zum Hauptinhalt
Die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg gilt als Impulsgeberin der Region.
© Imago/Rainer Weisflog

Wirtschaftsregion Berlin-Brandenburg: Ein Korridor für die klimafreundliche Industrie

Zwischen den Forschungsstandorten Adlershof und Cottbus soll eine „Innovationsachse“ entstehen. Ein erstes wichtiges Anschubprojekt ist das Zentrum für klimafreundliches Fliegen.

Die Lausitz hat nicht das beste Image, „da gibt es Wölfe und Bevölkerungsschwund“, sagt Gesine Grande, Präsidentin der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus (BTU). Und eine klimaschädliche Braunkohleverstromung, deren Tage gezählt sind. Aber aus dem bekannten Lausitz-Lamento müsse man aussteigen und die positiven Dinge kommunizieren, beispielsweise, dass es in einigen Gegenden einen Geburtenzuwachs gebe. Und dass Unternehmen fragen, wie es nach der Ansiedlung von Tesla in Grünheide weitergeht.

Die Lausitz könnte einen Imagewechsel hinlegen wie es die Wissenschaftsstadt Adlershof (Wista) schon geschafft hat. Die Stiftung Zukunft Berlin spricht schon länger von einer „Metropolregion Berlin-Brandenburg“ und von Entwicklungskorridoren oder Innovationsachsen aus der Hauptstadt ins Umland, eine dieser künftigen Achsen soll über den BER in Schönefeld und die Spreewald-Kommunen Lübben und Lübbenau bis nach Cottbus und Schwarze Pumpe führen. In Cottbus plant die BTU einen „Lausitz Science Park“, der vom Flächenangebot her mal die Nummer drei der deutschen Technologieparks werden könnte. „Adlershof ist die Nummer eins“, sagt Wista-Chef Roland Sillmann, damit die Relationen nicht verrutschen. „Und wenn wir die Nummer eins und die Nummer drei verbinden, hätten wir sicher eine extreme Strahlkraft in Deutschland, auch in Europa.“

Unternehmen und Fachkräfte in die Region locken

Sillmann gehört zu den 35 Unterzeichnern eines „Memorandums zur Entwicklung und Umsetzung einer modellhaften Strategie für eine Achse der Innovation und Nachhaltigkeit Berlin-Lausitz“, das am Montag vorgestellt wurde. Das Memo ist ein erster Schritt zur Erarbeitung einer Strategie, wie sich die neue Achse entwickeln soll, wie man vor allem weitere innovative Unternehmen in die Region locken kann und auch das nötige Personal. Fachkräfte und Forschungsinstitute sind inzwischen der Goldstandard für jede Industrieansiedlung.

Die Tesla-Gigafabrik in Grünheide wirbt schon jetzt weltweit für die Region südöstlich von Berlin.
Die Tesla-Gigafabrik in Grünheide wirbt schon jetzt weltweit für die Region südöstlich von Berlin.
© Reuters/Mike Blake

Weil es viele kreative Köpfe nicht mehr unbedingt in die Städte zieht, möchte Sillmann Coworking-Arbeitsplätze in landschaftlich reizvoller Umgebung anbieten, etwa in Lübbenau. Wer dort arbeitet, fährt nur noch an ein oder zwei Tagen die Woche nach Adlershof, was den Verkehr entlastet. Und die Umwelt. Die Kommunen im Spreewald freuten sich über Zuzügler und hätten auch Platz für gewerbliche Ansiedlungen, die durch die „Strahlkraft“ der künftigen Innovationsachse ausgelöst werden. „Wir haben mehr als Wohnangebote und Natur zu bieten“, sagt Gerald Lehmann, Bürgermeister von Luckau.

Ein wichtiges Leuchtturm-Projekt für das Achsen-Modell – neben BER und Tesla - soll das „hybrid-elektrische Fliegen“ werden, dem sich die BTU und der Turbinen-Herstelle Rolls-Royce aus Dahlewitz verschrieben haben. Um ein Forschungsinstitut für die Entwicklung klimaneutraler Antrieb für Flugzeuge aufzubauen (Projektname: Chesco), erhält die BTU 38,5 Millionen Euro von der Brandenburger Investitionsbank. Das passe perfekt zur Unternehmensstrategie von Rolls-Royce, sagt Managerin Stephanie Willmann. „Die dritte Generation des Fliegens wird hier erforscht und entwickelt.“ Nach Propellermaschinen und Turbinen-Flugzeugen soll künftig klimaneutral geflogen werden.

Weitere Ansiedlungs-Magneten sollen das neue ICE-Instandhaltungswerk der Bahn in Cottbus sein sowie der geplante Ausbau der Universitätsmedizin in der Lausitz-Stadt.

Auf Berliner Seite sind Neukölln und Treptow-Köpenick an Bord

Stellvertretend für die Stadt Berlin haben die Bezirksbürgermeister von Neukölln und Treptow-Köpenick das Memorandum unterzeichnet. „Die Flächenbedarf kann Berlin gar nicht allein befriedigen“, sagte Neuköllns Rathauschef Martin Hikel (SPD). Beide Länder profitierten von den Ansiedlungsimpulsen, die derzeit durch den BER und Tesla ausgelöst würden. Wichtig seien dabei auch neue Hochschulkapazitäten. Am S-Bahnhof Sonnenallee werde sich die SRH-University of Applied Sciences ansiedeln.

So, wie Berlin ein Sehnsuchtsort für viele kluge Köpfe sei, müsse das auch die Lausitz werden, sagt Hermann Borghorst von der Stiftung Zukunft Berlin. Man müsse sich als europäische Region im internationalen Wettbewerb behaupten. Das umfassende Thema sei dabei die „klimaneutrale Entwicklung.“ Günter Stock vom Berliner Förderfonds Wissenschaft wies darauf hin, dass die Lausitz künftig als „gigantischer CO2-Speicher“ dienen könne, durch die Renaturierung der großen Tagebauflächen.

Eine Management-Agentur soll die Region nach außen und innen vertreten

ie Regiond Bisher existiert von den Plänen nicht mehr als ein Stapel Papier. Borghorst will in den nächsten Wochen Gespräche mit den Staatskanzleien beider Länder führen, um vor allem Mitarbeiter für eine Innovationsagentur einzuwerben, die das Projekt vorantreibt. Inhaltlich geht es zunächst darum, die Akteure zu vernetzen und die Region nach außen zu vertreten. Je zwei Mitarbeitende aus Berlin und Brandenburg wünscht sich Borghorst. Konkrete Finanzmittel als Anschub gibt es noch nicht, aber das sehen die Unterzeichner des Memorandums bislang als eher kleinere Hürde.

Schließlich liegt die Achse zumindest in Teilen im Bereich der Braunkohleregion, für die der Bund ja ein milliardenschweres Förderpaket auf den Weg gebracht hat. Hinzu kämen für Brandenburg rund 800 Millionen Euro aus den Mitteln des Green Deal der EU, sagt Klaus Freytag, Lausitz-Beauftragter der Landesregierung.

Wenn der Motor für die Lausitz-Region angesprungen ist und von alleine läuft, sollten ähnliche Schneisen der industriellen Entwicklung auch in den Norden und Westen Brandenburgs geschlagen werden. Dort fehlt aber noch ein Berliner Kraftzentrum wie die Wista, die an ihre natürlichen Grenzen stößt.

Zur Startseite