Die Habsburger in Hermsdorf : Wieso ein Prinz als Krankenhausclown arbeitet

Unerkannt lebt ein österreichischer Prinz in Hermsdorf und bringt Kranke zum Lachen. Jetzt hat er ein Buch über seine Familie – die Habsburger – geschrieben.

Leopold Altenburg ist Schauspieler. Seine Vorfahren regierten einst Österreich-Ungarn.
Leopold Altenburg ist Schauspieler. Seine Vorfahren regierten einst Österreich-Ungarn.Foto: Gregor-Zielke

Ob so ein modernes Märchen beginnen könnte? Unerkannt lebt er als Krankenhausclown im Norden Berlins. Nur der Briefträger ahnt was, wenn er Umschläge in den Kasten wirft, auf denen I.D., wie „Ihre Durchlaucht“ Prinz und Prinzessin Leopold von Altenburg steht.

Was dahinter steckt, enthüllt ein Buch des österreichischen Schauspielers und Kabarettisten Leopold Altenburg, in dem er Geschichten seines Großvaters Erzherzog Clemens und seines Vaters Prinz Peter erzählt: „Der Kaiser und sein Sonnenschein“.

Der Sonnenschein, das war sein eigener Großvater, der den letzten Kaiser von Österreich darauf aufmerksam machte, wie ungerecht es für die Kinder beim Essen zuging. Dem Kaiser wurde zuerst serviert, dann erst allen anderen, zuletzt den Kindern. Sobald aber der Kaiser das Besteck niederlegte, weil er fertig war, wurden prompt auch alle anderen Teller abserviert, so dass der kleine Clemens meist nicht an den Tafelspitz kam, der eigentlich sein Lieblingsspeise war.

Als er einmal so empört aufbegehrte, dass es geradezu komisch wirkte, hielten die Älteren vor Schreck den Atem an, aber der kleine Junge stieß auf Verständnis beim Kaiser. Im Grunde hat er mit den Mitteln eines Clowns durchgesetzt, dass er sich doch satt essen konnte.

Leopold Altenburg kämpft nicht für mehr Essenszeit, sondern um Menschen zu erfreuen, denen es nicht gut geht. Er gehört zur ersten Generation von Krankenhausclowns, deren therapeutische Bedeutung immer wichtiger wurde seit der Gründung des Vereins „Rote Nasen“ 1994 in Österreich.

Als Clown aufzutreten, bedeute für einen Schauspieler eine besondere Herausforderung, sagt er, weil man so vieles auf einmal können muss: „Zauberei, Pantomime, Musik, Slapstick und Improvisation.“ Beim Treffen im Café Einstein Unter den Linden steht die Gitarre neben ihm. Die wird er am Nachmittag brauchen bei einem Auftritt vor psychisch kranken Menschen.

Um das Wesen des Clowns zu verstehen, müsse man wissen, dass es sich um eine archaische Figur handelt, ein Geschöpf, das zwischen den Welten lebt und deshalb auch gut vermitteln kann, erklärt der gelernte Schauspieler. „Die Philosophie des Clowns besteht darin, einen Gegenstand von allen Seiten zu betrachten. Immer wieder scheitert er, steht dann wieder auf und macht weiter.“

Diese Haltung hilft Senioren wie Geflüchteten, aber auch Demenzkranken und krebskranken Kindern. Längst beteiligen sich auch Versicherungen an dem Konzept „Lachen ist die beste Medizin“, weil es förderlich ist fürs Immunsystem, fürs Selbstbewusstsein und den Heilungsprozess insgesamt. Patienten haben immer jemanden über sich, der weiß, was gut für sie ist, Ärzte, Krankenschwestern. Der Clown steht in der Hierarchie ganz unten, kommt aber mitunter mit bis zum Operationssaal und hilft, die Angst zu vertreiben.

Seine Frau traf er beim Clown-Workshop

Ursprünglich kam Leopold Altenburg über ein Theaterengagement in Bielefeld nach Deutschland, zog dann 2002 weiter nach Berlin. Seine Frau Juliane, Tochter eines evangelischen Pfarrers und einer Künstlerin, lernte er in einem Clown-Workshop kennen. Eine Weile waren die beiden beste Freunde, als Kollegen und selbst die künftige Schwiegermutter schon sagten: „Ihr wärt so ein schönes Paar.“

In seinem Buch beschreibt der 48-Jährige, wie schwierig es noch für seinen Großvater Clemens war, eine Frau aus dem aus der Sicht der Familie niederen, also nicht standesgemäßen Adel zu heiraten. Dabei war dessen Braut Elisabeth sogar katholisch, wie es sich für die Habsburger gehörte.

Der Großvater musste bei der Witwe des Kaisers eine besondere Erlaubnis einholen, außerdem in eine morganatische Ehe einwilligen, in der die Kinder nicht die gleichen Erbansprüche haben. Selbst in der Generation seines Vaters wäre eine nicht standesgemäße Eheschließung noch extrem schwierig gewesen. Er selber habe nicht mal ganz korrekt um die Hand seiner Frau angehalten, erinnert sich Leopold Altenburg. Dafür hat der Schwiegervater die Trauung vorgenommen - in Prenzlauer Berg, wo das Paar damals lebte. Anschließend gab es „ein ausgelassenes Fest mit Aristokraten und Gauklern im Kreuzberger Umspannwerk“.

Warum er nicht Habsburg heißt, wird ebenfalls in dem Buch erklärt. Hätte sein Großvater Namen und Titel behalten wollen, hätte die Familie auf jeglichen Besitz verzichten und ins Ausland gehen müssen. Das tat sie nicht, blieb lieber in Österreich. Allerdings sei das einstmals große Vermögen dahingeschmolzen, durch Krieg, falsche Berater und Betrüger. Doch es gibt sehr viele Nachfahren des letzten österreichischen Kaisers, selbst in Berlin. „Die Familie war sehr fruchtbar“, sagt Altenburg. Er kennt seine weitläufigen Verwandten nicht mal alle.

Das ist ihm auch nicht wichtig. Längst fühlt sich der Vater von zwei Töchtern in Berlin zu Hause. Inzwischen ist er nach Hermsdorf umgezogen. Er genießt das dörfliche Leben, die Tatsache, dass dort, anders als in Prenzlauer Berg, mehrere Generationen zusammenleben. Man trifft sich am Gartenzaun, beim Einkaufen oder sonntags in der Kirche.

Inspiration für das Buch war ein Musical

Überhaupt empfindet er das Leben in Berlin als befreiend. Die Erzherzöge früher hätten niemals Künstler werden dürfen. Soldat, Grundverwalter auch, allenfalls Diplomat, das waren die Optionen. Als Kind hat es ihn immer genervt, wenn der Vater bei jeder neuen Bekanntschaft, die er zu Hause erwähnte, nach der Abstammung fragte. Hier hat er Freunde im Kollegenkreis gefunden oder auch unter den Eltern der Kita, in die seine Töchter gegangen sind. Natürlich hat er aber auch viele Freunde aus der alten Welt, wenn er mal zu Besuch nach Wien fährt.

Ein paar der alten Traditionen hat er auch mitgebracht. Der letzte Hofdiener, der bei seinem Großvater beschäftigt war, Herr Reitter, wurde zum väterlichen Freund des Vaters. Er brachte ihm vieles bei, was fortan die Altenburgs selbst erledigen mussten. Weitergegeben wurden so zum Beispiel die Kenntnisse, wie man eine Tafel festlich deckt.

Gegessen wird auch im Hermsdorfer Haus der Altenburgs von altem ererbtem Porzellan mit historischem Silberbesteck. Nur dass jetzt alle gleichzeitig anfangen dürfen. Die Weihnachtsrituale sind noch so wie früher. Während sie zur Krippe zieht, singt die Familie „Ihr Kinderlein kommet“. Dort angekommen, wird „Stille Nacht“ intoniert. Nach der Bescherung geht es in die Messe.

Und wie kommt nun ein professioneller Krankenhausclown darauf, ein Buch über die kaiserlichen Vorfahren zu schreiben? Das Musical „Elisabeth“ über Kaiserin Sisi hat ihn dazu gebracht, sich mit der Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Mit seiner Frau besuchte er die Premiere des Stücks über seine Ururgroßmutter.

Eine PR-Agentin kümmerte sich darum, dass jeder erfuhr, dass Prinz und Prinzessin da seien. Die Töchter wollten mehr wissen. Anfangs musste er den Text umschreiben, weil zu sehr der Kabarettist durchkam. Nun ist es ein unterhaltsames und trotzdem unironisches Buch.

Einen Hofnarren gab es zur Zeit seines Großvaters zwar schon nicht mehr. Aber die Funktion des einen Menschen, der die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten und dem Herrscher etwas sagen konnte, fasziniert Leopold Altenburg . „Das waren spannende Figuren. Eigentlich müsste es auch heute ein Humor-Ministerium geben.“

Leopold Altenburg: Der Kaiser und sein Sonnenschein: Geschichten meines Großvaters Erzherzog Clemens und meines Vaters Prinz Peter. Goldegg Verlag, Berlin. 240 Seiten, 22 Euro

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