Der Aufstieg des Udo Walz : Wie der Mensch zur Marke wird

Wie keinem zweiten Berliner Handwerker ist es Udo Walz gelungen, seinen Namen zu Geld zu machen. Wie er das geschafft hat? Unser Autor hat ihn getroffen und nachgefragt.

Seit 50 Jahren im Geschäft: Starfriseur Udo Walz.
Seit 50 Jahren im Geschäft: Starfriseur Udo Walz.Foto: promo

Dies ist die Geschichte von einem faulen Friseurgesellen aus Schwaben, der über ein paar Umwege nach Berlin gelang und auf seinem Weg dorthin zum bekanntesten Friseur der Stadt – nein, des Landes! – aufstieg. Wollte man das Leben des Udo Walz in einem Satz zusammenfassen, wäre das vielleicht ein guter Versuch. Versucht man hingegen zu verstehen, warum Walz so erfolgreich werden konnte, muss man seinen Kunden zuhören.

Genauer noch: Mit ihnen darüber sprechen, welche Distanzen sie zurücklegen, um in den Genuss von Walz’ Dienstleistungen zu kommen. Nehmen wir Doris Behling, die an einem Novembermorgen den Laden des Starfriseurs betritt: Ihre Tochter hat ihr zum 70. Geburtstag den Besuch, besser: die Audienz, bei Walz geschenkt – samt Zugtickets und zwei Hotelnächten in Berlin.

„Wir kommen extra aus Kassel“, sagt Behling, als sie sich Walz nähert. „Meine Weiteste kommt aus Ohio“, entgegnet Walz. „Nein, aus Australien“, ruft eine Mitarbeiterin ihrem Chef vom Tresen aus zu. „Biste sprachlos, ne?“, triumphiert Walz.

Ohne Glamour und Pomp

In Deutschland gibt es viele talentierte Friseure, aber nur einen Udo Walz. Das hat sich mittlerweile bis Ohio, Australien und Kassel herumgesprochen. Warum das so ist? Das weiß Lorenz Pöllmann, der an der Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft zu Markenbildung forscht. Udo Walz stehe für mehr als Haare schneiden, sagt Pöllmann. „Bei ihm sind Persönlichkeit und Marke verschmolzen“, erläutert der Forscher. „Wenn ich Claus Hipp höre, denke ich an Babybrei. Bei Udo Walz denke ich an Udo Walz, den Starfriseur, und eben die roten Teppiche.“

Tatsächlich gibt sich Walz gerne extravagant: Brille, Frisur und Bart sitzen perfekt. Exzentrisch aber zeigt sich der Friseur nur im Detail: Ein Schnürsenkel seiner Wildlederschuhe ist orange, der andere hellblau. Vielleicht ist das Teil seines Erfolgsgeheimnisses, dass er nämlich beides beherrscht: den roten Teppich genauso wie den Biedermann. Denn das ist die andere Geschichte, die es über Udo Walz zu erzählen gibt – eine Geschichte fernab von Glamour und Pomp.

Er erzählt sie, während er sich eine Banane schält: Aufgewachsen ist Walz in Waiblingen, einem bieder-braven Örtchen vor den Toren Stuttgarts. Als 14-Jähriger begann Walz seine Friseurlehre und fiel dabei nicht unbedingt mit glänzenden Leistungen auf. Im Gegenteil: Bei der Gesellenprüfung bekam er die drittschlechteste Bewertung von 600 Kandidaten. „Die anderen haben monatelang denselben Haarschnitt geübt – ich war faul“, erinnert er sich.

Doch Walz ist ein begnadeter Geschichtenerzähler und sein schwäbisches Plappermaul sicherte ihm den ersten Job – trotz miserabler Prüfungsergebnisse. Mit 17 quatschte er sich in einen Salon im Schweizer Edel-Skiressort St. Moritz. „Den Namen Udo fanden sie dort scheiße“, erinnert sich Walz. Also verpassten ihm die Schweizer den Künstlernamen „Monsieur Boris“. Der Trick ging auf: In St. Moritz frisierte er Marlene Dietrich. Sie lud ihn ein, mit ihr abendzuessen, aber er traute sich nicht zu ihr an den Restauranttisch.

Von Geben und Nehmen

Und die Dietrich wurde wenig später auch zum Türöffner für die nächste Karrierestation: 1963 ging er nach Westberlin, um sich vor dem Wehrdienst zu drücken. Ina Sailer, in den 60ern die gefragteste Friseurin der Stadt, stellte ihn ein, weil er Stammfriseur der Schauspielerin gewesen war. Der Dietrich-Bonus allerdings war bald aufgebraucht, erneut stolperte Walz über die eigenen Beine: Sailer feuerte ihn, da er zu oft zu spät gekommen war.

Walz versuchte es nun auf eigene Rechnung – und verschuldete sich mit 75 000 Mark, als er 1968 seinen eigenen Salon in der Charlottenburger Fasanenstraße eröffnete. Der Laden lag im ersten Stock und sah aus wie ein Wohnzimmer. Seine Stammkundinnen nahm er mit. Einmal sprang er für eine erkrankte Kollegin ein und frisierte ein Model für ein Fotoshooting mit dem Starfotografen F.C. Gundlach. Danach wollte Gundlach nur noch mit ihm arbeiten. „Von da an lief es“, sagt er.

Und wie gut es läuft, lässt er die Anwesenden nur zu gerne wissen: „Wann kommt Frau Merkel?“, ruft Walz zum Tresen. Dass sich die Bundeskanzlerin auf seinen Frisierstuhl setzt, ist nicht zuletzt seiner Diskretion geschuldet. „Wenn du über Frau Merkel schreiben willst, musst du dich klug anstellen“, mahnt er, „sie hasst es, wenn ich in den Medien Eigenwerbung mit ihr mache – obwohl jeder weiß, dass sie zu mir geht.“

Es ist ein gegenseitiges Geschäft: Schauspielerinnen, Models und eben auch die Bundeskanzlerin: Sie bekommen einen neuen Haarschnitt von Walz – und gleichzeitig ein Höchstmaß an Diskretion. Einer seiner Mitarbeiter habe mal versucht, Merkel zu fotografieren. „Den habe ich gefeuert“, sagt Walz. Niemals habe er seine prominenten Kundinnen an Paparazzi oder den Boulevard verraten. Dabei ist es nicht so, dass Walz die Medien meidet, im Gegenteil: Was wäre ein Geschichtenerzähler ohne Publikum?

Markenforscher Lorenz Pöllmann.
Markenforscher Lorenz Pöllmann.Foto: HMKW

„Ich bin fernseh- und zeitungsgeil“, gesteht Walz. Der erste große Artikel über ihn erschien 1967 im Boulevardblatt „B.Z.“ Er handelte von einem Friseur, der nach New York hätte gehen können, aber lieber am Kurfürstendamm blieb – genau das war es, was die stolzen Bewohner der Frontstadt lesen wollten. Danach folgten Geschichten in Illustrierten und Auftritte im Fernsehen. Von einer Teilnahme bei „Big Brother“ hätten ihm Freunde abgeraten: Das sei unter seiner Würde. Walz ging trotzdem in den Container, es sei ein „Riesenerfolg“ gewesen, sagt er.

Forscher Pöllmann überrascht das nicht: „Die Show passte perfekt zur Zielgruppe: Wer Big Brother guckt, interessiert sich auch für die Welt der Sternchen – und ihrer Friseure.“ Walz sieht es ähnlich: „Je mehr man vorkommt, desto besser ist es fürs Geschäft“, sagt er. Hätte er als junger Friseur Instagram und Youtube genutzt, wenn die sozialen Medien damals schon verfügbar gewesen wären? „Ja, sicher.“

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