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Was uns antreibt: Die ganze Wahrheit beschreiben, nicht die absolute

Seit seiner Gründung vor 75 Jahren ist der Tagesspiegel der Wahrheit verpflichtet. Das ist heute wichtiger denn je – weil das Virus des Misstrauens grassiert.

Im Dienst der Wahrheit – das sind große Worte für eine Redaktion. Seit 75 Jahren geleiten sie – ungeschrieben – den Tagesspiegel, auf Papier, im Internet und in seinen zahlreichen Newslettern. Doch noch nie in seiner Geschichte war dieser Leitsatz so zukunftsträchtig wie heute. Denn ausgerechnet im Jubiläumsjahr wird das Fundament jeder Kommunikation infrage gestellt, als sei es ein Konzept von gestern: das gemeinsame Verständnis von Wahrheit selbst.

Etwas ist ins Rutschen geraten. Das Jahr 2020 fühlt sich an wie die Renaissance der Relativisten: Je nach Lager werden die Bedingungen unserer Wirklichkeit anders definiert. Alles und jedes wird bestritten, ganz vorneweg die Erkenntnisse der Wissenschaft, der Medizin – und natürlich die von Journalisten. Es ist, als gerate jede Absicht – auch die gute – unter Manipulationsverdacht.

Nie war es deshalb wichtiger, dem hehren Anspruch gerecht zu werden. Nie lag mehr Zukunft darin, Fakten und Fiktion zu trennen. Und nie war es wichtiger für Redaktionen, sich um das Vertrauen ihrer Leserinnen und Leser zu bemühen. Mit sauberer Recherche, klarer Sprache und einem sehr offenen Ohr für Kritik und Anregungen.

Journalisten erwerben kein Vertrauen, wenn sie von der Kanzel predigen. Was Philosophen in Jahrhunderten nicht gelungen ist, werden sie nicht vollenden: dem Grund des Seins auf die Spur zu kommen. Und damit den Sinn der Welt zu definieren. Das allein nur zu versuchen, wäre vermessen. Journalismus ist keine Philosophie, keine Wissenschaft und keine Kunst, sondern vielmehr ein Handwerk. Das Handwerk der Aufklärung über das, was unmittelbar ist. Es ist eine beständige Annäherung an das, was in diesem Moment geschieht, was uns gerade beschäftigt. Dem Tagesspiegel geht es niemals um die absolute Wahrheit, wohl aber um die ganze Wahrheit.

Skepsis und Zweifel, aber keine Ignoranz

Nach etlichen Monaten des Kampfes mit einer neuartigen Bedrohung müssen wir konstatieren: Viel gefährlicher als das Coronavirus ist für die Zukunft das Virus des Misstrauens. Vertrauen aber ergibt sich auf Dauer nur, wenn man sich aufeinander verlassen kann, vor allem die Leser auf ihre Redaktion: Erzählt sie mir wirklich die ganze Wahrheit? Genau das wollen wir tun. Skepsis und Zweifel gehören dazu, nicht aber Ignoranz.

Aufklärung ist heute viel mehr ein Prozess als früher. Die ersten Meldungen über ein Ereignis sind oft vage, sie kommen aus Livekanälen, über das Internet oder über Twitter von den Akteuren selbst. So verbreiten sich Informationen schneller, aber eben auch bruchstückhafter, auch auf den digitalen Seiten des Tagesspiegels.

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Umso mehr kommt es darauf an, etwas zu tun, was früher in der Branche unüblich war: deutlich zu machen, was wir nicht wissen. Nichts ist gefährlicher für das Vertrauen, als Gewissheit vorzutäuschen, wenn keine Gewissheit da ist. In einer Welt der Gerüchte, der Schnellschüsse und verfrühteren Mutmaßungen ist es umso wichtiger, erst dann zu analysieren und zu kommentieren, wenn klar ist, was wirklich ist. Es ist die Kunst der Zurückhaltung, die eine gute Redaktion von einer Gerüchteschleuder unterscheidet.

Verlässlich sein, ohne Bequemlichkeit zu versprechen

Vertrauen in eine Redaktion kann verloren gehen: durch die wiederholte Erfahrung, falsch informiert worden zu sein. Oder durch die persönliche Enttäuschung, von seiner Redaktion nicht in der eigenen Haltung bestätigt zu werden. An Ersterem arbeiten wir, die Redaktion des Tagesspiegels, Tag für Tag. Es ist unser Anspruch, den Dingen auf den Grund zu gehen – wie es das lateinische Motto im Tagesspiegel-Logo vorgibt: „rerum cognoscere causas“. Darauf sollen Sie sich verlassen können.

Dass uns das immer wieder gelingt, zeigt Ihr Zuspruch: Noch nie hatte der Tagesspiegel so viele Leserinnen und Leser wie heute, bei der gedruckten Ausgabe und ihrem digitalen Pendant, dem E-Paper, bei den Online-Angeboten, den Newslettern. Ihnen zu dienen ist ein großes Privileg.

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Was wir Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern, indes nicht versprechen können, dennoch um Vertrauen bittend: dass wir es Ihnen bequem machen, dass wir Sie täglich in dem bestätigen, was Sie über die Welt denken – ob es gut, böse, richtig oder falsch ist. Der Tagesspiegel ist kein soziales Netzwerk, das der Selbstbestätigung dient. Seine Aufgabe ist es nicht, Bequemlichkeit im Denken zu fördern.

Neugier ist der Kern von gutem Journalismus

Zuweilen ist es wichtig, sich auf alte Grundsätze zu besinnen, gerade wenn es um die Zukunft geht. Dies ist so einer: Verschwende niemals eine Krise, denn in ihr liegen immer auch Chancen. Dieses Land hat alle Chancen für eine gute Zukunft. Am Anfang von Zukunft steht allerdings Wissen – und noch davor die Neugier.

Das ist der Kern von gutem Journalismus: Neugier auf die Welt, Neugier auf die Wahrheit, Neugier auf wohlfundierte Meinungen, auch und gerade, wenn sie den eigenen zuwiderlaufen. Damit wollen wir Sie mehr denn je anstecken und das ist auch unsere Zukunftschance. Wenn wir es schaffen, tagtäglich Ihre Neugier auf diese Welt zu wecken, sind wir schon ziemlich zufrieden.

[Mathias Müller von Blumencron war Chefredakteur beim „Spiegel“ und Digitalchef der „FAZ“. Vor zwei Jahren kam er als Chefredakteur zum Tagesspiegel. Lorenz Maroldt ist seit 26 Jahren beim Tagesspiegel. Nach Stationen im Politikressort und als Leiter der Berlin-Redaktion wurde er 2001 in die Chefredaktion berufen.]

Es gibt eine Debatte in journalistischen Zirkeln, dass Redaktionen das Ideal der neutralen Berichterstattung aufgeben sollten, und zwar nicht bei den Kommentaren, wo Parteinahme hingehört, sondern im berichtenden Teil. Dass sie Partei ergreifen sollen, für das Klima etwa, die soziale Gerechtigkeit, die Flüchtlinge; eine absichtsvollere Form des Journalismus also. Sicherlich, Neutralität ist ein hehres Ziel, das im Alltag immer wieder verletzt wird. Aber wenn der Anspruch der Neutralität über Bord geworfen wird, dann wird aus einer Redaktion eine Partei, eine Bewegung, ein aktivistisches Komitee.

Eine Stimme der Freiheit – ganz wie die Stadt Berlin

Der Tagesspiegel war die erste unabhängige Zeitung, die vor 75 Jahren in dem von Nazis und Krieg verwüsteten Berlin erscheinen durfte, nach der furchtbarsten Zeit der deutschen Geschichte, die geprägt war von Ideologen, Propaganda und grausamen Verbrechen; in der es keine freien Redaktionen gab, weil die Menschen nicht wissen sollten, worüber diese dann geschrieben hätten.

Nur wenige Jahre später wurde der Tagesspiegel schon wieder verboten, zumindest im Ostteil der Stadt. Wieder ging es darum, einer vermeintlich weltverbessernden Idee nicht Schaden zuzufügen. Und wieder ging es darum, genau deshalb die Wahrheit zu unterdrücken. Auch darauf beziehen wir ein „Nie wieder!“, wenn wir in die Vergangenheit sehen.

Die Entwicklung Berlins ist eine Geschichte der Befreiung. Von falschen Führern, von Ideologien, von Denkfesseln und gesellschaftlichen Korsetten. Der Tagesspiegel hat sich dieser Entwicklung verschrieben, als Stimme der Freiheit. Auch darauf sollen Sie sich verlassen können.

[Eine Stadt, viele Kieze: In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Glücklicherweise geht es heute nicht um Diktatur oder Freiheit, nicht um Leben oder Tod. Glücklicherweise ist heute das Vertrauen in unabhängige Redaktionen noch immer um ein Vielfaches höher als in Heilslehren und Verschwörungstheorien. Worum es dann geht? Um die Verteidigung der offenen Debatte, den Wettstreit der Argumente, und dabei vor allem: um das Aussprechenlassen, um das Zuhören, um das Aufnehmen.

Unsere Loyalität gilt der sauberen Recherche

Der Tagesspiegel hat seine Geschichte nicht vergessen. Der Kampf für die Freiheit des Gedankens gehört dazu. Unsere Sorge ist nicht der Shitstorm wegen eines Kommentars oder unbequemer Wahrheiten. Unsere Sorge ist, der Sache nicht genau genug auf den Grund gegangen zu sein.

Deshalb bleibt der Tagesspiegel bei seinem Grundsatz: Die einzige Loyalität, die eine Redaktion kennen darf, ist die gegenüber der sauberen Recherche. Und wenn nur eine Sache noch dazukommen sollte, dann diese: Empathie gegenüber denen, die zu den Schwächeren einer Erfolgsgesellschaft gehören.

Eine gute Redaktion besteht aus Leidenschaft, Leidenschaft für die Wahrheit, für die Zukunft, für die Freiheit – im Denken und im Tun. Diese Leidenschaft wollen wir Ihnen auch in Zukunft weitergeben. Denn nur so kann es Zukunft geben: gemeinsam gegen das Unwissen, die Beschränktheit, den Relativismus.

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