• Der weltexklusive Rückblick auf 2020: Was in Berlin im nächsten Jahr passiert sein wird

Der weltexklusive Rückblick auf 2020 : Was in Berlin im nächsten Jahr passiert sein wird

Der scheidende Regierungschef Müller gibt die Parole des Jahres aus. Der BER wird elf Stunden lang geflutet. Die Pandas bekommen ihre eigene Schwarz-Weiß-Doku.

Acht Tatzen, eine Liebe. Das Besucherinteresse an den Pandazwillingen übertrifft 2020 alle Erwartungen, weiß unser Korrespondent.
Acht Tatzen, eine Liebe. Das Besucherinteresse an den Pandazwillingen übertrifft 2020 alle Erwartungen, weiß unser Korrespondent.Foto: Christoph Soeder / dpa

JANUAR

Das Jahr beginnt mit einer Hiobsbotschaft: Elon Musk sagt den Bau der Tesla-Fabrik ab, nachdem sein Auto auf dem Weg zu einem Ortstermin in Grünheide mit einem Transporter kollidiert ist. Der Unfall verlief glimpflich, aber im Transporter befanden sich Hunderte Fledermäuse und Zauneidechsen, die Umweltschützer auf dem Grundstück der geplanten Fabrik ansiedeln wollten. Ein Gutes hat die Absage: Erstmals seit Jahren sinken die Immobilienpreise, zumindest im Berliner Südosten. Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) erklärt, die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik sei auch ein Stück gelebter Mieterschutz.

FEBRUAR

Kompromiss gefunden. Der Mittelstreifen der Karl-Marx-Allee wird begrünt, das Parken trotzdem erlaubt.
Kompromiss gefunden. Der Mittelstreifen der Karl-Marx-Allee wird begrünt, das Parken trotzdem erlaubt.Simulation: Senat / Freese

Der Koalitionsstreit um die künftige Gestaltung der Karl-Marx-Allee mündet in einen Kompromiss: Die Parkplätze auf dem Mittelstreifen bleiben erhalten, werden aber mit Rollrasen begrünt. Außerdem wird die Höchstparkdauer auf drei Stunden begrenzt. Die CDU geißelt den „grünen Kulturkampf gegen das Grundrecht auf Mobilität“. Überlagert wird die Debatte von der Nachricht, dass auch die westliche Hälfte der Elsenbrücke wegen eines Risses gesperrt werden muss. Das Angebot der Bundeswehr, Treptow und Friedrichshain bis zum voraussichtlichen Neubau der Brücke 2028 mit Pontonfähren zu verbinden, lehnt die Verwaltung ab: Dieselbetriebene Schiffe seien im Jahr 2020 nicht mehr vermittelbar.

MÄRZ

Das Besucherinteresse an den Pandazwillingen übertrifft alle Erwartungen. Vor allem ihre gemeinsamen Rückwärtsgänge mit Mutter Meng Meng verzücken das Publikum. In einer Schwarz-Weiß- Doku des RBB erklärt Bärenkurator Mischa Petz die Marotte mit dem hohen Anteil linksdrehender Säurekulturen in Pandamuttermilch.

Während die Stadt diese These kontrovers diskutiert, erklärt das Verfassungsgericht den Mietendeckel für unzulässig. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) erklärt: „Der Versuch war trotzdem richtig. Wer nicht wagt, der nicht verliert.“ Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) sagt, Neubauten könnten den Anstieg der Mieten dämpfen, dürften aber nur im Einvernehmen mit der gewachsenen Nachbarschaft realisiert werden. Bürgerbeteiligung sei ein hohes Gut.

APRIL

Der Autoindustrieverband VDA gibt den Umzug der Branchenmesse IAA vom Main an die Löcknitz bekannt: Der Standort auf dem als Bauerwartungsland deklarierten Ex-Tesla-Gelände sei wegen der Nähe zu Berlin bei gleichzeitig schlechter Erreichbarkeit aus Kreuzberg ideal. Etwa 60 Arbeitsplätze sollen in Grünheide entstehen, überwiegend für Kulissenbauer. Hier könne man zeigen, dass der Diesel eine Zukunft habe.

Auf der Oberbaumbrücke eröffnet Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) die nochmals verbreiterten Radfahrstreifen. Aus Kostengründen wurden die 2019 aufgebrachten Markierungen erhalten und lediglich durch Fahrrad-Piktogramme auf den 4,45 Meter breiten Spuren in der Fahrbahnmitte ergänzt. Die Autos fahren nun außen. Protest kommt vom Verband der Lieferanten, der beklagt, unter diesen Umständen werde das Halten in zweiter Reihe praktisch unmöglich.

MAI

Das Statistikamt meldet 23 Prozent mehr Einkommensmillionäre in Berlin binnen Jahresfrist. Recherchen der „taz“ ergeben, dass es sich überwiegend um leitende Mitarbeiter von Prüfbüros und Baufirmen handelt, die die Abertausende Mängel am BER deklariert beziehungsweise behoben haben.

Während die Wohnkosten nach der Gerichtsentscheidung zum Mietendeckel wieder steigen, präsentiert der Fachverband Bau eine Studie, wonach allein auf den Parkplatzflächen der stadtweit 3286 Discounter rund 140.000 Wohnungen einschließlich Tiefgaragen entstehen könnten – ohne zusätzliche Flächenversiegelung.

JUNI

Auch schön. Die Hohenzollern ziehen nicht ins Schloss Cecilienhof, sondern nach Doberlug-Kirchhain.
Auch schön. Die Hohenzollern ziehen nicht ins Schloss Cecilienhof, sondern nach Doberlug-Kirchhain.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Adel verzichtet“, schreibt der Tagesspiegel über die Nachricht, dass die Hohenzollern nun doch nicht nach Cecilienhof ziehen. In zähen Verhandlungen konnte die Brandenburger Landesregierung den Nachkommen von Kaiser & Co. das Schloss Doberlug-Kirchhain als Ersatz schmackhaft machen.

Im Berliner Südosten beobachten Naturschützer massiven Insektenschwund. Offenbar werden die Tiere von Zauneidechsen gefressen, die nach dem Unfall im Januar entkommen waren und sich nun massenhaft vermehren. Unterdessen beginnt in Tempelhof im Beisein von CDU-Prominenz die Aufforstung des ehemaligen Flughafens. Die 300 Hektar werden als Ausgleichs- und Ersatzmaßnahme für den Neubau der IAA-Messehallen in Grünheide mit Kiefern bepflanzt.

JULI

Der Sommer-Talk „Deutschland schlafft nicht ab“ mit Heinz Buschkowsky, Thilo Sarrazin und HG Maaßen wird wegen der großen Nachfrage kurzfristig von den Teufelsseeterrassen ins Olympiastadion verlegt. Maaßen twittert, die Resonanz sei ihm „ein innerer Reichsparteitag“. Die neue BVG-Chefin Antje Kapek lässt am Veranstaltungstag Kurzzüge auf der U2 fahren – als Zeichen, dass Populisten in Berlin keinen Platz haben.

Ansonsten döst die Stadt im Sommerloch. Größter Aufreger ist die Geburt von Riesenfaultierzwillingen im Tierpark, deren Mutter jedoch keine Lust hat, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Die Deutsche Wohnen übernimmt die Patenschaft für die Handaufzucht der drolligen Tiere.

AUGUST

Nach wochenlanger Hitze fließt die Spree stärker rückwärts als zuvor – und schwemmt ungeklärte Abwässer aus Spandau bis ins Regierungsviertel. Eine Task Force der Wasserbetriebe findet allerdings heraus, dass der Effekt vor allem aus der Wiederaufnahme des Brauereibetriebs in Friedrichshagen resultiert. Das herbwürzige Bier ist nicht nur in der Kreativszene beliebt: Figurbewusste schätzen die abführende Wirkung des sulfathaltigen Spreewassers.

SEPTEMBER

Der Landesrechnungshof wirft dem Bezirksamt Mitte Verschwendung vor: Es hatte dem Nachbar-Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg für fast 80.000 Euro die Findlinge abgekauft, die nun den Rollrasen in der Karl-Marx-Allee gegen Windböen sichern.

Mit Beginn des neuen Schuljahres hat sich der Platzmangel insbesondere an den gymnasialen Oberstufen verschärft. Die Bildungsverwaltung verspricht eine ebenso kurzfristige wie nachhaltige Lösung. Per Rundschreiben werden die Schulleitungen angewiesen, die Abiturprüfungen für Freiwillige aufs Ende der 11. Klasse vorzuziehen. Schüler, die sich für dieses „Sprinter-Abi“ entscheiden, erhalten pauschal eine um 0,5 nach oben korrigierte Gesamtnote. „Damit werden Berliner Abiturient*innen auch weiterhin zu den Besten im Bundesvergleich gehören“, teilt Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) mit.

Oktober

Planmäßig eröffnet. Im Oktober gehen am BER allerdings erstmal nur die Läden in Betrieb. Denn es muss noch Vegetation entfernt werden.
Planmäßig eröffnet. Im Oktober gehen am BER allerdings erstmal nur die Läden in Betrieb. Denn es muss noch Vegetation entfernt...Foto: Imago/Christian Ditsch

Der BER wird wie angekündigt am 31.10. eröffnet. Allerdings gehen zunächst nur die Läden in Betrieb, da aus den Betonfugen der seit 2011 ungenutzten Südbahn zunächst die Vegetation entfernt werden muss, darunter mehr als zwei Meter hohe Birkenschösslinge. Der an seinem 63. Geburtstag in Pension gegangene Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup erklärt bei einer Dampferfahrt mit Abgeordneten das Malheur damit, dass man sich voll auf die Funktionsfähigkeit des Terminals konzentriert habe. FDP-Chef Sebastian Czaja fordert angesichts der neuen Lage, TXL dauerhaft offenzuhalten. Lütke Daldrups Nachfolger Jens-Holger Kirchner kontert, die Fluggesellschaften hätten sich längst auf den Umzug im 2. Quartal 2021 eingestellt.

NOVEMBER

Friedrichshain-Kreuzberg beschafft nun doch einen eigenen Abschleppwagen. Laut Stadtrat Florian Schmidt (Grüne) seien im Bezirksetat kurzfristig Mittel von fast 80.000 Euro freigeworden. Würden die nicht bis Jahresende ausgegeben, drohe die Rückzahlung.

Am BER muss ein Teil des Hauptterminals nach einem Wasserschaden renoviert werden: Ein rauchender Kunde hatte die Sprinkleranlage ausgelöst. Erst nach elf Stunden war es der Flughafengesellschaft gelungen, einen Ingenieur mit Administratorrechten für den Stopp der Löschwassersteuerung zu erreichen.

DEZEMBER

Die Verkehrsverwaltung kauft dem Bezirk Mitte die Findlinge für 120.000 Euro ab. Sie werden benötigt, um das Chaos am Flughafen TXL unter Kontrolle zu bringen, das dort seit der Einstellung des Busverkehrs am 31.10. herrscht. Der Rollrasen in der Karl-Marx-Allee wird nun durch ausgemusterte U-Bahn-Waggons gesichert, die BVG-Chefin Kapek dem Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) als Dauerleihgabe überlässt. Die angeblich irreparablen Waggons sollen als urbane Begegnungsräume zum interkulturellen Austausch, aber auch zum Innehalten und Nachdenken über sexuelle Identität genutzt werden. Ein Antrag der CDU, die Waggons doch zu reparieren, findet keine Mehrheit.

Die Neubauoffensive auf den Discounter-Parkplätzen kommt voran, nachdem Lidl dem Land seine Grundstücke im Paket für insgesamt 13,5 Milliarden Euro verkauft hat. Das Geld sei gut angelegt, heißt es bei der SPD. Die Marktentwicklung habe gezeigt, dass zunächst günstige Wohnungen beim Weiterverkauf 20 Jahre später zehn Mal so viel wert sein könnten. Dieses Geschäft müsse man nicht auf ewig den gewinnorientierten Wohnungsbauunternehmen überlassen, sagt der Regierende Bürgermeister Michael Müller in seiner Weihnachtsansprache. Es ist seine letzte in diesem Amt: Nachdem Franziska Giffey ihre Spitzenkandidatur abgesagt hat, startet die SPD mit Kevin Kühnert ins Wahljahr 2021. Ein Landesparteitag hatte den Juso-Chef mit großer Mehrheit nominiert.

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