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Very British: Die Rückkehr der roten Zelle

Jahrzehntelang war das englische Telefonhäuschen vor dem Rathaus Spandaus eine Art Wahrzeichen des Bezirks. Wegen Vandalismus abgebaut, wurde es jetzt als Bücherbox reaktiviert. Das könnte zum Modell werden.

Es gibt sie als Schlüsselanhänger und als Keksdose, als Modellbausatz und sogar als ausgemustertes Original, das sich der anglophil veranlagte Hausbesitzer in den Garten oder wohin auch immer stellen kann. Und stets signalisiert die rote Farbe unübersehbar: I’m very british! An sich ist die klassische englische Telefonzelle nur ein technisches Gehäuse, aber eines, das sich längst zur nationalen Ikone gemausert hat und angesichts rapiden Schwunds auf der Insel unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Unter Touristen ist solch eine rote Kiste in Miniform nur ein beliebtes Souvenir – doch in Lebensgröße unter den besonderen Bedingungen West-Berlins ein Straßenmöbel, das zur Stadt gehörte wie die Mauer. Mal war es das Militär Ihrer königlichen Majestät, mal waren es englische Partnerstädte, die im alten britischen Sektor die roten Zellen aufstellen ließen, als Zeichen der Verbundenheit mit den deutschen Schutzbefohlenen, und stets war mit der Übergabe ein kleines Zeremoniell verbunden, Außen- und Sicherheitspolitik auf Bezirksebene.

Auch vor dem Rathaus Spandau stand lange Jahre solch ein Häuschen, ein Geschenk der englischen Partnerstadt Luton aus den siebziger Jahren, wie man sich im Bezirksamt erinnert. Ursprünglich nur fürs Telefonieren gedacht, diente es jedoch mehr und mehr auch als Objekt, um die Lust am Vandalismus auszuleben. Mitte der Neunziger war die Telefonzelle repariert worden, doch im darauffolgenden Jahrzehnt zog man aus den unentwegten mutwilligen Zerstörungen die Konsequenz, baute das Häuschen ab und lagerte es auf der Zitadelle ein.

Ein jahrelanger Dornröschenschlaf folgte, der jetzt beendet wurde: Seit Wochenbeginn ist die Zelle wieder in Betrieb, allerdings nicht mehr vor dem Rathaus, sondern drinnen, im Wartebereich des Bürgeramtes. Und sie dient, nachdem die Telekom eine erneute Aktivierung abgelehnt hatte, auch nicht mehr als Fernsprecher, sondern als Bücherbox für Bücher und Zeitschriften aus und über Great Britain. Das Bezirksamt mit Baustadtrat Carsten Röding und die Kameradschaft der German Security Unit, die als Verein einige Tausend ehemalige Wachpolizisten der Alliierten vertritt, hatten das Projekt vorangetrieben, die Berliner Volksbank als Sponsor und die Firma Lutz Hegert in Dallgow-Döberitz für die Restaurierung gewonnen. Diese war mühsamer als gedacht: Als der Lack abgeschliffen war, sah man erst die vielen Schweißstellen, die Tür war herausgebrochen, und die oberen Embleme mussten teilweise neu gegossen werden. Neue Scheiben brauchte das Häuschen sowieso.

Die Erstausstattung übernahm die Stadtbibliothek, jetzt hofft man auf Spenden aus der Leserschaft – und vor allem auch darauf, dass der Schwund des Sortiments nicht zu groß wird. Anders als in einer Bibliothek entfallen Leihschein und -fristen. Man nimmt, was man braucht, stellt es danach zurück.

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Wieder schön rot. Die Telefonzelle im Rathaus Spandau dient jetzt als Bücherbox. Bei der Vorstellung waren auch Susanne Helbig von der Kameradschaft der German Security Unit, Baustadtrat Carsten Röding, Sascha Schönheit von der Berliner Volksbank und Stephan Machulik, Stadtrat für Bürgerdienste und Ordnung (von links) anwesend.
Wieder schön rot. Die Telefonzelle im Rathaus Spandau dient jetzt als Bücherbox. Bei der Vorstellung waren auch Susanne Helbig von der Kameradschaft der German Security Unit, Baustadtrat Carsten Röding, Sascha Schönheit von der Berliner Volksbank und Stephan Machulik, Stadtrat für Bürgerdienste und Ordnung (von links) anwesend.
©  Maier/Bezirksamt Spandau

Lesen statt telefonieren – das Modell könnte für die roten Boxen Schule machen. Beispielsweise vor dem Rathaus Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz: Auch dort steht eine Britenzelle, zwar kaum von Vandalismus betroffen, aber von der Telekom als Gehäuse eines Fernsprechers längst aussortiert. Klaus-Dieter Gröhler, Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, berichtet, er befinde sich im Gespräch mit Konrad Kutt vom Projekt Bücherboxx, das etwa schon eine solche Box an der Gedenkstätte Gleis 17 am S-Bahnhof Grunewald betreibe. Auch für den Fehrbelliner Platz sei an Literatur aus und über England gedacht, vielleicht auch über die Geschichte der Alliierten in West-Berlin. Die Zelle müsste noch umgearbeitet werden, solle eventuell ein Solarpaddel für die Beleuchtung erhalten.

Für die rote Telefonzelle vor dem Rathaus Tiergarten am Moabiter Mathilde-Jacob-Platz wurde solch eine Mini-Bücherei gleichfalls erwogen. Ein Telefon hängt schon lange nicht mehr drin, doch wurde das Briten-Präsent erst im Dezember vom Heimatverein, der Geschichtswerkstatt Tiergarten e.V. und dem Verein Moabit-ist-Beste repariert und wieder hübsch gemacht. Vor dem Rathaus Tempelhof gab es einst ebenfalls eine rote Zelle, die schon vor einiger Zeit wegen Vandalismus abgebaut worden sein soll. Das ist bei dem Exemplar im International Club an der Thüringer Allee in Charlottenburg nicht zu erwarten, die Mitglieder neigen nicht zur Sachbeschädigung. Telefonieren kann man dort aber auch nicht mehr.

Auch die Telefonzelle, die seit 1972 an der Greenwichpromenade in Reinickendorf steht, ist gut in Schuss. Früher war sie von Büschen eingerahmt, mittlerweile hat man sie ins Freie gerückt, das schreckt Großstadtvandalen offenbar ab. Das Beste an dieser Zelle aber ist: Man kann dort telefonieren.

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