„Ecstatic Dance“-Partys in Berlin : Feiern ohne Alkohol und Schuhe

Bei der Partyreihe soll jeder tanzen wie er möchte. Doch es gibt auch einige Regeln: Getränke, Rauchen, Handys und Gespräche sind auf der Tanzfläche verboten.

Tanzwütig. Auf der Tanzfläche ist Sprechen während einer „Ecstatic Dance“-Party verboten.
Tanzwütig. Auf der Tanzfläche ist Sprechen während einer „Ecstatic Dance“-Party verboten.Foto: Robert Klages

Die Tür geht auf: Nassgeschwitzt und freudestrahlend kommt Johannes aus dem Raum. Für einen Moment sind der wummernde Bass und animalisch anmutende Geräusche zu hören, dann geht die Tür wieder zu. Johannes lässt sich auf eine Couch fallen, nimmt sich eine Apfelscheibe und trinkt einen „Magic Kakao“. „Das ist wie ein ganzes Wochenende durchtanzen – nur noch intensiver“, sagt er. „Aber das Gute ist: man spart sich den Kater.“ Er macht zum ersten Mal mit beim „Ecstatic Dance“, an diesem Donnerstag im „Haus der Lebenskunst“ in Kreuzberg. Drei Stunden Tanzen, ohne Schuhe – und auch ohne Alkohol, Gras oder Drogen. Nur die reine, pure Tanzerfahrung soll es sein.

Das moderne Tanzritual ist eine weltweit wachsende Bewegung, die bereits als „das neue Yoga“ bezeichnet wird. Also Tür auf und rein: Zu der Elektromusik eines DJs zappeln geschätzt 80 Personen wild umher und durcheinander. Ein paar von ihnen kriechen über den Boden wie Regenwürmer oder Krebse. Eine Gruppe schmiegt sich liebevoll aneinander, der Schweiß tropft von der Decke, einige Tanzende haben sich bereits ausgezogen. Und ja, es wird auch getwerkt. Vereinzelt sitzen noch Tanzgäste am Rand des Raums oder wiegen gelassen vor sich hin.

Die Jüngste 20, der Älteste 54. Zu einer Mischung aus 90er-Jahre-Scooter-Techno und indischer Bollywood-Musik beginnt ein Pärchen einen Walzer durch die Menge. Funky-Moves, Ballett, Tango, Headbangen – alles mit dabei. Andere üben sich in Yoga-Figuren, machen Stretchübungen oder ruhen sich einfach mal aus. Als Elemente von 90er-Jahre-Smashhits wie „Cotton Ey Joe“ aus dem Musikteppich zu vernehmen sind, mutiert der Saal kurzzeitig zu einer Dorfdisko. Dann wird der Sound meditativ, die Leute ruhiger.

Auf ein Kakao oder Wasser im Vorraum

Auf der Tanzfläche ist reden verboten. Dazu trifft man sich auf einen Kakao oder ein Wasser im Vorraum. Der speziell angerührte und fermentierte Kakao soll eine aufhellende und euphorisch machende Wirkung haben. Katharina ist schwanger und ebenfalls das erste Mal beim „Ecstatic Dance“. Sie überlegt noch, ob der Kakao das Richtige für sie ist.

Der Verkäufer meint, da könne eigentlich nichts passieren, aber Katharina trinkt doch lieber Wasser. „Man braucht absolut keinen Alkohol zum Feierngehen“, erzählt eine junge Frau neben ihr. Außerdem würden sie die ganzen betrunkenen Männer in den Clubs nerven, die ab einer gewissen Uhrzeit nur noch wild um sich tatschen würden. Da geht sie lieber zum „Ecstatic Dance“ und gibt sich ganz dem befreiten Tanzgefühl hin

Ohne belästigt oder für die Bewegungen, die sie macht, schräg angeschaut zu werden. Denn die erste Regel des Tanzclubs lautet: Es gibt keine Regel. Jeder möge tanzen, wie immer es ihm beliebt. Dass ohne Schuhe getanzt wird, führt bei Neueinsteigern gelegentlich zu Blasen an den Füßen. Zudem sind Getränke, Rauchen und Essen sowie Handys und Fotos machen auf der Tanzfläche nicht erlaubt.

Alkohol wird erst gar nicht ausgeschenkt. Kein Stroboskop, keine Diskokugel. Einen Dresscode gibt es auch nicht. Vor Beginn der Veranstaltung wird sich umgezogen: Manche sehen aus, als würden sie nun meditieren wollen, andere, als seien sie auf dem Weg zur Loveparade – wieder andere kommen direkt von der Arbeit, die Krawatte oder die Träger vom Blaumann lediglich etwas gelockert.

Eine „Tür“ oder eine spezielle Einlasspolitik, wie bei manchen Berliner Clubs üblich, gibt es ebenso wenig wie eine Alterskontrolle. Alle sind willkommen. Eintritt wird trotzdem gezahlt, 10 bis 15 Euro im Schnitt. Einer will nach dem „Ecstatic Dance“ noch weiterziehen, in „einen richtigen Club“. Aber „für den Einstieg“ sei es hier genau richtig. Denn um 22.30 Uhr ist Schluss, es ist auch eine Art After-Work-Party. Und die Session endet, womit sie begonnen hatte: Yoga-ähnliche Lockerungsübungen, Gesangspraktiken, Klangschalen und Entspannung. Matratzen und Decken werden verteilt, wie bei einem Yogakurs.

Partyreihe gibt es weltweit

Ein Amerikaner gibt eine Einführung in die Möglichkeiten der Selbstmassage: Den Körper abklopfen, fühlen und auf dem Boden herumdrücken. So werden die Teilnehmer wieder aus der Tanzextase geholt, wie sie zuvor in diese eingeführt wurden. Ziel des Ganzen, neben einer Menge Spaß: die Gemeinsamkeit, das Zusammensein. Und das einheitliche, zeremonielle Herantanzen an einen „Peak“, an einen Höhepunkt.

Aufgabe des Diskjockeys ist es, die Tanzreise zu „kuratieren“, wie es Pascal de Lacaze-Duthiers ausdrückt, der diese in Berlin veranstaltet und vor sieben Jahren gegründet hat. Alles geht um die „Wave“, sagt er. Um die Tanzwelle, die gemeinschaftlich erzeugt werden soll. Der 47-Jährige ist viel unterwegs: Als Ecstatic-Dance-DJ wurde er 2017 in 12 Ländern gebucht.

„Ecstatic Dance ist gesund, macht Spaß und man trifft weltoffene Menschen“, sagt er. Im indischen Bundesstaat Goa würden derzeit fünf bis sechs Ecstatic Dances pro Woche stattfinden, mit teilweise über 400 Tanzenden aus aller Welt. Begonnen habe es in Hawaii, von wo aus es sich nach Kalifornien ausgebreitet habe. Auch hier würden Massensessions abgehalten. Berlin ist nicht mehr weit davon entfernt, auf diese „Wave“ aufzuspringen.

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„Ecstatic Dance“ findet für gewöhnlich jeden Donnerstag um 18.30 Uhr oder auch mal sonntags um 10 Uhr morgens (und dann auch mit Kindern) statt. Für gewöhnlich im „FMP1“ am Franz-Mehring-Platz 1 in Friedrichshain. Infos zu den Veranstaltungen sind hier zu erhalten.

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