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Plattner-Sammlung: Eine kleine, feine Sammlung ostdeutscher Kunst

Was der SAP-Gründer und Milliardär Hasso Plattner bisher für sein Potsdamer Ausstellungsprojekt zusammengetragen hat, kann sich schon mal sehen lassen.

Weit streckt dieser Wechselbalg sein rechtes Bein vor. Es ist nackt, das linke, abgeknickte steckt in betressten Uniformhosen. Ein Zwitterwesen, wenn auch unvollständig: Der Kopf ist kaum der Rede wert und mit dem Rumpf ist auch nicht viel los. Ein Arm endet in der geballten Faust, dem Symbol klassenkämpferischer Arbeiterschaft, der andere reckt sich zum Hitlergruß. Der „Jahrhundertschritt“ ist eine der bekanntesten Skulpturen der DDR-Kunstgeschichte. Geschaffen hat sie der 2004 verstorbene Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer 1984.

Abgüsse in Eisen oder in Bronze stehen unter anderem im Museum Moritzburg in Halle, vor der Berliner Volksbank an der Budapester Straße sowie vor dem Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig. Sollte es Hasso Plattner gelingen, in Potsdam seine Kunsthalle zu bauen und vor dem Eingang ein Exemplar von Mattheuers „Jahrhundertschritt“ zu platzieren, wäre damit die Qualitätsmarge gesetzt: Hier darf der Besucher das Beste erwarten.

Beharrlich hat Plattner in den letzten Jahren Arbeiten prominenter, ehemals in der DDR lebender Künstler erworben. DDR-Kunst kann man diese kleine Kollektion aber nicht nennen, denn viele Werke sind erst in den Jahren nach der Wiedervereinigung entstanden. Ein Statement gibt der Sammler damit trotzdem ab, sein Bekenntnis zur künstlerischen Weltsicht aus dem Osten, die sich, mal grüblerisch-geschichtsversessen, mal heiter und entspannt, meist am Sichtbaren abgearbeitet hat. Mit Realismus, gar sozialistischem, hat das bekanntlich wenig zu tun.

Neben Mattheuer, dem spröden eigenbrötlerischen Spätromantiker, von dem Plattner außerdem etliche bezaubernde Landschaftsbilder besitzt, hat der Sammler vor allem späte und letzte Bilder des vor einem Jahr gestorbenen Bernhard Heisig erworben. Neben privaten Sujets wie der im Abendrot glühenden Havellandschaft um Heisigs letzten Wohnort Strodehne gibt es Gemälde, die seine Theater- und Literaturleidenschaft spiegeln. Trotz nachlassender Körperkräfte zeigt sich der Maler in einem Bild wie „Mephistopheles“ von 2008 als Meister der Psychologisierung. Viel seltener als gedacht kommt das, was man als Leipziger Schule bezeichnet, mit dem weltanschaulichen Holzhammer daher.

Mehr Mut, jenseits vom Leipziger Kanon

Märkische Landschaft. Von dem 2011 verstorbenen Maler Bernhard Heisig hat Hasso Plattner mehrere Werke erwoben, darunter das Bild „Abend im Havelland“, das 2008 entstanden ist.
Märkische Landschaft. Von dem 2011 verstorbenen Maler Bernhard Heisig hat Hasso Plattner mehrere Werke erwoben, darunter das Bild „Abend im Havelland“, das 2008 entstanden ist.

© privat

Gedanklich differenziert geben sich auch zwei Bilder mit Darstellungen von Friedrich dem Großen, der Heisig als historische Projektionsfläche jahrzehntelang umgetrieben hat. An Stellen wie dieser wird allerdings deutlich, was Plattners im Aufbau befindlicher Sammlung bislang weitgehend fehlt: ältere Schlüsselwerke seiner Lieblingskünstler, die die Fallhöhe seiner persönlichen Auswahl weiter erhöhen. Sie wären durchaus noch auf dem Kunstmarkt zu haben. In diese Richtung weist das Mitte der 1980er Jahre entstandene Karnevals-Diptychon des 1943 geborenen Ulrich Hachulla, vor allem jedoch „Der Narr und das Mädchen“, ein Großformat von Hachullas berühmtem Lehrer Werner Tübke von 1982. Tübkes am Geist der Renaissance geschultes Tafelgemälde ist als bedeutendes Nebenprodukt seines Bad Frankenhausener Bauernkriegspanoramas anzusprechen.

Die Bilder der Sammlung sehen Sie hier:

Auch Arno Rink, wie Hachulla ein weiterer Vertreter der mittleren Leipziger Generation (und als langjähriger Hochschullehrer eine nicht zu unterschätzende Vermittlerfigur), ist in Plattners Kosmos mit typischen neueren Arbeiten wie „Lots Töchter“ von 2007 vertreten. In ihrer raffinierten räumlichen Konstruktion stehen sie für eine Art Rückkopplungseffekt zu Rinks berühmtestem Schüler Neo Rauch, der in Plattners Universum noch fehlt. Wie einiges andere auch.

Was wir dem Sammler Hasso Plattner und der künftigen Potsdamer Kunsthalle mit einem möglichen Schwerpunkt ostdeutscher Kunst wünschen? Den Mut, jenseits vom Leipziger Kanon beherzt Entdeckungstouren in ostdeutschen Kunstzentren zu unternehmen. Endlich nonkonforme Positionen in die Sammlung holen – damit das Bild rund wird. Mit Kunsthändlern wie den Berlinern Gunar Barthel und Tobias Tetzner oder Galeristen wie der Potsdamerin Friederike Sehmsdorf stünden kundige Berater bereit.

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