschstudenten aus EU-Ländern, Afrika, Lateinamerika und dem Nahen Osten. Seine Studenten schätzten an der Union vor allem die Reisefreiheit. Dass sie ohne Grenzkontrollen und mit nur einer Währung in der Tasche reisen könnten, sei für sie der größte Vorteil der EU. Die Arbeit der politischen Institutionen spiele dagegen im Alltag nur eine marginale Rolle. Deshalb brauche es mehr Angebote wie die Ausstellung in Berlin.

Vor drei Jahren, am 12. Mai 2016, wurde die Dauerausstellung „Erlebnis Europa“ im Erdgeschoss des Europäischen Hauses eröffnet. Seitdem haben sich rund 450.000 Besucher in dem Gebäude direkt gegenüber vom Hotel Adlon über die Arbeit der Europäischen Union informiert. In dem Europäischen Haus arbeiten das Verbindungsbüro des Europäischen Parlaments (EP) und die Vertretung der Europäischen Kommission (EK) in Deutschland. Beide Institutionen unterhalten den Anlaufpunkt für europäische Bürger.

Frank Piplat leitet seit 2009 das Verbindungsbüro des EU-Parlaments in Deutschland mit 15 Mitarbeitern. Ein weiteres Büro gibt es in München. Piplat betont die überparteiliche Arbeit des Verbindungsbüros als Teil der Parlamentsverwaltung. „Wir verstehen uns als Bindeglied zwischen Brüssel, Straßburg und der Öffentlichkeit“, sagt Piplat.

Das Büro organisiert Bürgerforen, Townhall-Meetings und ist Ansprechpartner für Medien und Multiplikatoren in Deutschland. Schulen können beim Verbindungsbüro einen Termin für den Besuch im „Erlebnisbüro“ ausmachen. Um vor allem junge Wähler anzusprechen, ist das EU-Parlament sehr aktiv im Social-Media-Bereich, arbeitet mit Influencern zusammen und hat inzwischen fünf Millionen Follower auf Instagram.

„Berlin ist das Sinnbild für eine europäische Stadt"

Das EU-Parlament wirbt auf der Website www.diesmalwaehleich.eu mit der Teilnahme an der Europawahl am 26. Mai. Mehr als 265.000 Europäer haben sich inzwischen auf der Website registriert, in Deutschland sind es rund 32.000. Der Wissenschaftliche Dienst des EU-Parlamentes hat auf der Website www.what-europe-does-for-me.eu/de rund 1800 Kurzdarstellungen aufbereitet, was die EU vor Ort macht, welche inhaltlichen Schwerpunkte und längerfristige Themen sie verfolgt.

Die Wahlbeteiligung betrug bei der Europawahl 2014 in Deutschland 48,1 Prozent – mehr als im EU-Durchschnitt, der bei 42,6 Prozent lag. Richard Kühnel, seit 2014 Leiter der Europäischen Kommission in Deutschland, ist optimistisch, dass in diesem Jahr mehr als 50 Prozent der EU–Bürger zur Wahl gehen. Der Diplomat schaut aus seinem Büro direkt auf die Touristenströme, die zum Brandenburger Tor ziehen. „Berlin ist das Sinnbild für eine europäische Stadt. Das ist auch der Kommission sehr bewusst“, betont der Österreicher.

Die Kommission hat neben Berlin noch in Bonn und München Vertretungen in Deutschland. Und sie unterhält das europaweite Informationsnetzwerk „Europe Direct“ als Schnittstelle zwischen der EU und den Bürgern. Die lokalen Informationszentren heißen EDIC – Europe Direct Information Center. In Berlin sitzt das Center in der Hardenbergstraße 22-24. Bundesweit gibt es inzwischen 49 dieser Info-Zentren.

Kühnel betont seine „Brückenfunktion“ auch in Richtung Brüssel. Er informiere vor Entscheidungen regelmäßig über die deutsche Position. Allerdings sei Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ohnehin „bestens über die Interessen und die Befindlichkeiten von Deutschland in der EU informiert.“ Der Kommissionsvertreter hält viele Kontakte in die Politik, die Wirtschaft, in Verbände und Sozialpartner und trifft in Berlin regelmäßig den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Europa-Senator Klaus Lederer (Linke).

Jährlich ehren das Land Berlin und die Vertretung der Europäischen Kommission mit dem Europapreis „Blauer Bär“ Berliner für ihr beispielhaftes, bürgerschaftliches Europa-Engagement. Aus 14 Vorschlägen muss die Jury den Preisträger auswählen. Am 9. Mai soll der im Roten Rathaus bekannt gegeben werden.
Erlebnis Europa, Unter den Linden 78, täglich 10-18 Uhr, Eintritt frei

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