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Eine Simulation des Berliner Stadtschlosses: So wie es hier auf die Planen gedruckt ist, soll es aussehen, wenn es fertig ist.
© AFP

Grundsteinlegung in Berlins Mitte: Der lange Weg zum Stadtschloss

Ob es ohne ihn je so weit gekommen wäre mit dem Humboldtforum? Am morgigen Mittwoch ist dessen Grundsteinlegung. Wilhelm von Boddien steht dafür ein, dass das Gebäude wie früher aussehen wird. Indem er es auf Gerüstplanen malen ließ, landete er seinen größten Coup.

An einem leeren, hoffnungslosen Tag stand ein Hamburger Schüler in der fremden, leeren, hoffnungslosen Mitte einer fremden, leeren, hoffnungslosen Stadt. Er wollte einen Wandzeitungsartikel über diese Mitte schreiben, denn er war der „politische Redakteur“ der Wandzeitung. Aber er fand: nichts.

Der Horror Vacui griff nach dem Jungen und wollte ihn verschlucken. Da fragte er einen der fremden, leeren, hoffnungslosen Menschen, die diese Stadt zu bewohnen schienen und erfuhr: Hier stand einmal das Berliner Schloss, der größte Barockbau nördlich der Alpen, und einer der schönsten dazu. Aber das Letzte sagte der alte Berliner dem Hamburger Schüler nicht mehr. Vielleicht hatte er selber es auch schon vergessen.

„Wohlstand ist, wenn man mit Geld, das man nicht hat, Dinge kauft, die man nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die man nicht mag.“ Das hat nicht der frühere Wandzeitungsredakteur Wilhelm von Boddien gesagt, sondern Alexander von Humboldt. Aber niemand hätte ein größeres semantisches Recht auf diesen Satz, zumal wenn er die Reihe der zu verblüffenden Personen um seine eigene ergänzt. Dass man sich selbst so überraschen kann!

Wilhelm von Boddien ist der Mann zum Schloss. Der Mann vor, hinter, über und neben dem Schloss. Er nicht zuletzt hat mitentschieden, was Journalisten auch „den Kampf um die Mitte Berlins“ nannten. Journalisten haben wenig Neigung zum Dezenten, es ist kein wirklich aristokratischer Berufsstand. Wie sie ihn angetitelt haben: „Anführer der Schlossfälscherbande“, „Berliner Schloss-Amateur“, „peinlichster Berliner“ oder schlicht „das Schlossgespenst“.

In einer Stunde sei er hier fertig!, ruft Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss e.V., mit Blick auf sein Gegenüber ins Telefon, und dann gehe er bis nach ganz oben im Senat. Wilhelm von Boddien sitzt in der Humboldt-Box, dort hat er ein kleines Büro. Was das denn heißen solle, die Polizei lehne es ab, am 16. Juni die Liebknecht-Straße zu sperren? Tausende werden kommen, um den Grundstein des Schlosses anzufassen, da sei er sicher. Ganz sicher. Und die Polizei weigere sich? Aber nicht mit ihm, und nicht am „Tag der offenen Schlossbaustelle“!

Viel eher, morgen schon, wird der Bundespräsident in Abwesenheit des Volkes einen Sandstein des alten Schlosses zum Grundstein des neuen machen. Zuletzt war es Wilhelms Schloss gewesen, bis 1918. Zwei Kriege und eine schwere Bombennacht später war es fünf Jahre lang fast weg. Danach war es 63 Jahre ganz weg, denn die DDR ließ es sprengen im November 1950. Aber ab morgen wächst es wieder: Wilhelms Schloss. Das Schloss des Wilhelm von Boddien, vormaliger Landmaschinenhändler, Insolvenz 2004.

Eigentlich stellt man sich einen früheren Treckerverkäufer und Mähdrescherpropagandisten anders vor. Ein leiser Ruck geht durch den Abkömmling alten mecklenburgischen Landadels, als er das Nicht-mit-mir!-Telefonat beendet. Von Boddien weiß, dass er jeden Augenblick des Jähzorns mit drei Stunden Reue bezahlt. Dann erinnert er sich jedes Mal an seine Großmutter, die in Zeiten bitterster Nachkriegsnot – Vermögen weg, Gut weg, alles weg – mit unfassbarer Würde und Haltung zu ihrem Enkel gesagt hatte: Contenance, mein Lieber! Immer: Contenance! Pflicht! Disziplin! Das prägt.

Boddien meint: Das Schloss ist rattenscharf - genau wie ein Porsche

Haltung, noch in haltlosen Situationen. Er kennt sie gut. Da hilft es auch, alle seine Vornamen einzeln aufzuzählen: Wilhelm Dietrich Gotthard Hans Oskar. So hießen die von Boddiens, die kurz vor seiner Geburt im Krieg gefallen sind. „Ich bin eine lebendige Traueranzeige.“ Will sagen: Der Einzelne ist (nur) Glied einer Kette. Die Familie hatte über die Jahrhunderte hinweg Offiziere hervorgebracht, „blaue Röcke eben“. Blau waren einst die Uniformen der Preußischen Armee.

Bei ihm sind es bloß noch die Streifen im Schlips, gut gewählt zum hellbeigen Anzug. Die meisten feinhart gezogenen Linien der Lebensreife im Gesicht verdankt er wohl den letzten über zwanzig Schloss-Jahren. Keine schlechte Steinmetzarbeit des Lebens! Wer nur genügend lang den Blick auf die schönen Details der in Handarbeit wiederherzustellenden Fassade des Schlosses richtet, die von Boddien aus Spenden finanzieren will, bekommt den Bildhauerblick, auch auf Menschen. Alles an dem Mann scheint gewinnend, wohltemperiert. Contenance! Gewinnt man so Schlachten?

Vor seinem höchstens sieben Quadratmeter großen Humboldt-Box-Büro, kaum geräumiger als das ärmliche Hamburger Nachkriegszimmer, in dem seine Großmutter zur aristokratischen Lebenshaltung aufrief, haben sich zwei riesige gelbe Betonmischer aufgestellt. Das ungewisse Licht einer Schwebe zwischen Tag und Nacht fällt hinein. Das Licht also, in dem von Boddien fast ein Vierteljahrhundert lang ausgeharrt hat.

Er sieht sich als Mann mit dem Besen, gewissermaßen als oberste Reinigungskraft des Volkes, aber nach Art der Könige: „Treppen werden von oben nach unten gefegt“, sagt er gern. Ist selbst die richtige Raumpflege zuletzt eine ziemlich monarchische Angelegenheit? Oder will er nur der Schönheit die Schleppe tragen? Schönheit liege im Gefühl, sie sei nicht rational begründbar, glaubt er.

Wahrscheinlich würden ihm die Haupterbauer des Schlosses Andreas Schlüter und Eosander von Göthe aus ganzem Herzen widersprechen. Wie sehr glaubte doch gerade das Zeitalter des Barock ans Rationale. Aber Boddien bleibt dabei: 85 Prozent Emotion und 15 Prozent Verstand, das ist der Mensch.

„Warum kaufen Männer denn einen Porsche? Weil er so nützlich ist?“ Weil er rattenscharf ist, sagt Boddien. Sinngemäß. Rattenscharf, genau wie das Schloss. Erklärt Boddien, um seine Liebe im nächsten Augenblick doch tief rational zu begründen: „Ich habe mich in seinen goldenen Schnitt verliebt.“ In eine Proportion also, in etwas tief Regelhaftes.

Auch für Wilhelm von Boddien stellte sich irgendwann die große Frage fortschreitenden Lebens: Soll-das-schon-alles-gewesen-sein? Traktoren, Melkanlagen und Mähdrescher? Und der frühere Wandzeitungsredakteur fand statt des großen Nichts in der Mitte von Berlin drei Eremiten in Charlottenburg, die dort – „völlig vereinsamt“ – an der Schlomo arbeiteten. „Die Schlomo war die Schlossmonografie“, erklärt Boddien, „und ich stand als Fan vor den dreien.“ Sie erkannten ihre Chance sofort.

So kam es, dass der Hamburger Landmaschinenverkäufer bald mit geschlossenen Augen durch fast hundert der über tausend Zimmer des Hauses laufen konnte, das er doch nie gesehen hatte. Einschließlich des Weißen Saales, der Gigantentreppe, des Alabastersaals, des Bernsteinzimmers und der Erasmuskapelle?

So leicht, so mühsam wird man Schlosseigentümer!

Denn Eigentum ist – schon nach Karl Marx – nichts anderes als lebendige Aneignung. Vielleicht kannte von Boddien damals auch schon den Gesichtsausdruck aller 48 Adler der Schlossfassade. Keiner gleicht dem anderen. Wie der Mensch. Das ist Realismus! Das ist: Kunst!

Über dem obersten Schlossfassadenverantwortlichen hockt auch so ein schräger Vogel, auf einem Helm. Und der Helm scheint, samt Adler, direkt auf Boddiens Kopf zu sitzen. Es ist ein Wandrelief, die Plastik eines Fassadenteils. Darunter sind zwei gekreuzte Keulen. Lauter Herrschafts- und Kraftsymbolik, natürlich. Steinerne Zitate vom Forum Romanum bis zum Versailler Schloss. Was den König erhöhte, erhöht das nicht im Zweifel auch uns? Und was ihn erniedrigt hätte, erniedrigt das nicht auch uns? In jedem steckt ein König. Auch so lässt sich Demokratie begründen: Nur das Beste! Für alle!

Aber um Adler und Keulen ging es nie, nie zuerst. Es geht um die „Rettung der Stadtgestalt“, erklärten ein Autor und ein Verleger schon Anfang der 90er vor Journalisten auf der leeren Parkplatz-Mitte Berlins. Das Schloss sei der Bezugspunkt von allen Seiten. Zeughaus, Unter den Linden, Marstall, Museumsinsel – alles laufe darauf zu, agitierten Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler. Die Vertreter des gedruckten und gesprochenen und gesendeten Wortes blickten erst auf den asbesthaltigen Palast der Republik, der auch noch, wie sie eben gehört hatten, vollkommen falsch stehe, und dann mit großem Mitleid auf Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler.

Boddien kennt keine Zweifel - obwohl noch Millionen fehlen

Damals erkannte von Boddien seine Berufung. Und zugleich sein Problem. Es ist das aristokratische Lebensproblem schlechthin: Entweder du wirst vorgelassen oder nicht. Er zählte sich zur zweiten Kategorie: „Ich bin nur ein Treckerverkäufer“, erklärte er den anderen, ohne sie laufe er gegen geschlossene Türen.

Und dann öffnete sich – wie auf Schlössern üblich – tatsächlich Flügeltür um Flügeltür. Nichts stieß sie so weit auf wie die Schlossattrappe von 1993/94, dieses Potemkinsche Hohenzollerndorf. Wer nicht hören will, muss sehen! Aber wie? Wilhelm von Boddien hatte in Paris die wunderbare Kirche Saint Madeleine entdeckt. Das heißt: Er konnte sie nicht sehen, denn sie war versteckt hinter Bauplanen, aber auf die Planen war sie gemalt, in Originalgröße. Peinture Monumentale: Catherine Feff, las er und wusste, wen er anrufen würde. „Wenn die Franzosen das preußischste aller Hohenzollernschlösser malen würden. Das wär’s!“

Er rief noch viele an, etwa die Firma Thyssen-Hünnebeck, um ihr mitzuteilen, dass sie die einmalige Gelegenheit habe, das weltgrößte Raumgerüst mitten in Berlin aufzustellen. Und zwar freiwillig. Und zwar ohne Bezahlung. Fast eineinhalb Jahre, 1993/94, stand die Schlossattrappe. Und nicht nur die frühere Bundespräsidentengattin Marianne von Weizsäcker empfand es nachher als eine Art seelischer Grausamkeit, dass sie fortan wieder ohne Schloss leben sollte. Damals hatten die Gegner im Grunde schon verloren.

2002 stimmte der Bundestag mit Zweidrittelmehrheit für das Schloss. Bei Anwesenheitspflicht für alle Abgeordneten und Aufhebung des Fraktionszwanges. Die Vorgabe für den anschließenden Architekturwettbewerb lautete: Drei historische Fassaden müssen wiederhergestellt werden, die zur Spreeseite, zum Alexanderplatz hin, ist freigegeben. Der Italiener Franco Stella gewann, mit einer Eleganz, einer Souveränität des Entwurfs, die sich immer noch in von Boddiens Gesicht spiegelt, sobald sein Name fällt. Wahrscheinlich kann er auch schon blind durch das neue Schloss gehen, durch das künftige „Humboldt-Forum“, das einmal neben Bibliotheken im 1. Stock auch die Dahlemer außereuropäischen Sammlungen beherbergen wird.

Dann ist die gesamte Weltkultur in der Mitte der Stadt fußläufig erreichbar, mit den Humboldts als Bürgen. Alexander: „Wohlstand ist, wenn man mit Geld, das man nicht hat …“ Richtig, da fehlen noch ein paar Millionen.

Rund 600 Millionen Euro soll der Bau kosten, 80 aber allein die historische Fassade, die Boddiens Schlossverein aufbringen will. 26 836 597 Euro hat er schon. Aber ist das nicht, nun ja, zu wenig?

Zu wenig?, ruft Boddien und droht jetzt beinahe die Haupttugend seiner Großmutter einzubüßen. Jetzt, wo gerade mal so viel zu sehen sei wie damals, als er zum ersten Mal auf diesem Platz hier stand, nämlich gar nichts? Die Dresdner Frauenkirche habe zur selben Bauphasenzeit fast aufgeben müssen. Das 17-fache habe man schon, vergleichsweise! Sogar die Kuppel ist schon gespendet, die selbst die preußischen Könige ihrem Schloss lange nicht aufsetzen konnten, und zwar aus Geldmangel.

Wilhelm von Boddien hat die Schlossfassade wie ein Puzzle zerlegen lassen. Jeder kann sich sein Stück vom Schloss kaufen, vom Teilstein oder einem Palmblatt an einer Säule hinten bis zu einer vollständigen Fama, einer Ruhmverkünderin mit Fanfare. Oder er nimmt nur den Halsring einer Säule, der kostet 1390 Euro, ein großer Säulenschaft dagegen 67 800 Euro.

Wollen wir zwei Steine nebeneinander nehmen?, fragt nachher ein Schweizer seinen Berliner Freund, mitten in einer Das-Schloss-gestern-und-morgen-Führung. Es ist eine spontane Idee, so eine Jetzt-kaufen-wir-uns-ein-Stück-von-der- Unsterblichkeit-Idee. Jeder gibt 500 Euro, das reicht für zwei kleine „Vollbausteine“ der Fensterverleibung, Lustgartenseite. Minuten später unterschreiben sie eine Urkunde. Einer hat sein Motiv einmal so formuliert: „Ja, wissen Sie, dann kann ich später noch meinen Enkelkindern zublinzeln, durch die Fassade des Schlosses.“

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